Mobbingopfer kann jeder werden

Mobbing an Schulen, das auch im Landkreis ein Thema ist, beleuchteten (von links) Schulamtsleiter Rudolf Schönauer, Polizist Helmut Nieberle, Diplom-Psychologin Margit Erades-Peterhoff von der SOS-Beratungsstelle, Schulpsychologe Jörg Poll, Jugendamtsleiter Peter Rasch, Sozialpädagogin und Mediatorin Dagmar Cordes sowie Schulsozialarbeiter Christian Müller-Tolk aus verschiedenen Blickwinkeln. Foto: Hollrotter

Mobbing an Schulen ist im Landkreis Landsberg ein Thema. Immerhin zehn Prozent von mehr als 4000 Schülern gaben an, sich in der Schule oder auf dem Schulweg „nicht sicher“ zu fühlen. Mit einer Informationsveranstaltung beleuchtete der interdisziplinäre Arbeitskreis Kinder- und Jugendschutz das Thema deshalb von allen Seiten, um die Zuhörer – vorwiegend Fachleute aus dem Bereich Kinder- und Jugend­arbeit – zu sensibilisieren und ihnen zu verdeutlichen, dass Mobbing jeden treffen kann.

Unzählige Studien, so die Sozialpädagogin und Mediatorin Dagmar Cordes, zeigen, dass Mobbing nicht mit der Persönlichkeit des Opfers in Zusammenhang steht. Vielmehr verändere sich diese als Folge der Übergriffe, betonte sie. Denn was oft mit vermeintlich harmlosen „Späßchen“ beginne, ent­wickle schnell eine ungeheuere Dynamik. Ein Initiator findet dabei „befürwortende Anhänger“ und eine „schweigende Mehrheit“, deren anfängliche Empathie für das Opfer auch unter dem Druck des Initiators bald in Ablehnung umschlägt. Bis zur Straftat Die Mobbingangriffe können in ihrer Qualität laufend schwerwiegender werden. Cordes gliederte sie in drei Bereiche mit je drei Stufen, die von abfälligen Bemerkungen über das gezielte Verbreiten von Gerüchten bis hin zum Erzwingen von Handlungen oder gar zur psychi­schen und physischen Folter reichen. Damit sind, so AK-Mit­glied und Polizist Helmut Nieberle, Straftatbestände erfüllt. Auf den ersten „drei bis vier“ Stufen, meinte Cordes, sei der Ansatz „No blame“ Erfolg versprechend, den Schulsozialarbeiter Christian Müller-Tolk vorstellte. Dabei fasst man Täter und vom Opfer als hilfreich erlebte Klassenkameraden in einer meist achtköpfigen „Helfergruppe“ zusammen, in der konkrete Hilfen für das Opfer erarbeitet werden – ohne die Täter zu bestrafen. Sechs Schritte Ist das Mobbing bereits weiter eskaliert, empfiehlt Cordes eine Intervention in sechs konfrontativen und mediativen Schritten über ein „Konflikthilfeteam“ aus Lehrern und Schülern, die bei einer Tatfolgenkonferenz in der Klasse gezielt die Empathie der schweigenden Mehrheit wieder aufleben lässt und an deren Ende eine Rehabilitation von Opfer und Täter steht. Für die Opfer sei es oft enorm wichtig, sich dem Geschehen nochmals zu stellen und es vor der gesamten Klasse zur Sprache zu bringen, erklärte sie. Mobbing, betonte Cordes, kommt überall vor, auch an Schulen mit „sehr gutem Klima“. Schulpsychologe Jörg Poll, der die Ergebnisse der Fragebogenaktion vorstellte, war deshalb enttäuscht, dass sich nicht alle Schulen im Landkreis beteiligt hatten. Er zeigte auf, dass an den Schulen typische Mobbingaktivitäten aller drei Stufen vorkommen – und zwar in einer „viel zu großen“ Häufigkeit, so Jugendamtsleiter Peter Rasch. Wichtig sei es deshalb, Lehrer für das Thema zu sensibilisieren, so dass sie (auch) anhand von Soziogrammen gefährdete Kinder und Attacken rasch erkennen. Denn gerade am Anfang könne man ihnen noch mit Aktionen wie Morgenkreis oder Klassenrat begegnen, meinte Schulamtsleiter Rudolf Schönauer. Ansonsten sei es wichtig, sich Hilfen zu holen im Kollegenkreis, beim Beratungslehrer oder bei speziell ausgebildeten Mobbingbeauftragten wie Christian Karlinger vom Sonderpädagogischen Förderzentrum Landsberg, der sich und seine Arbeit kurz vorstellte. "Er war anders" Der Gang zur Beratungsstelle ist ebenfalls sinnvoll, zeigte Diplom-Psychologin Margit Erades-Peterhoff auf: Sie schilderte einen Mobbing-Fall aus der Beratungspraxis, bei dem das Team der SOS-Beratungsstelle einem 15-Jährigen helfen konnte. Beim abschließenden Täter-Opfer-Gespräch wurde deutlich, warum der Täter das Opfer ausgesucht hatte: Weil es „anders“ war. Und das, meinte Erades-Peterhoff, „sind wir ja alle“. Der Arbeitskreis will sich auch im kommenden Jahr mit dem Thema Mobbing befassen und einen Fachtag mit Workshops dazu anbieten.

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