Die verlorene Musik

+
Perfekte Schauspieler in einer gut durchdachten Inszenierung. Das Ensemble des Münchener Metropoltheater erntete für „Wie im Himmel“ begeisterten Applaus.

Landsberg – Sein Leben ist die Musik. Dafür gibt Stardirigent Daniel Daréus alles, wenn er schwitzend und brüllend vor dem Orchester steht. Der Herzinfarkt ist da nur die logische Folge. Also adieu, du schillernde Welt des Ruhms. Die nötige Ruhe glaubt Daniel in seinem Heimatdorf zu finden, doch die kleine Dorfgemeinde ist da anderer Meinung. Was dann geschieht, ist eine zu Herzen gehende Geschichte der Heilung. Der Inszenierung des Metropoltheaters München ist es zu verdanken, dass das Stück „Wie im Himmel“ von Kay Pollack ganz ohne Kitsch daherkommt. Denn der gleichnamige Film ist eher wie Zuckerwatte; erst lecker süß, und dann klebt es.

„Alles beginnt mit Zuhören. Die wirkliche Musik ist schon da.“ Das ist Daniels Credo, sein Begleiter auf der Suche nach der wahren Musik. Bisher war die Suche ergebnislos. Und wie soll er jetzt, in seinem Heimatdorf, fündig werden? Nicht ganz freiwillig wird er vom Einzelwarenhändler Arne zum Chorleiter bestimmt: Er könne doch einfach mal zuhören. „Da ist schon Vieles ziemlich schön“, lautet Daniels diplomatisches Urteil. Dass es besser geht, steht außer Frage. Und so beginnt die gemeinsame Zeit dieser unterschiedlichen Menschen. Sie singen und lachen, schreien und summen, trinken Kaffee und feiern bis in die Puppen. Aus einzelnen Menschen wird eine Gemeinschaft.

Die Musik tut ihr Übriges. Inger (Lilly Forgách), die Frau des Pfarrers, ist zum ersten Mal seit 20 Jahren ehrlich zu ihrem Mann. Holmfried (Sebastian Griegel), ein übergewichtiger Mann, oder mit Arnes Worten: „Die Fettschwarte“, lässt seiner jahrelang angestauten Wut freien Lauf. Gabriella verlässt den sie prügelnden Ehemann Conny (Hubert Schedlbauer) und der autistische Irre Tore, genial von Jakob Tögel gespielt, singt einen grandiosen Bass. Schließlich Lena (Vanessa Eckart), die quicklebendig Daniel das Radfahren beibringt und sein Herz erobert. Und am Ende bricht die Musik auch Daniels eiserne Bänder. Endlich weiß er, was es heißt, jemanden zu lieben. „Denn wenn man jemanden liebt, dann ist man glücklich mit ihm.“

Das ist dann auch schon fast der Schluss. Ein Happy End? Nicht ganz. In der Inszenierung des Metropoltheaters sieht man den Chor bei seinem Auftritt beim Chorwettbewerb in Salzburg. Ohne Daniel. Doch sie haben inzwischen das Zuhören gelernt. Es klappt auch ohne Dirigent. Daniel dreht mit seinem Rad ein paar Runden um die am Flügel stehenden Schauspieler, bekommt einen zweiten Herzinfarkt und stirbt. Kurz und schmerzlos. Im Film hört Daniel im Sterben seinen Chor, der gemeinsam mit allen Zuschauern Daniels wahre Musik singt. Das rührt natürlich zu Tränen, ist aber auch ein wenig zu süß. Das Ende des Metropoltheaters ist da nicht ganz so zuckrig.

Inszeniert wurde das Stück von Dominik Wilgenbus, der kurz vor der Premiere krankheitsbedingt an Jochen Schölch abgeben musste. Was die beiden vollbracht haben, ist durchweg gelungen. Wie sich die ganze Handlung um das einzige Bühnenmobiliar, einen Flügel, dreht, ist gekonnt. Der Flügel ist da mal Einkaufskasse, mal Bett oder eben Gemeindehaus. Mit den Songs erlaubt sich die Inszenierung ein Augenzwinkern: Natürlich läuft auf der Fete ABBA, denn wer will schon alle Schwedenklischees verbannen? Und das perfekt vom Ensemble dargebotene „Don’t stop me now“ passt hervorragend zur einzigen leidenschaftlichen Liebesnacht zwischen bigottem Pfarrer (Marc-Philipp Kochendörfer) und nach Sinnlichkeit strebender Pfarrersfrau (Lilly Forgách).

Auch die Schauspieler sind hervorragend. Vor allem Matthias Grundig als unglamouröser und wortkarger Daniel sticht hervor. Im wunderbaren Gegensatz spielt Paul Kaiser seinen immer quasselnden Arne. Der Chor wird nicht nur im Stück immer besser: Auch die Schauspieler steigern sich und es ist erstaunlich, wie absichtlich schlecht sie am Anfang singen können. Beim Schlusssong überzeugt vor allem Judith Toth als Gabriella mit ihrem Solo. Aber auch Nathalie Schott als „alte Jungfer“ Siv präsentiert einen glockenhellen Sopran.

Ein kleines Minus: Die einzelnen Figuren bleiben im Zweidimensionalen stecken, haben nicht die Zeit, sich zu entwickeln. Ein Stück kann eben nicht auf die Tricks der Kamera zurückgreifen. Doch das störte das Publikum im ausverkauften Stadttheater nicht. Ganz im Gegenteil: Sie holten die Schauspieler mit hartnäckigem Applaus so oft vor den Vorhang, dass hie und da tatsächlich ein Schauspielerauge zu Tränen gerührt war.

Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Architekt im Kreuzfeuer
Architekt im Kreuzfeuer
Neuer Radweg nach Ummendorf
Neuer Radweg nach Ummendorf
Lebensfreude des Siegfried Meister
Lebensfreude des Siegfried Meister

Kommentare