LechStadtFestival

Mit »Dreiviertelblut« zum perfekten Open-Air-Abend

Dreiviertelblut Landsberg
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Lebensfreude mit Seitenblick zum Abgrund: „Dreiviertelblut“ holte die das Publikum am Freitag beim LechStadtFestival von den Stühlen.

Landsberg – 20 Uhr, 21 Grad. Ein lauer Sommerabend, kein Regen. Es ist, als ob das Wetter für Dreiviertelblut eine Ausnahme macht. Schon einen Tag später ist der kurze Sommereinbruch wieder vorbei. Viele der Parzellen auf dem Schlüsselanger sind gefüllt. Punkt 20 Uhr kommen die sieben Musiker auf die Bühne.

Eigentlich hätte Dreiviertelblut im Frühjahr 2020 im Stadttheater spielen sollen. Wurde nichts draus, genausowenig wie ein Jahr später. Wenn alles gut läuft – klopf auf Holz –, findet eine Gerd-Baumann-Dreiviertelblut-Woche 2022 statt: passend zum Zehnjährigen der Band, auch mit den Bananafishbones, der zweiten Band vom Dreiviertelblut-Sänger Sebastian Horn.

Aber erst einmal jetzt. Jetzt hat es geklappt. Musikprogrammmacher des Stadttheaters Edmund Epple hat die Band zum LechStadtFestival geholt, wohlgemerkt über den neuen Lechsteg, wie Horn erzählt. Die ‚glorreichen Sieben‘ kommen frisch von ihrer Live-Einspielung mit den Münchner Symphonikern. Gerd Baumann an der Gitarre schlägt die ersten Töne von „Die Wahrheit“ an, Horns tiefe Stimme setzt ein. Der Dreier in „himmelhochjauzend, zu Tode betrübter“ Harmonie schwingt in den legeren Melodien von Trompete und Klarinette, bevor er sich zum drängenden Schrei mausert. Horns Stimme steigt an, wird lauter bis hin zum Schlussklang, samt verzerrten Dissonanzen von Luke Cyrus Goetze an der Gitarre. Musik, die voller Energie und Manie ist, ein Fest mit Blick in die Tiefen der Seele.

Dominik Glöbl an der Trompete beeindruckt beim „Deifedanz“ in lied­entsprechender Virtuosität, bei „Rundummadum“ gibt ihm Florian Riedl mit der Bassklarinette Kontra. Den Puls schlagen Benny Schäfer am Kontrabass und Flurin Mück an den Drums. Alles grandiose Musiker, zusammen ein Traum, der technisch perfekt ist, aber nie technisch klingt.

Diese Musik funkelt bei Live-Auftritten besonders. Stimmen und Stimmung intensiver, die Musik näher am Ohr und am Herzen. Vielleicht ‚versteht‘ man deshalb die teilweise exotischen Bilder in Horns Texten live auch besser – oder meint zumindest, sie zu verstehen.

Eines der neuen Lieder, die die Band am Freitagabend spielt – „oben, da schneibts“–, leitet Horn mit dem Läuten der Lengrieser Glocken ein. Der Kirchenrat habe ihm eine Schellack-Platte gegeben, darauf das letzte Läuten der Glocken, bevor sie 1942 eingeschmolzen wurden. Die hat er digitalisiert. Jetzt ist sie das Intro zu einem Lied, in dem es um oben und unten geht, weiß und grau, leicht und schwer. Im Anschluss die Fast-Hymne „Ned nur mia“, „das müssen wir immer wieder spielen, bis zum Schluss, weil das nicht verstanden wird“, sagt Horn. Danach noch was Neues, Arbeitstitel „Spasibadams“, übers Loslassen und Verlassen.

Die Texte der neuen Songs sind nicht leichter oder ‚fröhlich‘. Die „Engel mit schwarzen Flügeln“ sind immer noch da. Aber die Musik wirkt ‚besser gelaunt‘: Anklänge an griechische Folklore, Mariachi, Südamerika, auch schnellere Tempi. Auch bei der Auswahl aus dem Repertoire setzt Dreiviertelblut auf seine tanzbareren Lieder: Nach der langen Zeit ohne Live-Auftritte sei es so schön, endlich wieder zu tanzen, sagt Horn, als sich die Ersten in ihren Parzellen von den Stühlen erheben. „Noch schöner ist es, Leuten beim Tanzen zuzuschauen“, freut sich der Sänger – noch mehr stehen auf.

Mit gemeinsamen Stimmübungen zum farbtheoretischen „Wos übrig bleibt“ – Horn gibt sich da mit dem leiseren „Gartenfest-Charakter“ zufrieden – über einen Schieber zum Schunkeln und einen ‚Trinkwalzer‘ zum Anstoßen bis zum neuen „Henna ohne Kopf“ holt Dreiviertelblut mit zunehmender Dunkelheit alle auf die Beine – bis bei „Wuist du mit mir danzn“ der ganze Schlüsselanger mittanzt – dank geräumiger Parzellen ohne Platzprobleme.

Als Zugabe gibt‘s was, das nach Cure klingt, Edmund habe es sich gewünscht. Weniger ‚folklorefreie Folklore‘ – eher Bananafishbones? Egal, alle wollen mehr, geht aber nicht: Die Nachtruhe ruft. Der letzte Ton klingt aus, aufgefangen vom Stimmengemurmel der nachhause gehenden Gäste. Es ist 22 Uhr, Temperatur 21 Grad – was für ein feiner Abend.

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