Bühnenreif im besten Sinne

Perfekt: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ im Stadttheater Landsberg

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„Bühnereif“: Die Eleven haben ihre Ausbildung beendet. James Newton als Joachim (im Rollstuhl), Thorsten Krohn als Schuldirektor (rechts vorne) und Lucca Züchner als Gretchen Kinski (links) bestreiten die Hauptrollen in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke.“

Landsberg – Gute Komödien muss man suchen. Meist sind sie banale Schenkelklopfer. Oder verlieren sich in Nettigkeiten, die dem Zuschauer ein süffisantes Lächeln abfordern. Ganz anders die Metropoltheater-Inszenierung des Romans „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff: Skurrile Situationen provozieren Lachsalven, zeigen zugleich aber liebevoll das Schwanken des Pro­tagonisten in einem noch rahmenlosen Leben. Ein kluges, da minimalistisches Bühnenbild ermöglicht der Handlung Leichtigkeit und dadurch Geschwindigkeit. Und das Ensemble spielt mit sichtbarer Freude ein Stück über sein Leben: das Theater. Das gleichzeitig Spiegel der Irrungen und Wirrungen des Lebens ist.

Meyerhoff ist einer der Großen: Burgschauspieler. Und inzwischen bei der Berliner Schaubühne. Kaum zu glauben, darf man seinem autobiografischen Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ glauben. Denn dort beschreibt er seine ‚Lehrzeit‘ an der Münchener Otto Falckenberg Schule. Und verortet seine Fähigkeiten eher im unfähigen Bereich. Eigentlich will er ja Zivi (damals gab‘s den noch) im Rechts der Isar werden, danach Medizin studieren. „Aber vielleicht wollte ich etwas anderes versuchen, was nicht in Betracht kam“, denkt Joachim. Und spricht als ‚Danton‘ in der Münchener Schauspielschule vor. Wobei ihn das französische „Bouteille“ zum Straucheln bringt, er den Text sowieso nicht wirklich versteht und letztendlich an den Unfalltod seines Bruders erinnert wird – worauf die Tränen fließen. Ein emotionales Engagement, dass die Prüfer der Schule zu schätzen wissen. Und Joachim wider Erwarten aufnehmen.

Da München schon damals teuer war, zieht der Nachwuchs­eleve zu den Großeltern nach Nymphenburg – das Großbürgertum lässt grüßen. Es sind nicht irgendwelche Großeltern: Joachims Großmutter ist Inge Birkmann, Schauspielerin und zudem ehemalige Lehrerin an der Falckenberg-Schule. Und ihr Gatte ist kein Geringerer als der Philosoph Hermann Krings – moderne Transzendentalphilosophie. Aber das ist lange her. Inzwischen sind die zwei sympathischen Herrschaften doch eher – versoffen. Und strukturieren den Tagesablauf mittels Getränken: vom morgendlichen hochprozentigen Gurgelwasser bis hin zum abendlichen Musikhören bei Whiskey, Hand in Hand, liegend, samt Kerzen. Unterhaltungen sind zwecks Taubheit eher laut. Und Großmutter kommentiert gerne mit einem durchdringenden „Moahhh“ die Geschicke des Enkels. Wobei die beiden ‚Alten‘ so liebevoll in ihrer Schrulligkeit dastehen, dass einem das Herz aufgeht.

Erste Bühnenerfolge: Joachim (James Newton) am Ende seiner Ausbildung.

Joachims Tage schwingen zwischen Absurditäten: zwischen dem Unterricht, indem Nilpferde wie Effie Briest sprechen und der Engel, der wahrhaftiges Schauspiel auszeichnet, einfach nicht erscheinen will. Zwischen den Statisten-Auftritten bei den Kammerspielen als Macbeths Hexen mit übergroßen Geschlechtsorganen. Und zwischen dem ‚Termin fixe‘, dem Sechs-Uhr-Whiskey im Haus der Großeltern – wenigstens ein Anker in Joachims schwimmendem Tag.

Regisseur Gil Mehmert setzt auf Leichtigkeit. Schnell sind die Dialoge, schnell die Szenenwechsel. Damit das klappt, wird ein Hut zum Buch oder Teller und der Zeigefinger zum Schallplattenspieler: zu viel Requisiten rauben Tempo. Also weg damit. Die Schauspieler punkten durch Einzigartigkeit, allen voran die ‚Alten‘: Lucca Züchner, die neben der Großmutter auch die ignorant-einfühlsame Schauspiel-Turnlehrerin Gretchen Kinski spielt. Und Thorsten Krohn, der nicht nur als Großvater, sondern auch als fahrig-autistischer Schuldirektor oder Horst Tappert überzeugt. Und James Newton suhlt sich als verpeilter Joachim in der Nichtigkeit seines Lebens.

Was das Metropoltheater da auf die Bühne zaubert, geht wie ein Wimpernschlag vorbei – trotz über zwei Stunden Spielzeit. Keine Sekunde ist zu viel, nichts ist schwer. Es ist perfekt. Da darf am Ende dann auch der vorher geforderte Engel endlich neben Joachim erscheinen.
Susanne Greiner

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