"Jeder hat das Recht auf Flucht"

"Die Mission der Lifeline" im Landsberger Olympia Kino

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Bei der Diskussionsrunde zu dem Film "Die Mission der Lifeline" stellten sich OB Mathias Neuner, Kapitän Claus-Peter Reisch, Mission-Lifeline-Mitgründer Axel Steier und Regisseur Markus Weinberg (von linsk) den Fragen des Publikums.

Landsberg – Es ist ein Film, der trifft. Der aufrüttelt. Und der Wegschauen und Leugnen schwierig macht. Regisseur Markus Weinberg war für den Dokumentarfilm „Die Mission der Lifeline” zwölf Tage auf See bei der ersten Rettungsmission der Lifeline dabei. Das Ergebnis seiner Dreharbeiten war am Samstag und Sonntag im Olympia Kino zu sehen – samt Regisseur, Lifeline-Mitgründer Axel Steier, Kapitän Claus-Peter Reisch und OB Mathias Neuner.

„Man wird sehr schnell in eine Ecke gestellt, wenn man so einen Film macht”, erzählt Weinberg. Wen er da meint, wird im Film deutlich. Denn neben den Situationen auf See hat Weinberg auch Interviews mit Axel Steier in Dresden gedreht. Während daneben Pegida-Demonstrationen stattfinden. Eine ältere Frau tritt vor die Kamera, bezeichnet die Geflüchteten als „Invasoren”, Steier als Lügner. Mission-Lifeline-Mitgründer Steier bleibt ruhig. Er sei auch schon tätlich angegriffen worden, als er mit seiner Tochter unterwegs war. „Aber es ist meine Bürgerpflicht, Menschen zu helfen. So, wie die Feuerwehr Menschen vor Brand rettet, retten wir Menschen aus Seenot. Denn jeder Mensch hat das Recht auf Flucht.” Der Soziologe Bisher ist der Sitz der NGO in Dresden. „Aber sollte die AfD an die Macht kommen, ziehen wir um”, kommentiert der 44-Jährige die Europawahlergebnisse in Sachsen.

Auch Weinberg, der als Journalist in Dresden arbeitet, bezieht mit seinem Film Stellung für Mission Lifeline. Ihm sei wichtig, mit allen im Dialog zu bleiben: „Das heißt für mich, Demokratie vorleben.” In Dresden hatte er bereits über zahllose Pegida-Demonstrationen berichtet. Über den Dresden-Balkan-Konvoi. Und auch über Steier, als der von der Insel Chios zurückkam, von den dort vor der Küste Ertrinkenden berichtete und schließlich 2016 die NGO gründete. Und da Weinberg zuvor bereits im Bereich Film gearbeitet hatte, entschloss er sich zu dem Projekt Dokumentationsfilm. Allerdings dauerte es noch eineinhalb Jahre, bis die Lifeline gechartert werden konnte. Sein Film hatte am 12. Mai in München Premiere.

Während der Dreharbeiten habe er einen der schlimmsten Momente seines Lebens gehabt, erzählt der Regisseur: Als die Lifeline-Crew im kleinen Motorboot ein leckes Schlauchboot mit 150 Geflüchteten findet. Und die Retter eineinhalb Stunden warten müssen, während das Schlauchboot immer mehr Luft verliert. Während die Menschen fast ertrinken, weil die große „Lifeline” noch von der libyschen Küstenwache festgehalten wird. „Wir hatten nur Rettungswesten für 80 Menschen. Und hätten über Leben und Tod entscheiden müssen, wenn das Boot schneller gesunken wäre.”

Diskussionsrunde

Zur Filmvorführung am Sommer-Samstag kommen rund 50 Besucher, die sich rege an der Fragerunde beteiligen. Ein Zuschauer spricht Neuner auf die nicht ausgesprochene Ehrung Claus-Peter Reischs mit dem Goldenen Ehrenring der Stadt Landsberg an – eine Ehrung, die für Menschen gedacht ist, die explizit für die Stadt etwas erreichen, und die deshalb als nicht geeignet für Reisch angesehen wurde. Aber: „Wir erkennen die Arbeit der ganzen Crew an”, betont Neuner. Man sei stolz, dass ein Landsberger für diese Sache kämpfe und da auch vielleicht ein Umdenken anregen könne. „Vielleicht ist ja meine Anwesenheit hier heute Abend auch ein Zeichen.” Dennoch sehe er es nicht als rein staatliche Aufgabe, Menschenleben zu retten. So wie das Rote Kreuz oder auch die Feuerwehr werde das weiterhin eine ehrenamtliche Tätigkeit bleiben. Aufgabe der Kommunen sei es hingegen, weiterhin bei der Aufnahme und Integration der Geflüchteten zu unterstützen.

Steier sah zwar die Handlungsmaxime bei den Organisationen, mit ihren ausgebildeten Teams die Menschen zu retten. „Aber es ist die Aufgabe des Staates, diese Organisationen zu unterstützen.” Die Lifeline, vorher Sea-Watch, habe inzwischen über 20.000 Menschen das Leben gerettet. Auch Reisch ist dieser Ansicht: „Die Staaten müssen dafür sorgen, dass wir fahren können.” Man solle die Organisationen nicht kriminalisieren, sondern ihnen die „Steine aus dem Weg räumen”. Er werde bei den Politikern nicht lockerlassen, „mich festbeißen wie ein Terrier”. In Malta gebe es einen Gedenkstein für 24 Tote – die einzigen Körper, die geborgen werden konnten nach dem Kentern eines dreistöckigen Holzboots, das zwischen 700 und 900 Personen an Bord hatte. Er empfehle jedem Politiker, einmal in so einer Situation dabei zu sein. Bei seinem Gespräch mit Seehofer, den er als interessiert erlebt hat, „als jemand, der zuhört”, habe er deshalb drei Wünsche geäußert. Einer davon sei die Evakuierung von 170 Kindern und Frauen aus einem libyschen Lager. „Wir würden sie in Tripolis abholen.” Mal sehen, was daraus werde. Vom Landkreis wünsche er sich, dass mehr Geflüchtete eine Arbeitserlaubnis bekommen.

Eine direkte Unterstützung der Kommunen könne durch Hilfe in der Öffentlichkeitsarbeit geschehen, so Steier. Er hoffe aber auch auf mehr Schiffe. Und es wäre hilfreich, wenn die illegalen Tätigkeiten der „sogenannten libyschen Küstenwache” auch als solche angesehen würden. Ansonsten suche man Techniker, Maschinisten, Mechaniker, auch Ärzte und anderes medizinisches Personal für die Arbeit an Bord. Zudem seien Menschen notwendig, die von Land aus mitarbeiten. Demnächst will die Organisation mit vier Segelyachten aufs Mittelmeer fahren, um weiter die Leben von Geflüchteten zu retten. Auch das neue Schiff sei schon da – denn die Lifeline ist immer noch beschlagnahmt. Aber es sei schon eine Hilfe, wenn sich die Menschen für ihre Arbeit auch Andersdenkenden gegenüber einsetzten. „Streiten Sie in Ihrer Familie dafür, dass man Menschen nicht ertrinken lassen darf.”

Susanne Greiner

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