"Mit Oma Fußball schauen"

Das große Chaos ist ausgeblieben: Statt der befürchteten 18000 Feierwütigen versuchten am Samstag lediglich 400 bis 500 junge Leute, die vom Landratsamt verbotene Facebook-Party an den Baggerseen zwischen Kaufering und Igling zu besuchen. Viele kamen mit der Bahn und wurden dort von einem Großaufgebot an Polizeibeamten dazu aufgefordert, gleich wieder abzufah­ren – was die meisten denn auch taten.

Bereits am frühen Nachmittag bezogen Einsatzfahrzeuge Stellung an allen Zufahrtswegen zum Baggersee im Westen des Ortes. Insgesamt waren rund 300 Beamte im Einsatz, sogar ein Hubschrauber kreiste über der beschaulichen Marktgemeinde. Das größte Polizeiaufgebot postierte sich am Bahnhof. Hier erwarteten die Behörden den stärksten Andrang an Partygängern. Und die kommen am Nachmittag gegen 16 Uhr. Rund 250 junge Leute treffen mit Zügen aus München, Augsburg, Kempten und Kaufbeuren ein. Auf dem Bahnsteig werden sie von Polizeibeamten in Empfang genommen und auf ein Gelände neben dem Bahnhofsgebäude gebracht. Trotz Bier und Sprechchören bleibt die Stimmung friedlich. Die Beamten sprechen mit den Jugendlichen, fordern sie auf, mit dem nächsten Zug wieder abzufahren. „Wir haben kein Interesse daran, die Situation hier einzufrieren“, sagt Hans-Peter Kamme­rer, Pressesprecher der Polizeidirektion Oberbayern-Süd. Die Beamten wollen deeskalieren und dafür sorgen, dass das Party­völkchen so schnell wie möglich wieder abzieht. Deshalb werden an dieser Stelle auch von niemandem die Personalien aufgenommen. Offiziell will sowieso keiner zu der Facebook-Party, für deren Besuch das Landratsamt ein Bußgeld von 1000 Euro angedroht hat. Man will Freunde besuchen, mit der Oma Fußball schauen, ins Restaurant gehen. „Wir müssen uns viele Ausreden anhören“, berichtet Kammerer. Schnell sehen die Jugendlichen aber ein, dass es in Kaufering an diesem Abend nichts zu feiern gibt. Viele steigen in den Zug nach Hause. Eine Gruppe von etwa 100 Leuten zieht weiter zur Landsberger Wies’n, wird aber später wieder an den Ortsrand von Kaufering gebracht, um dort unter Beobachtung der Beamten zu feiern. Party am Sportplatz Vor dem Bahnhof tummeln sich derweil die Schaulustigen. Den Appell des Landratsamts, heute am besten zu Hause zu bleiben, hat offenbar niemand ernst genommen. Mit einer Mischung aus Amüsiertheit und Bestürzung beobachten die Kauferinger, was sich in ihrem Ort tut. Auf dem Bahnhofsvorplatz feiert eine Gruppe Jugendlicher, andere machen Party auf einem Gelände neben der Sporthalle. Bürgermeister Erich Püttner ist den ganzen Nachmittag mit dem Fahrrad durch seine Gemeinde gefahren und hat auffällig viele Autos mit auswärtigen Kennzeichen und vier, fünf Insassen beobachtet. „Die fahren im Kreis, sehen, dass nichts geht und fah­ren wieder ab.“ Einige Hartnäckige versuchen, zu Fuß an den Baggersee vorzudringen, werden aber aufgehalten. Im Großen und Ganzen zog die Einsatzleitung der Polizei eine positive Bilanz. Insgesamt wurden allerdings 38 Personen in Gewahrsam genommen, 20 davon weil wie eine Straftat begangen hatten. „Eine Person zeigte einen Hitlergruß“, berichtet der Pressesprecher, ansonsten ginge es bei den Festnahmen um Delikte wie Beleidigungen und Körperverletzungen, die meisten davon wegen zu viel Alkohol. „Vom BRK wurden zehn Personen ins Krankenhaus gebracht.“ Im Laufe des Abends seien drei Beamte leicht verletzt worden. Ins Rollen gebracht hatte die Lawine die jetzt 14-jährige Selina aus Landsberg, die ihre private Geburtstagsfeier laut Polizei „versehentlich“ als öffentliche Veranstaltung auf Facebook eingestellt hatte. Im Schneeballsystem verbreitete sich die Einladung – auch dann noch, als die Behörden die entsprechende Seite schon hatten entfernen lassen. Eine Handvoll User, die den Party-Aufruf weitergeleitet hatten, konnte die Polizei ermitteln. „Dort haben wir Beamte hingeschickt“, berichtet Polizeisprecher Kammerer. „Wenn ein 15-Jähriger ein bisschen im Internet herumklickt und drei Stunden später steht die Polizei vor der Tür, dann werden die Eltern schon aufmerksam.“ Alle hätten betroffen und sehr kooperativ reagiert – keiner war sich offen­sichtlich der Tragweite von „ein paar Mausklicks“ bewusst gewesen.

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Lisa will Bierkönigin sein
Lisa will Bierkönigin sein
Eine Leiche muss her!
Eine Leiche muss her!
Ein Rezept für das Miteinander
Ein Rezept für das Miteinander

Kommentare