Die Totenlieder der Komponisten

"Mendelssohn III – Requiem" im Bibliothekssaal

+
Konzerte in einmaliger Umgebung und herausragender Qualität bietet die Reihe „Kammermusik im Bibliothekssaal“. Hier Anne Schoenholtz, Stephan Hoever, Lydia Teiuscher, Mathias Schessl und Jan Mischlich (von links). Bisher vor allem von der Hans-Heinrich-Martin-Stiftung unterstützt, endet die Reihe im Mai 2019 – wenn sich kein neuer Sponsor findet.

Landsberg – Der Programmtitel ist kurz und bündig: „Requiem“. Sterben, Tod, Leiden, und das Anfang Juni, an einem meerblauen Sommerabend nach einem hitzesonnigen Tag? Und dann hat der Veranstalter der Konzertreihe Franz Lichtenstern am vergangenen Sonntag auch noch Komponisten wie Schostakowitsch und Reimann gesetzt – kein leichtes Menü, sondern schwere Kost. Und dennoch: Der Bibliothekssaal des Agrarbildungszentrums ist wieder mal bis auf den letzten Platz ausverkauft. Und das zurecht: Außergewöhnliche Programme, spannende Musik und hervorragende Musiker machen die Reihe „Kammermusik im Bibliothekssaal“ zu einer Perle im Landsberger Kulturleben.

Keines der aufgeführten Werke des Abends ist indessen ein Requiem. Vielmehr handelt es sich um die Spätwerke der Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy und Dmitri Schostakowitsch: von Mendelssohn das tatsächlich letzte Werk, von Schostakowitsch das letzte Streichquartett. Als „Puffer“ fungieren Mendelssohns Vertonungen von Heine-Gedichten, die der zeitgenössische Komponist Aribert Reimann zu einem Liederzyklus unter dem Titel „… oder soll es Tod bedeuten?“ gefasst hat.

Am Anfang ist die Konzentration am besten. Und so beginnt das Konzert mit dem schwierigen Teil, Schostakowitschs Streichquartett Nr. 15. In es-Moll, die Tonart, die Dichter und Komponist Christian Schubart als geeignet empfand, „Empfindungen der hinbrütenden Verzweiflung“ auszudrücken: „Jede Angst, jedes Zagen des schaudernden Herzens, athmet aus dem gräßlichen es-Moll. Wenn Gespenster sprechen könnten; so sprächen sie ungefähr aus diesem Tone.“ Das Streichquartett enthüllt schon beim Lesen seine Außergewöhnlichkeit: sechs Sätze, jeder einzelne ein Adagio, alle gehen ineinander über. Als der russische Komponist sein 15. und somit letztes Quartett 1974 komponiert, scheint er den der Tod zu ahnen: „Um mich kreist der Tod, einen nach dem anderen nimmt er mir.“ Ein Jahr später, im August 1975, stirbt Schostakowitsch.

Schon der Anfang des grandiosen Stückes atmet Verzweiflung. Die zweite Geige (Stephan Hoever) setzt mit der einfachen Melodie ein, zaghafte Töne, die vor Einsamkeit sprühen. Das Thema wandert in die erste Geige (Anne Schoenholtz), beide reiben sich in Dissonanzen, bevor sich Cello (Jan Mischlich) und Bratsche (Mathias Schessl) in den Kanon der Themenmelodie einreihen. Melancholische Akkorde zum Dahinschmelzen wechseln sich ab mit dissonanten Akkorden im Sekundabstand. Die erste Geige dramatisiert in Quartsprüngen, die Bratsche setzt zaghaft Melodielinien dazwischen, tupft Töne auf das Unisono der Geigen. Ein Gefühl von absoluter Leere.

Der emotionale, melancholische Anfang wandelt sich, die Musik fährt ihre Krallen aus: Ein langer Ton in der Geige, die Bratsche nimmt ihn auf, von sanftem Piano zu einem brüllenden Forte gespielt – beim Cellobogen reißen die Rosshaare. Dazwischen schleicht ein Walzer, rutscht ab, hinkt. Pure Verzweiflung. Weil es auf die Frage des „Warum“ keine Antwort gibt. Der Komponist soll seinen Musikern bei einer Probe geraten haben, das Stück so zu spielen, dass „die Fliegen in der Luft tot herunterfallen und das Publikum aus reiner Langeweile“ den Saal verlässt. Das Ziel haben die vier Streicher nicht erreicht. Denn das Publikum ist begeistert.

Nach der Pause überzeugt Sopranistin Lydia Teuscher mit ihrer Stimme und den von Mendelssohn vertonten Heine-Gedichten, die Aribert Reimann durch Intermezzi zu einem Ganzen verbunden hat –spannend: Da sind einerseits die hochromantischen Melodien Mendelssohns mit den träumenden Worten Heines. Aber dazwischen kracht und knistert es: der 1936 geborene Reimann bricht die Romantik mit Moderne – und macht sie so umso deutlicher. Heine und Mendelssohn waren nicht unbedingt beste Freunde. Heine warf dem Komponisten „Christeln“ vor, dass er den „Pietisten“ diene. Mendelssohn hingegen war der Mensch Heine viel zu liberal – und damit gefährlich. Allerdings wusste er den Poeten zu schätzen.

Den Abschluss des Konzertes bildet Mendelssohns Streichquartett in f-Moll. Ein Ausbund an Leidenschaft, vier Sätze, drei davon im Allegro-Tempo. Es ist etwas Neues, ein wuchtiges, dramatisches Werk, ganz anders als die klassischen Streichquartette der damaligen Zeit. Geschrieben hat Mendelssohn das Stück 1847, kurz nach dem Tod seiner Schwester, der Komponistin Fanny Hensel. Deren Tod reißt ihn in ein tiefes Nichts, in eine „Leere und Wüste im Kopf“. Trauer, die sich im Streichquartett spiegelt. Nach Vollendung der Komposition lebte Mendelssohn nur noch zwei Monate – er starb bereits mit 38. Der Grund, warum dieses Stück sowohl als Requiem für Fanny als auch für Mendelssohn selbst gesehen wird. Das Stück wirkt zornig, ausdrucksvoll. Die Streicher „zittern“ in Tremoli, kantige Rhythmen und Synkopen prägen das Tempo. Die Musiker spielen mit Präzision und Ausdruck, gehen ganz in der Musik auf. Und werden mit Bravorufen belohnt.

Lichtenstern feiert im nächsten Jahr das Zehnjährige der Reihe „Kammermusik im Bibliothekssaal“. Aber nur knapp: Denn das Konzert wäre fast zum Requiem der Reihe geworden. Die Konzerte fordert Engagement – unentgeltlich natürlich. Plakate wollen entworfen, Programme erstellt werden. Für die Konzerte sagt Lichtenstern oft ein Engagement ab. Aber Kultur kostet, und Geld ist, wie bei so vielen kulturellen Veranstaltungen, auch bei der Musikreihe der Knackpunkt. „Ich bin enttäuscht“, gibt Lichtenstern zu. Er habe bei vielen Firmen um Unterstützung gebeten – ohne Erfolg. „Und so wird das Konzert im Mai 2019 das vorerst letzte sein, wenn sich kein Sponsor findet.“ Bei der wirtschaftlichen Lage und den vielen erfolgreichen Firmen in Landsberg müsse es doch möglich sein, Unterstützung zu finden. „Es geht dabei nicht um Unsummen, nur um ungefähr 5.000 Euro im Jahr.“

Sollte die Reihe „Kammermusik im Bibliothekssaal“ 2019 zu Ende gehen, wird das unglückliche Musikfans hinterlassen. Und im Landsberger Kulturleben eine Lücke. Natürlich sind hochkarätige Festivals wichtig – und für Sponsoren interessanter. Aber Kultur lebt durch Vielfalt. Und die Perlen finden sich im kleineren Maßstab. So wie diese Konzertreihe.

ks

Auch interessant

Meistgelesen

2.000 Mann kämpfen gegen den Terror
2.000 Mann kämpfen gegen den Terror
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Glück oder Pech
Glück oder Pech
Tippen Sie, ob sich Argentinien gegen Kroatien behaupten kann und gewinnen Sie tolle Preise!
Tippen Sie, ob sich Argentinien gegen Kroatien behaupten kann und gewinnen Sie tolle Preise!

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.