Spiel mir das Lied der Rache

"Michael Kohlhaas" als Western-Ikone

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Dass Kleists „Michael Kohlhass“ auch etwas von Western hat, zeigte das Landestheater Schwaben am Freitag im Stadttheater. Zu sehen sind Klaus Phillip als Kohlhaas (Mitte) zwischen Sandro Sutalo (links) als Spieler I und Jan Arne Loos (rechts) als Spieller II.

Landsberg – „Michael Kohlhaas“ mit nur drei Schauspielern? Mutig. Das Landestheater Schwaben hat es gewagt. Und mit Bravour bestanden. Das Theater zeigte Heinrich von Kleists Drama im Stadttheater fast konsequent in Kleists düsterer Sprache. Nüchtern, zeitlos und deshalb brandaktuell. Ein weiterer Beweis für die Gabe der Memminger, spannendes Theater im Heute zu machen.

Wenn einem Unrecht geschieht, geht man vor Gericht. Man vertraut dem ‚Gesellschaftsvertrag‘: dass der Staat die Rechte des Einzelnen schützt. Aber was, wenn Recht und Gerechtigkeit auseinanderdriften? Wie viel Unrecht erträgt der Mensch? „Michael Kohlhaas“ zeichnet dieses Thema nach. Und zeigt ein Scheitern: sowohl das des Rechts als auch das der Gerechtigkeit.

Kohlhaas wird von Spieler I und Spieler II wie eine Puppe auf die Bühne geworfen.

Zwei Schauspieler in weißen Anzügen, Spieler I und II, bereiten die Bühne vor. Beide (Sandro Sutalo und Jan Arne Loos) fungieren als Projektionsfläche: für Lisbeth mit als Schürze umgebundenen Jackett, für Junker und Knecht, für den nüchternen Erzähler. Sie räumen Säcke zwischen die zwei grauweißen Wände: ein Klangkörper, der unheilvoll-düsteres Rollen bei Berührung erzeugt. Letztendlich kleiden die beiden den Schauspieler des Kohlhaas‘ (grandios: Klaus Phillip) ein und werfen ihn wie eine machtlose Puppe auf die Bühne. Wo er zum Spielball des Gesetzes wird:

Zwei Rappen, die Kohlhaas zu Unrecht als Pfand abverlangt werden, will er gerichtlich beim sächsischen Kurfürsten einfordern. Er vertraut dem Staat: „Seit man die Ordnung gefunden hat, sind alle großen Tugenden überflüssig geworden.“ Doch seine Klage wird abgewiesen: Beziehungen helfen dem beklagten Junker Wenzel von Tronka. Aber „ein frei denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo ihn der Zufall hinstößt“, sagt Kohlhaas und klagt vor dem Kurfürst von Brandenburg. Auch hier ohne Erfolg, was ihn zu hysterischem Lachen treibt. Seine Frau Lisbeth will die Klage persönlich zu überbringen. Und wird dabei getötet. Ihr Tod ist das Zünglein an Kohlhaasens Goldwaage, seinem der Gerechtigkeitsempfinden: Die Waagschalen kippen, „Kohlhaas übernahm das Geschäft der Rache.“ Er bricht aus dem Wesen ‚Staat‘ aus, wird zu dem im Bürgertum propagierten Individuum und stellt sein eigenes Recht auf: das „Kohlhaas’sche Mandat“. Sein Schlachtruf „Kommt, lasst uns etwas Gutes tun und dabei sterben“ macht ihm zum Rebellen, zum Idol des ‚kleinen Manns‘, zum Retter der echten und vermeintlichen Verlierer. Doch seine Rache bezahlt Kohlhaas mit dem Tod.

Das Unrecht wird im Memminger Kohlhaas deutlich sichtbar: in Form der Säcke, die Spieler I und II nach und nach vor die Stellwände werfen, wo sie Kohlhaasens Goldwaage zum Schwanken – wenn seine Klage zum zweiten Mal abgewiesen wird – und schließlich zum Kippen bringen, wenn Lisbeth stirbt. Für das durchdachte, minimalistische Klang-Bühnenbild sowie die Kostüme zeichnet Julia Nussbaumer.

Cowboy Kohlhaas

Regisseurin Anne von Freybott bleibt im ersten Teil streng bei Kleists Sprache, kippt sie in Kohlhaasens Rachefeldzug und öffnet sie für feinsinnigen Humor: Johnny Cashs „Wayfaring Stranger“ – das das Stück durchzieht – findet Widerhall in Westernzitaten, samt rot-blauer Mount-Rushmore-Projektion und Cowboy-Halstuch. Und um den Schluss des Stückes, den Kafka als „grob hinuntergeschrieben“ bezeichnete, abzukürzen, greift Freybott zum genialen Trick: „Sollen wir euch den Schluss erzählen?“ fragen Spieler I und II. Und entschlüsseln das „metaphorische Wirrwarr“ mit dem „depri“ werdenden Kohlhaas und seiner „Gang“. Und einem „Jetzt kommt’s so richtig dick!“, wenn das Deus-ex-Machina-Medaillon der Zigeunerin samt Prophezeiung über das sächsische Kurfürstengeschlecht auftaucht, das Kohlhaas „für sein Leben eintauschen soll“. Doch Freybott schließt nicht im Slapstick. Dazu ist ihr Kleist zu wichtig. Weshalb Kohlhaas am Ende wieder selbst das Ruder übernimmt. Er, der wegen seiner Racheakte vom Staat zum Tode verurteilt ist, könnte sein Leben retten, gäbe er dem Kurfürsten das Medaillon. Doch Kohlhaas verweigert sich. Isst die Prophezeiung am Galgen stehend auf. Denn „in einem Lande, in dem man meine Rechte nicht schützt, mag ich nicht leben“.

Der Memminger „Kohlhaas“ ist nicht auf Reichsbürger gebügelt, verweigert fast jegliche Modernisierung, verzichtet aber auch auf eine detailgetreue Wiedergabe des 16. Jahrhunderts, in der Kleists Drama spielt. Gerade durch diese Zeitlosigkeit wird Kleists Klassiker aktuell. Und schafft den Sprung ins Heute.

Ausgezeichnetes Theater

Das Landestheater Schwaben in Memmingen macht in der letzten Zeit öfter mit herausragenden und außergewöhnlichen Produktionen auf sich aufmerksam. In Landberg überzeugten sie mit „Effi Briest“, „Funny Girl“ oder vor Kurzem erst mit „Margarete Maultasch“ einem Stück über eine Landesfürstin im Tirol des 14. Jahrhunderts. Und am Samstag feierte das Ausnahmestück „Am Boden“ – der Monolog einen Dronenpilotin – in der Lärmschutzhalle des Flughafens Memmingen Premiere. Ein Engagement, das auffällt. So nannte die ZEIT das Theater als einen der zehn wichtigen „Kulturorte dieses Sommers“ in Deutschland. Und vor rund einer Woche konnte die Theaterbühne unter der Intendanz von Kathrin Mädler sogar den Theaterpreis des Bundes, der mit 75.000 Euro dotiert ist, für sich verbuchen. Die Begründung der Jury: „Die Intendantin Dr. Kathrin Mädler und ihr Team zeigen, wie man auch in der sogenannten Provinz überregional Aufmerksamkeit generieren kann.“ In diesem Sinne: Wir freuen uns auf weitere grandiose, spannende und gelungene Inszenierungen aus der ‚Provinz‘.

Susanne Greiner

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