Fulminanter Auftritt im Landsberger Stadttheater

Zauberhafte Meret Becker

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Meret Becker im rauschenden Brautkleid und ihre Band The Tiny Teeth brachten das Publikum im Stadttheater zum Jubeln. Eine grandiose Mischung aus Varieté, Liedermachersongs und großer Schauspielkunst.

Landsberg – Herrreinspaziert, Mesdames et Messieurs! Erwartet wird die zauberhafte Meret Becker und die Tiny Teeth mit ihrem Zirkus „Le Grand Ordinaire“: eine bittersüße Wundertüte aus Poesie und Humor, Varieté und Akrobatik, Chanson und Westernsong. Stargäste sind: Glasharfen und singende Sägen, Bühnenmeister Peter Dürrschmidt als Herr der Leiter, ein Föhn und sogar der fliegende Mops! Ein Zirkus, wie man ihn sich erträumt. Weil er mit Fantasie den Zuschauer in ein anderes Universum entführt. Das Publikum im Stadttheater ist hingerissen, lauscht andächtig, lacht schallend, strahlt vor Glück. Und will die Künstler eigentlich nie wieder gehen lassen.

Die Bühne ist noch dunkel, als Becker im flauschig-gebauschten Federbrautkleid hereinkommt. Sie ordnet die Stofffetzen, legt los. Und hat das Publikum sofort bei sich: „Wo ich lebe, will ich nicht sterben, aber wo ich sterbe, will ich nicht hin.“ Mit hoher, flatternder Stimme singt sie da, später tief und voller Inbrunst, manchmal brüllend, dann wieder im Flüsterton. Begleitet wird sie vom Klang singenden Glases, den sie mit dem Finger am Rand eines Cognacschwenkers entstehen lässt. Ein Lied vom Ankommen und Weggehen: „Denn bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ 

Meret Becker als traurig-melancholischer Clown. Am Sonntagabend im Stadttheater verzauberte sie mit ihrer Band The Tiny Teeth das Publikum mit einer grandiosen Mischung aus Varieté, Liedermachersongs und großer Schauspielkunst.

Nacheinander stimmen die Bandmitglieder ein. Uwe Langer, der Mann fürs Blech, packt seine Tuba. Dirk Peter Kölsch schlägt die Drums, Peter Wilmanns setzt die Bassklarinette an. Der Liedtext wechselt ins Englische, Meret vom Cognacschwenker zur Säge. Der Ton ein metallenes Vibrieren mit leisem Anklang eines Dosenöffners zaubert Magie in die Luft. Der „Professor für traurige Walzer“ Ben Jeger unterstützt am Flügel, auf dem bereits die rund 30 wassergefüllten Gläser seiner Glasharfe aufgebaut sind. Ein fragiles Instrument, mit dem Jeger später ein virtuoses Solo gibt, begleitet von über rohe Eier tanzenden Kunststoffbeinen in roten Schuhen. Buddy Sacher, langjähriger Begleiter von Beckers musikalischer Reise, greift sich die Mandoline. Sechs hervorragende Instrumentalisten, die mit sanftem Biss Beckers Stimme stützen. 

Die Musik malt Bilder. Die Traurigkeit des braunen Kreises auf der Wiese, wo das Zirkuszelt stand. Fahrende Züge mit regennassen Fensterscheiben. Die mit dem Hintern wackelnde Hure, „ein Absatz ist lose klackerdiklack“. Regen wäscht „die Fassade samt all ihrer Lügen“ und bringt das „Seelchen“ zum Vorschein – schlecht fürs Geschäft. Ein Seemannslied ist den Zirkusmenschen gewidmet, die Manege als Schiff auf rauen Wogen, Sirenen tröten „Oh Captain, my Captain.“ Da stehen sie auf den Planken, das Zelt ächzend wie ein sinkendes Schiff. 

Die Songs stammen aus Becker und Sachers Feder. Dazu Gassenhauer wie „La Vie en Rose“. Becker zückt dafür ihre Variante der Piaf: Zigarette, dicker Mantel und Luftballonmops, der Dank großer Gesten Luftsprünge absolviert. Zum Schluss zieht sie den Flachmann – und gurgelt die berühmte Melodie in perfekter Intonation. Dazu Mops und Gestik, das Publikum erleidet Lachkrämpfe. Das begleitende Instrumentarium ist reich: Neben Sägen und Gläsern machen Kinderklavier, Megaphon, auf den Boden geschmissene Metallplatten oder ein Föhn Musik. Aus einer Kiste zaubert Becker tausend Tröten, Glocken und Pfeifen. Wilmanns entlockt seiner Klarinette Möwenschreie und Delfinkeckern. Und dann ist da noch Beckers Stimme: mit Windrauschen, Kinderlachen, Feengekicher. 

Dass die Berliner Tatort-Kommissarin aus einer Schauspielerfamilie kommt – die Eltern sind Schauspieler, ihr Bruder ist Ben Becker, ihr Stiefvater Otto Sander – merkt man ihr auch beim Singen an. Aber irgendwo sind noch Artistengene dazugestoßen. Denn wie Becker in dem über der Bühne schwebenden Reifen kauert, liegt, Spagate und Purzelbäume schlägt, ist beeindruckend. Dabei auch noch zu singen, das ist hohe Kunst. Das Publikum ist von Becker und Band begeistert. Lautstarker Applaus, trampelnde Füße, Jubelschreie. 

Die erste Zugabe ist ein Westernsong, der alle Musiker am Bühnenrand zum Gruppenbild versammelt. Die zweite Zugabe gehört dem Luftballon-Mops: Angetrieben von Trommelwirbel und Fächeln springt er gar durch den Reifen! Die letzte Zugabe muss sich das Publikum erarbeiten: mit einem Geburtstagsständchen für Beckers Tatort-Partner Mark Waschke, gerade 46 geworden. „Jetzt bin ich in Partylaune“, rotzt Becker, und setzt zum abschließenden Trinklied an. „Wir lieben die Biere“, Text von Ben Becker und Harald Juhnke. Dazu hebt sie ihre volle Bierflasche und trinkt aus. Auf Ex. Muss bei Beckers so sein. „Denn das, verehrtes Publikum“, schließt Meret rebellisch, „das ist in meiner Familie eine Frage der Ehre.“

Susanne Greiner

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