Nie wieder auf deutschem Boden

Jüdische Vergangenheit des Klosters St. Ottilien soll aufgearbeitet werden

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Bis auf den letzten Platz besetzt war der Saal im Exerzitienhaus, als Bayern-3-Moderator Thorsten Otto (links) den jüdisch-deutschen Historiker Michael Brenner interviewte.

St. Ottilien – In diesen Wochen beschäftigt sich das Kloster St. Ottilien mit seiner jüdischen Vergangenheit. Von 1945 bis 1948 existierte auf dem Gelände der Erzabtei ein Krankenhaus für sogenannte Displaced Persons (DP) – für Überlebende aus den Konzentrationslagern und Menschen, die durch Krieg und Verfolgung heimatlos geworden waren. 70 Jahre nach der Schließung des DP-Krankenhauses trafen in St. Ottilien die Nachkommen von Holocaust-Überlebenden sowie zahlreiche weitere Interessierte aus dem In- und Ausland zu einer mehrtägigen Veranstaltung zusammen.

Den Auftakt bildete die Eröffnung einer Ausstellung in der Klostergalerie, die sich mit dem jüdischen Leben im St. Ottilien der Nachkriegsjahre befasst und gemeinsam von Pater Cyrill Schäfer sowie Vertreterinnen des Jüdischen Museums München und des Historischen Seminars der Ludwig-Maximilians-Universität konzipiert wurde.

Wie das jüdische Leben im Bayern der Nachkriegszeit aussah, darüber sprach im Anschluss Bayern-3-Moderator Thorsten Otto mit Professor Michael Brenner, Historiker und Sohn zweier Holocaust-Überlebender aus der Oberpfalz. Otto und Brenner sind dort zusammen zur Schule gegangen und teilen viele gemeinsame Erinnerungen.

Dass Brenners Eltern nach Kriegsende in Deutschland blieben, war die große Ausnahme. Die meisten Juden, die die Nazi-Herrschaft überlebt hatten, verließen das Land. So auch zwei Schwestern seines Vaters, wie Brenner berichtete. „Die eine kam immer mal wieder zu Besuch, die andere wollte nie wieder deutschen Boden betreten.“ Bei Aufenthalten in Israel habe sein Vater sich noch bis in die 1970er Jahre hinein unwohl gefühlt, Deutschland als seinen Wohnort zu erwähnen.

Antisemitismus heute

Normalität im deutsch-jüdischen Verhältnis mag sich vielleicht in den 1990er Jahren angedeutet haben, inzwischen jedoch verschlechtert sich die Situation wieder, wurde aus dem Gespräch deutlich. Thorsten Otto zitierte die erschreckenden Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter der jüdischen Bevölkerung in Deutschland: Fast zwei Drittel haben bereits versteckte antisemitische Beleidigungen erfahren, ein Drittel sogar offene Anfeindungen.

Wer hier sofort an Islamisten denkt, liegt falsch. Die meisten antisemitischen Straftaten kommen Brenner zufolge aus der rechtsradikalen Ecke und sind im übrigen nicht auf Deutschland beschränkt. „Jede jüdische Einrichtung in Europa ist ja nicht am Davidstern zu erkennen, sondern an den Polizeiautos vor der Tür, mit denen die Einrichtung geschützt wird.“

Was jeder Einzelne zur Verbesserung der Situation tun kann - „dafür gibt es kein allgemeingültiges Rezept“. Eine große Rolle spielt naturgemäß die Schule. Außerdem könne jeder Einzelne im täglichen Leben Offenheit praktizieren. Veranstaltungen wie die in St. Ottilien seien ebenfalls ein Schritt in die richtige Richtung – nicht jedoch das Aufhängen von Kreuzen in öffentlichen Einrichtungen. „Kleine Schritte können auch in die falsche Richtung führen“, sagte Brenner unter dem Applaus der zahlreichen Zuhörer.

Die Ausstellung „St. Ottilien und seine jüdische Geschichte“ ist noch bis zum 23. September in der Klostergalerie zu sehen. Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag 10 bis 12 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr; Samstag 10 bis 12 Uhr und 13.30 bis 18 Uhr. Und an Sonn- und Feiertagen von 10.30 bis 16 Uhr.

Ulrike Osman

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