Carrolls kleines Mädchen

Besonders wertvoll: „Alice“ in der Inszenierung des Metropoltheaters 

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Die Schauspieler des Metropoltheaters München, kreative Kostüme und ein grandioses Bühnenbild begeistern die Zuschauer im Stadttheater. Zum Beispiel die Fünf-Personen-Raupe.
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Das Metropoltheater München überzeugte mit einem fantastischen Bühnenbild und hervorragenden Schauspielern.
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Das Metropoltheater München überzeugte mit einem fantastischen Bühnenbild und hervorragenden Schauspielern.
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Das Metropoltheater München überzeugte mit einem fantastischen Bühnenbild und hervorragenden Schauspielern.
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Das Metropoltheater München überzeugte mit einem fantastischen Bühnenbild und hervorragenden Schauspielern.
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Das Metropoltheater München überzeugte mit einem fantastischen Bühnenbild und hervorragenden Schauspielern.
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Das Metropoltheater München überzeugte mit einem fantastischen Bühnenbild und hervorragenden Schauspielern.
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Das Metropoltheater München überzeugte mit einem fantastischen Bühnenbild und hervorragenden Schauspielern.

Landsberg – Das Alice-im-Wunderland-Syndrom: ein Anfall, bei dem man sich selbst oder die Welt halluzinatorisch verzerrt wahrnimmt. Passt, strotzen doch Lewis Carrolls literarische Assoziationen vor Absurdität. Dialektisch begabte Tiere, Grinsekatzen, „Kopf ab!“ kreischende Königinnen. Eigentlich unmöglich, das auf die Bühne zu bringen. Oder doch? Das Metropoltheater München schafft es: mit „Alice“ von Robert Wilson und Tom Waits. Das Ergebnis: ein begeisternd fantastischer Traum. Ein Stück voll herrlichen Unsinns. Eine Auseinandersetzung mit Carrolls Pädophilie. Alles in einem und mindestens so schillernd wie die Vorlage. Carrolls Weiße Königin hat recht: Das Unmögliche zu glauben ist nur eine Frage der Übung.

„Alice“ beginnt mit einem Foto. Charles Lutwidge Dodgson (Thomas Schrimm), der sich erst als Autor den Künstlernamen Lewis Carroll geben wird, richtet die Kamera auf eine zweite Bühne, ein Podest hinter einem Vorhang. Dahinter ist schemenhaft die Silhouette eines kleines Mädchens zu erkennen: Alice. Dabei besteht Alice aus zwei Teilen: dem realen Mädchen, gespielt von Vanessa Eckart, und einer Puppe mit Metallmaske. Mal sucht Eckart Schutz hinter ihr, mal spielt sie mit ihr gemeinsam, mal lässt sie die Puppe links liegen und ist ganz sie selbst.

Auch Carroll faszinierte die Fotografie. Oft porträtierte der Pfarrerssohn und studierte Mathematiker kleine Mädchen. Manchmal auch nackt, zu viktorianischen Zeiten jedoch ein eher normales Motiv, symbolisierte es doch die reine Unschuld. Ein Mädchen fotografierte er besonders oft: Alice Liddell, Initiatorin von „Alice im Wunderland.“. Die Theorie, Dodgson habe die Mädchen sexuell missbraucht, ist umstritten. Und wird überwiegend verneint. Belege gibt es indessen für beide Seiten nicht.

Auf der Bühne gibt Dodgson Alice Wortspiele: „Torf, Topf, Kopf.“ Wortketten, die Geschichten zum Leben erwecken. So beginnt Dodgsons Geschichte mit: „Mein Kopf tat weh.“ Eine Anspielung auf Carrolls Migräneanfälle. Doch die Schmerzen des Bühnen-Dodgsons scheinen von seiner verbotenen Gier nach und Liebe zu Alice herzurühren: Nächtelang habe er geschrieben, „um den Lärm zu ersticken. Und dann kam sie. Und der Lärm hörte auf. Ich war das, was ich sein wollte, weil das Mädchen da in der Tür stand.“ Hätte er doch nur die Zeit anhalten können. Was er durch die Fotografie versucht. Zum Schutz vor seiner Gier lockt Dodgson Alice mithilfe des weißen Kaninchens in seine Traumwelt. „Wie sehr er mich haben wollte und wie fern er mich hielt“, wird Alice später resümieren.

Tom Waits Musik mit Texten seiner Frau Kathleen Brennan ist ungewöhnlich zahm. Gespielt wird sie live im Bühnenhintergrund. Die melancholischen Melodien passen wunderbar zu den traumhaften Szenen. Die ab und zu auch Alpträume sind. Und dann erklingen auch die für Waits so typischen harten, dreckigen Reibeisenklänge. Cornelia Petz‘ Kostüme setzen dem Stück das Sahnehäubchen auf. Einerseits verhindern sie, dass „Alice“ ins Disneyhafte rutscht. Schafe tragen Rasta-Perücken mit Wollknäueln, der Frosch glubscht durch kreisrunde Gläser. Und wenn Nick Robin Dietrich in weißer Hose und nacktem Oberkörper akrobatisch über die Bühne tollt, ist das ein meilenweit von Bambi entferntes Reh. Nichts ist lieblich, alles durchdacht. So ist Dodgsons Mantel beim anfänglichen Fotografieren noch beige, „als Weißer Ritter in seinem Traum trägt er einen blütenweißen Mantel“, erklärt Regisseur Philipp Moschitz.

Das Bühnenbild (Thomas Flach) ist ein Geniestreich: eine große Drehscheibe, in ihrem Inneren eine rechteckige Schiebetür, aus der all die fantastischen Wesen hervorquellen. Aus der Pforte tanzen sprechende Blumen. Zum Beispiel die Rose (Sebastian Griegel), die in weißbestickten Nachthemd als beleibte Rosenparodie mit Gänseblümchen (Patrick Nellessen) und der Lilie tänzelt. Ein „Hilfe, sie kommt!“ beendet das absurde Ballett. Sie, das ist die Raupe (Nathalie Schott). Die viel lieber „Table Top Joe“ aus Waits gleichnamigen Song wäre und sich deshalb als Shownummer räkelt.

Wilsons und Waits Stück beschreibt die Suche Alice‘ nach sich selbst. „Wer bin ich?“, wird sie all die Protagonisten in Dodgsons Traum fragen. Die Antwort wäre einfach: das kleine Mädchen Alice. Doch niemand kann sie ihr geben. Es müsste ja letztendlich der Initiator dieses Traums, Dodgson selbst tun. Dass Alice ein kleines Mädchen ist, ist für ihn zwar Grund seiner Liebe und Gier, zugleich aber auch sein Dilemma. So lässt er Alice lieber undefiniert. Wer schuld ist an diesem Dilemma, darüber entscheidet die Königin (Maria Hafner mit lässigem Queen-Mum-Winken). Doch Gerechtigkeit ist für sie ein Spiel. Und wenn sie Köpfen will, dann ist es egal, wer schuld ist. Dann heißt es: „Kopf ab!“. Erst jetzt, endlich, kann Dodgson als Weißer Ritter seine Alice retten. Indem er vor der Königin und damit vor sich selbst seine Schuld eingesteht.

Dodgsons Traum ist zu Ende. Alice und er treffen ein letztes Mal aufeinander. Die Puppe flüstert etwas in Dodgsons Ohr. Er lächelt, nimmt die Puppe, geht ab. Zurück bleibt das Mädchen Alice. Und singt: „I‘ll love you til all time is gone.“

Moschitz zeigt dem Zuschauer eine kluge und humorvolle Auseinandersetzung mit dem Autor Lewis Carroll. Die Metropol-Schauspieler spielen und singen großartig. Allein das Bühnenbild wäre einen Theaterbesuch wert. Und selbst für Nichtkenner von Carroll sei es, so ein Zuschauer, „ein optischer und akustischer Genuss“. Wer am Samstag keine Zeit hatte, dem sei eine Reise im Mai nach München dringend angeraten. Ins Metropoltheater zu „Alice“.

Susanne Greiner

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