Der König mit den Segelohren

Metropoltheater München kann mit „King Charles III“ nicht überzeugen

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Am Ende dankt er ab: Michael Vogtmann (2. von rechts) als King Charles III. Links neben ihm Kate und William (Nathalie Schott und Adi Hrustemovic) sowie Premier Evans (Tillbert Strahl). Treu an seiner Seite bleibt lediglich nur Camilla (Ursula Berlinghof).

Landsberg – Freitag, der Tag, an dem Theresa Mays Brexit-Deal zum dritten Mal scheitert. Was für ein genialer Zeitpunkt für ein britisches Stück! Und tatsächlich, im Stadttheater steht „King Charles III“ von Mike Bartlett auf dem Spielplan. Mit dem Münchener Metropoltheater. Ein Abend, der nicht schiefgehen kann – eigentlich. Denn leider bleibt die Inszenierung so, wie mancher die Briten beschreibt: blutleer. Was weniger am Metropoltheater liegt. Eher am Stück selbst, das weder Komödie noch Drama sein will und irgendwie versandet. Vor allem liegt es aber wohl daran, dass Deutschland nicht England ist. Und das die Royals hier keine Helden sind. Sondern einfach nur kuriose Figuren aus einem kuriosen Land.

„Die Königin ist tot, lang lebe der König!“ Was für eine schöne Idee, die Bartlett als Ausgangspunkt wählt: Queen Elisabeth II ist gestorben – die Blumenberge für sie liegen im Theaterfoyer aufgetürmt – und endlich, endlich, darf er ran: Charles, der Prince of Wales, inzwischen 70 Jahre alt. Und wie auch der echte Charles zeigt der Bartlett-Protagonist gleich mal seine Sonderlichkeiten. Denn, oh Gott!, er will politisch mitreden! „Geboren, um zu herrschen“ ist seine Bestimmung, denn „jedes Molekül unseres Körpers ist gekrönt“. Herrschen heißt Macht und Macht heißt Politik machen. Weshalb Charles das Unterhaus bittet, ein Gesetz, dass offiziell die Privatsphäre schützen soll, inoffiziell aber die Pressefreiheit einschränkt, nochmals zu überdenken. Respektive seinem Premier Evans (Tillbert Strahl ) mit königlicher Autorität empfiehlt, das Gesetz zu kippen.

Schon hier runzelt man die Stirn. Charles, der in seiner ersten Ehe sicher keine guten Erfahrungen mit der Presse gemacht hat, will deren Freiheit schützen, will sie „als Antikörper unserer Gesellschaft“? Es überzeugt nicht wirklich, dass sich dieser König als edler und guter Robin Hood gibt. Und auch, wenn Michael Vogtmann versucht, die Rolle mit Leben zu füllen, bleibt Charles eine Hülle, eine Figur ohne Entwicklung – ein Schicksal, das alle Figuren in Bartletts Stück teilen. Lediglich Kate (Nathalie Schott) outet sich in einem kurzen Moment als intrigante und äußerst lebendige Lady Macbeth, die zu allem bereit scheint, um ihren Gatten William (Adi Hrustemovic) zu pushen. Doch auch sie versinkt Minuten später wieder in der Indifferenz.

Da passt es ganz gut, dass tatsächlich ein Geist durchs Stück huscht: Lady Di, die als Tote die Fäden zieht und sich an ihrem Ex zu rächen scheint. Denn sie verspricht sowohl William als auch Charles mit säuselnder Stimme: „You‘ll be the greatest King we ever have.“

Bartlett packt noch mehr Funken ins Stück. Humoristische Einsprengsel, vor allem in den Dialogen Charles/Premierminister. Einzelne Sätze, die herauskristallisiert im Gedächtnis bleiben. Oder auch Tricks der Inszenierung, wie die Maskierten, die in der Pause durchs Foyer stürmen, samt Harry (James Newton) und seiner bürgerlichen Liebschaft Jessica (Diana Marie Müller). Denn seit die Königin tot ist, „wissen die Leute nicht mehr, was Britannien ist“. Eine Weisheit, die der Dönerverkäufer von sich gibt, als Harry die Normalität kostet. Denn Britannien sei wie ein Dönerspieß: Scheibchen für Scheibchen, von der Königin zusammengehalten. „Und jetzt bricht alles auseinander.“ Eine großartige Szene.

Insgesamt bietet auch die Figur ‚Harry‘ Potential. Der Rebell, der mit seiner Bürgerlichen „frei sein will für einen nicht vorherbestimmten Weg“, letztendlich aber doch wieder seiner Rolle als Prinz gehorsam folgt. Und wenn Charles gedemütigt die Abdankung zugunsten Williams unterschreibt, Verständnis heischend Jessica zuflüstert: „Er ist mein Bruder. Und bald gesalbter König.“ Und die Studentin in die Wüste schickt. Das Thema „Royals sind auch nur Menschen“ durchzieht das ganze Stück. Aber eben nur ansatzweise. Zu einem überzeugenden Charakter schafft es keine der Figuren.

Auch die Sprache des Stückes – oft in Versen – zündet nicht wirklich. Sie will Shakespeare, schafft aber ‚nur‘ Bartlett.

Regisseur Philipp Moschitz setzt zurecht auf unterkühlte Distanz. Die Figuren stehen meist weit auseinander, Berührungen kann man an einer Hand abzählen. Auch Thomas Flachs Bühnenbild, das an Camelot erinnert, passt perfekt. Kurzum: Das Metropoltheater macht alles richtig. Aber auch die nicht gerade wenigen Versprecher der Schauspieler deuten darauf hin, dass hier etwas fehlt: Herzblut.

Als „King Charles III“ in London uraufgeführt wurde, war es ein Straßenfeger. Es gab Zwischenapplaus, Standing Ovations, die Menschen diskutierten heftigst – ein Thema, das ins Herz der Briten traf. 2016 gewann das Stück schließlich den begehrten Olivier Award als “Best new Play”. In Deutschland stieß es in fast allen Inszenierungen auf höflichen Beifall. So auch beim Landsberger Publikum, das dem Metropoltheater eigentlich restlos verfallen ist. Aber so ist das eben mit den Royals. Sie leben im Herzen der Briten. Aber eben nur in den Boulevardblättern der Deutschen.

Susanne Greiner

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