Kinderdorfmütter beschuldigt

Missbrauch im SOS-Kinderdorf Dießen

SOS-Kinderdorf Dießen
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Im Kinderdorf in Dießen – hier beim letzten Tag der offenen Tür – sollen laut einer Studie und laut Aussagen des früheren Leiters Erich Schöpflin Kinder missbraucht worden sein.
  • Susanne Greiner
    VonSusanne Greiner
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Dießen – SOS-Kinderdörfer sollen eine Zuflucht sein, ein sicherer Ort. Aber ausgerechnet in dieser Zuflucht sollen Kinder von Anfang der 2000er Jahre bis 2015 missbraucht worden sein. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor. Die Vorfälle sollen dabei direkt vor der Haustür stattgefunden haben: im SOS-Kinderdorf Dießen. Dass es sich dabei um das Dießener Kinderdorf handelt, bestätigt Erich Schöpflin, der von 2003 bis 2016 Leiter der Dießener Einrichtung war.

Ehemalige Mitbewohner eines SOS-Kinderdorfes hatten sich bei der internen Anlaufstelle für kindeswohlüberschreitende Grenzgefährdungen des SOS-Kinderdorf-Vereins beschwert. Daraufhin gab der Verein eine externe Studie in Auftrag: bei der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“, durchgeführt von dessen Mitglied Heiner Keupp, emeritierter Sozialpsychologie-Professor der LMU, der bereits den Skandal um sexuellen Missbrauch im katholischen Kloster Ettal wissenschaftlich aufgearbeitet hat. Dazu befragte er ehemalige Mitarbeiter aus allen Bereichen, auch mehrere der Kinderdorfmütter. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte SOS Kinderdorf auf seiner Webseite. Darin steht: „In einer Vielzahl von Handlungen der beiden ehemaligen Mitarbeiterinnen haben kindeswohlgefährdende Grenzverletzungen und pädagogische Fehlhandlungen stattgefunden“. Zwei ehemalige Kinderdorfmütter sollen laut Aussagen der Betroffenen Kindern von den frühen 2000er Jahren bis etwa 2015 „Leid“ zugefügt und ein „Klima der Angst“ erzeugt haben.

Die Organisation SOS-Kinderdorf will nach eigenen Angaben vor allem Kindern helfen, deren Eltern wegen Armut nicht für sie sorgen können oder die familiäre Gewalt erleben. Wenn nun die Aussagen von zwei Personen, die laut Keupps Studie „einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend in einem Kinderdorf verbrachten“, zutreffen, schlägt das eine tiefe Kerbe.

Regeln und Ordnung

Keupp hat laut Studienbeschreibung in persönlichen Gesprächen mit den Betroffenen über die Vorfälle gesprochen. Die beiden Kinderdorfmütter hätten laut Studie „großen Wert auf Regeln und Ordnung gelegt, verfügten aber aus einer nicht ausreichend kontrollierten Machtposition willkürliche Sanktionen, schufen für die Kinder ein Klima der Angst und erzeugten eine Unterwerfungsbereitschaft.“ So sei laut Bericht der Betroffenen beim Essen das Trinken verboten worden. Taten die Kinder es dennoch, seien sie an den Haaren gepackt und ihre Köpfe aneinandergeschlagen worden. Schon kleine Verstöße hätten ausgereicht, dass den Kindern die Matratzen weggenommen wurden und sie auf dem Lattenrost schlafen mussten. Nicht gegessene Essensreste hätten die Kinder püriert trinken müssen. Standen sie morgens nicht auf, bekamen sie kaltes Wasser ins Gesicht. Zudem durften sie morgens nicht auf die Toilette gehen, weil das die Kinderdorfmutter gestört habe. In der zweiten Familie sei der „Krampus“ zur Schreckensperson stilisiert worden. Gehorchten die Kinder nicht wie erwartet, seien sie in den dunklen Heizungskeller eingesperrt worden. Geschenke wurden einkassiert, oft sei tagelang mit den Kindern nicht gesprochen worden.

Auch konkret sexuelle Missbrauchsfälle seien gemeldet worden. So hätten die Kinder morgens nackt vor der im Bett liegenden Kinderdorfmutter „vorbeidefilieren“ müssen, die Schamgegend sei auf ‚Sauberkeit‘ kontrolliert worden. Die Kinder mussten mit der Kinderdorfmutter duschen, sie danach eincremen.

Ausgesagt hätten nicht nur die Betroffenen, so Keupp in seiner Studie, sondern auch pädagogische Mitarbeiter*innen und andere Fachkräfte. Es sei aber die „Initiative der Betroffenen“ gewesen, die das Schweigen um die Grenzverletzungen letztendlich gebrochen habe.

An Grenzen gekommen

Der damalige Leiter des Kinderdorfes Erich Schöpflin bestätigt dem KREISBOTEN gegenüber, dass es sich bei dem Kinderdorf um die Einrichtung in Dießen handelt. Keupp habe im Rahmen seiner Untersuchung auch mit ihm gesprochen. Vorher habe er von den Vorfällen nichts gewusst. Zwar habe es immer wieder Meldungen gegeben, in denen die Kinderdorfmütter an „ihre Grenzen gekommen“ seien. Ein Kind habe zwei Stunden lang immer den gleichen Satz schreiben müssen, ein anderes sei von seiner Kinderdorf­mutter in ein Zimmer gesperrt worden. „Diese ‚schwarze Pädagogik‘ der 50er geht natürlich überhaupt nicht“, sagt Schöpflin, man habe auf die Vorfälle entsprechend reagiert.

Aber offensichtlich habe es nicht genug Vorwarnsysteme gegeben, ebenso nicht die notwendige Gesprächskultur – und das müsse dringend reflektiert werden. Um eine entsprechende Gesprächskultur bieten zu können, habe man circa 2007 die Position eines Vertrauenserziehers eingeführt – „man war nicht so naiv zu denken, dass immer alles in Ordnung ist“. Aber vielleicht sei das bei den aktuellen Fällen zu spät gewesen. Auch erst später, seit 2011, gebe es in München die Anlaufstelle für kindeswohlüberschreitende Grenzgefährdungen. Schon vorher seien die Kinder aber häufig miteinander in Kontakt gewesen, auch mit Kindern außerhalb des Kinderdorfes. Zudem komme das Jugendamt ein oder zweimal pro Jahr in die Kinderdorffamilien und spreche mit den Kindern.

Die Vorfälle hätten sich aufgrund eines „Transferdefizits“ von fachlichen Standards ereignen können, die speziell in diesem Kinderdorf nur bedingt erreicht wurden, urteilt die Studie. So sei die Idee der Kinderdorfgründer, durch Kinderdorfmütter und ihre „natürliche Mütterlichkeit“ einen Familienersatz zu schaffen. Zudem sei im Laufe der Zeit das Konzept installiert worden, dass kompetente Fachteams die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder garantieren sollten.

Das sei jedoch nicht ohne Widersprüche gelungen, so Keupp in der Studie. Denn die Kinderdorfmütter seien von Anfang an autonom gewesen, eine Autonomie, die die jeweiligen Leitungen akzeptiert hätten. Daraus habe sich ein Machtanspruch abgeleitet. Dessen Missbrauch hätten in dem betroffenen Kinderdorf auch die pädagogischen Mitarbeiter*innen nicht verhindern können, da sie selbst die Autonomie nicht hätten ‚brechen‘ können, so Keupp in der Studie. Und in diesen „Systemnischen“ sei der Missbrauch möglich geworden.

Die ‚Macht‘ der Kinderdorfmutter sei inzwischen weitaus geringer, informiert Schöpflin. „Früher stand sie im Mittelpunkt der Pädagogik, heute hat sich das geändert.“ Unter anderem stehe sie in viel umfangreicherer „fachlicher Reflektion“.

Strafanzeige erstattet

Die Staatsanwaltschaft Augsburg hat nach einer Strafanzeige inzwischen Ermittlungen aufgenommen, wie ein Sprecher der Behörde der Deutschen Presse-­Agentur in München sagte. Eine Sprecherin von SOS-Kinderdorf erklärte, die Organisation wisse von der Anzeige und sei im Austausch mit den Betroffenen.

Die zwei Kinderdorfmütter hätten sich bisher nicht zu den Anschuldigungen geäußert, ist in den Ergebnissen von Keupps Studie zu lesen. Keupp habe beide kontaktiert. Eine habe bisher nicht geantwortet, die andere sei mit Anwalt zum Gesprächstermin erschienen und habe alles geleugnet. 

„Ich bedauere zutiefst, was den uns anvertrauten Kindern Leid widerfahren ist“, sagt die Vorstandsvorsitzende des SOS-Kinderdorf-Vereins Prof. Dr. Sabina Schutter. „Wir sind den ehemaligen Betreuten sehr dankbar für ihren Mut, sich an uns zu wenden.“ Man werde eine Stelle für Kinderschutz direkt beim Vorstand ansiedeln, die die Fachkräfte unterstütze, die Standards umzusetzen. Zudem solle es eine Hotline bei der internen Meldestelle geben. Der Vorstand des SOS-Kinderdorf-Vereins habe sich auch bereits bei den Betroffenen entschuldigt.

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