Konzert der anderen Art

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Musiker Michael Lutzeier mit seinen Instrumenten, dem Sopran-, C-Melody- und Baritonsaxophon. Im projektraum gab er ein Konzert, bei dem auch die Theorie nicht zu kurz kam.

Landsberg – Drei Saxophone hat Michael Lutzeier zu seinem ungewöhnlichen Soloauftritt „Haste Töne? – amuses d’oreilles“ am Sonntagabend im projektraum von Catherine Koletzko mitgebracht: Sein Hauptinstrument, das Baritonsax, ein C-Melody-Sax und auch noch das im Vergleich winzig wirkende Sopransaxophon. „Ich will versuchen, auf einem Instrument ein ganzes Orchester für Sie erklingen zu lassen“, leitet Lutzeier ein. „Aber dazu brauche ich ihre Hilfe: Zuhören ist gefragt!“ Denn je besser das Publikum zuhöre, umso besser spiele er.

An diesem Abend amüsiert Lutzeier mit verjazzten Arrangements bekannter Songs, bei denen das Publikum eine andere Art des Zuhörens erleben und auch in die Musiktheorie eintauchen kann. Den Anfang macht eine Melodie, die Lutzeier mit einem schlichten Intervall einleitet: „Sie hören bei dem Intervall sofort den Grundton, also die Tonart heraus.“ Mit diesem Tonintervall beginnt der erste Song, „La Mer“ von Charles Trenet: „Bei dem Lied hört man, wie das Meer wogt. Das ist großes Kino“, erzählt der Musiker begeistert.

Und tatsächlich, die Töne aus dem Baritonsax, die durch verschiedene Tonarten modulieren, scheinen das Rollen der Wellen zu beschreiben. „Die Oktave hat was sehr erhebendes“, fährt Lutzeier fort und erklärt, wie ein Inhalt durch Melodie unterstützt wird. Das Erhebende der Oktave können die Zuhörer gleich beim nächsten Lied erleben: „Somewhere over the rainbow“ beginnt mit einer Oktave, um den ersehnten Regenbogenhighway zu beschreiben. Beide Songs spielt Lutzeier in seinen eigenen Arrangements, in denen jazzige Elemente immer wieder die bekannte Melodie durchblitzen lassen.

Der bekannte Saxophonist ist nicht nur ein begnadeter Baritonspieler, er komponiert auch, unterrichtet und arbeitet als Leiter der Uni-Bigband in Ulm. Sein „Musiksalon Dießen“, zu dem er internationale Jazzgrößen einlädt, ist inzwischen zu einer meist ausverkauften Veranstaltung geworden. Nicht nur Melodie unterstützt ein Lied, auch der Rhythmus. Cole Porters Jazzstandard „Begin the Beguine“ dient hier als Beispiel. „Soll jetzt der Beguine, ein karibischer Tanz, gespielt werden, obwohl er so viele romantisch feurige Erinnerungen wachruft?“, fasst Lutzeier den Text des Songs zusammen. Natürlich kommt der Tanz am Ende des Lieds, ein Rhythmuswechsel, den der Saxophonist mit einer Zäsur deutlich macht, bevor er auf dem tiefen Signalton eines Dampfers endet: „Begin the Beguine“ wurde von Porter angeblich auf einem Kreuzfahrtschiff komponiert.

Beim Thema Resonanz greift Lutzeier zum Sopransax, das bei dem Zweimetermann fast wie ein Spielzeug wirkt – „Das muss ich noch aufpumpen“ – und spielt „Someday my Prince will come“. In dem Lied könne man deutlich hören, dass jeder Ton sich gerne zu einem anderen hin bewege. Jeder Ton habe zudem Obertöne, in denen alle anderen Töne enthalten seien. Auf seinem Baritonsax zeigt Lutzeier, wie durch Überblasen eines Tones einige der Obertöne erzeugt werden können. Auch Kepler habe mithilfe der Obertonreihe und deren arithmetischen Verhältnissen seine Planetengesetze aufgestellt. Kurzum: „Alles ist Klang“, oder wie der Musiker formuliert: „Everything is groovy.“

Als pures Klangerlebnis zeigt sich das Präludium von Bachs erster Cellosuite, das Lutzeier originalgetreu auf dem Baritonsax spielt. Nach der Pause gibt’s ein kleines Ratespiel: Ein bekanntes Intro erklingt – doch zu welchem Song gehört es doch gleich? Tatsächlich weiß es niemand, da das anschließende Lied vollkommen anders weitergeht: Man vergisst dieses Intro hinter dem eingängigen „Light my Fire“ der Stones. Auch zu seinen Instrumenten erzählt der Musiker etwas: Sein Bariton stammt aus den 20er Jahren, das Sopran aus den 40ern und das C-Melody-Sax ist etwas ganz Besonderes: Seine Stimmung liegt zwischen Alt und Tenor. „Ist nicht ganz so brunftschreiig wie ein Alt“, meint Lutzeier und beweist es mit einem grandiosen „Take the ‚A‘-Train“ samt Gesangseinlage.

Beim letzten Song, dem bekannten „Aquarela do Brazil“ summen schließlich alle mit. Denn laut dem Musiker steckt auch in „Gesundheit“ das Wort „Sound“. Und „je mehr man singt, desto weniger Medikamente braucht man.“

Susanne Greiner

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