Mitleid mit altem Holz

Nurmehr der Baumstumpf zeugt im Uttinger Staatsforst von der einst mächtigen Eiche.

„Mir hat er einfach Leid getan“, sagt Landwirt und Arzt Dr. Veit Rattenhuber auf die Frage, warum er den Baum, der da vor zehn Jahren im Uttinger Staatsforst lag, davor bewahrt hat, als Brennholz zu enden. So ziemlich genau zu der Zeit, als in St. Alban die Baugrube für das neue Gymnasium ausgehoben wurde, stieß Rattenhuber, Besitzer von Gut Waldeck in Holzhausen und passionierter Jäger, in seinem Uttinger Jagdrevier zufällig auf eine uralte Eiche, die wohl nach einem Sturm umgefallen war. Er lagerte den mächtigen Stamm auf seinem Hof und rettete ihn so vor der Kettensäge. Um ihn dauerhaft zu erhalten, ließ er dann einen Teil als Baumscheibe präparieren.

In der Zwischenzeit wurde das Ammersee-Gymnasium gebaut, Schüler zogen ein, die Schule vergrößerte sich, und irgendwann reifte bei dem Uttinger Retter die Idee, Schule und Baum zusammenzubringen. Gesagt, getan: Dr. Rattenhuber rief bei Josef Lutzenberger an, Bürgermeister in Utting und als Berufsschullehrer sozusagen vom Fach: Ob er beim neuen Dießener Gymnasium, das ja rund 150 von 800 Schülern aus seiner Heimatgemeinde bezieht, wohl Interesse an einer solchen Scheibe bestehe. Alsbald fuhr Schulleiter Klaus Rechenberger zu Dr. Rattenhuber auf den Hof, um das Objekt zu besichtigen und die Verwendungsmöglichkeiten zu planen. Zurück kam er mit einem Bündel an Ideen, die inzwischen Gestalt angenommen haben: Seit kurzem hängt die rund 200 Kilogramm schwere Scheibe im Ammersee-Gymnasium, gegenüber dem Aquarium und in unmittelbarer Nähe der Biologie- Fachräume. Zuvor wurde sie noch von Dr. Rattenhuber mit einem 3,80 m langen Stahlband versehen und dann von Hausmeister Stefan Gehrmann mit drei extra starken Eisenwinkeln an die bis dato weiße Wand gedübelt. Zur offiziellen Übergabe war neben dem Stifter und Ideengeber Dr. Rattenhuber auch Bürgermeister Lutzenberger geladen war, der die Schenkung vermittelt hatte. Die Besucher konnten sich bei der Gelegenheit ein Bild davon machen, welch vielfältigen Zwecken die Scheibe am ASG dienen wird. Extra für den Einweihungstermin hatte Oberstufenschülerin Swenja Jurisch während des Kunstunterrichts bereits die Jahresringe gezählt und im Abstand von je einem Viertel­jahrhundert farbige Nadeln gesteckt, und zwar als besonderes Wellenmotiv gestaltet, analog zu den Wellenmotiven der Wandmalerei im unteren Gang des ASG. Neben der Scheibe informiert eine von Kunstlehrer Burkhard Niesel erstellte Zeitleiste über Kunststile, geschichtliche Ereignisse und Bauwerke seit dem Jahr 1628, als die Eiche noch ein Setzling war, bis zur Gründung des ASG im Jahr 2006, als der Baum vom Sturm gefällt wurde. Im Laufe der Zeit sollen weitere Übersichten dazu kommen, so zum Beispiel aus dem Bereich der Literatur, Musik und Technik. „Die Scheibe kann als Anschauungs- und Studienobjekt für die verschiedensten Zwecke eingesetzt werden“, freut sich Schulleiter Rechenberger. „Es gibt sogar eine eigene Wissenschaft, die Dendrochronologie, die sich mit der Erforschung von Jahresringen beschäftigt und zum Beispiel anhand bestimmter Ausformung von Jahresringen Klimaveränderungen am Standort des Baumes nachweisen kann.“ Auch Dr. Rattenhuber freut sich, dass sein Schützling nun eine dauerhafte Heimat und zugleich sinnvolle Verwendung gefunden hat. So ein leibhaftiger Zeuge der Vergangenheit aus der unmittelbaren Nähe schaffe noch mal einen ganz anderen Zugang zur Geschichte als Schulbücher, meint er. „Für heutige Jugendliche ist Hitler doch so weit weg wie das Mittelalter. Mein eigener Vater wurde noch im Königreich Bayern geboren, das können sich meine eigenen Söhne schon kaum mehr vorstellen.“ Wie kurz das eigentlich erst her ist, vor dem Hintergrund der 382 Jahre, die der Baum gelebt hat, das können ASG-Schüler nun direkt an ihrer Baumscheibe ablesen.

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