Gelebte Ökumene in Utting:

Luthers Liebe zu Maria

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Monika Drasch (rechts) und Sebastian Myrus entführten das Publikum in reinster Harmonie in die Welt von Luther, Maria und der Liebe. Begleitet wurden sie von Georg Glasl an der Zither, die textliche Untermalung kam von Gerd Holzheimer.

Utting – Eine aufrührerische Spurensuche ist angekündigt: „Maria, Luther und die Liebe“. Schon der Titel birgt Widersprüche. Und auch die Musikerin mit grüner Geige und rotem Haar wirkt nicht gerade zahm. Mit ihrem Programm wollen Monika Drasch und Co. „das evangelische Bayern erspüren“ – ein leichtes Frotzeln inklusive. Stattfinden soll das Konzert im Gemeindezentrum der evangelischen Christuskirche. Doch dann schlagen die Flammen zu. Akute Raumnot! Und so beten Drasch und Kollegen um Unterkunft in einer anderen Herberge. Die ihnen Pater Xaver von Mariä Heimsuchung kurzerhand gewährt. Gelebte Ökumene. Oder wie es Drasch ausdrückt: „Dank an Pater Xaver fürs Asyl.“

Im Kirchenraum erklingen die ersten Töne. Zitherspieler Georg Glasl streicht meditative Töne auf einer Saite. Monika Drasch kommt mit dem Dudelsack dazu. Sich überschlagende Klänge und Dissonanzen schweben meditativ im hohen Raum. Dann die Stimmen. Tenor Sebastian Myrus und Drasch stimmen ein erstes Lied an. Und verwandeln das anfängliche Schweben in reinste Harmonie. Ausgangspunkt für das widersprüchliche Programm ist die Annahme, Luther sei ein Marienfan. Unmöglich? „Im katholischen Bayern ist vieles möglich“, meint Drasch. Und so haben sie, Glasl und Myrus, ein grandioses Gesamtkunstwerk aus bayerischen Liebesliedern, protestantischen Kirchenliedern, Marienliedern und Volksmusik kreiert.

Unterstützt wird die Musik durch poetische Text-Einsprengsel Gerd Holzheimers. Der gleich davon erzählt, sich die lutherische Lehre zu verinnerlichen – mit dem Bier namens „Reformator“. Luther-Marketing in Reinform. Das Pickerl der mitgebrachten Bierflasche hat Holzheimer aber selbst gestaltet: „Am Anfang war das Wort“ steht drauf. Ebenso hilfreich sind Holzeimers „Lutherol-Tabletten“. Gegen Fegefeuerfurcht, Exkommunikationsangst und zur Ablassprävention, „haltbar bis ans Ende der Welt“. Holzheimer spricht über die Gegenreformation und deren Prinzip: „Auf alles setzen, was Spaß macht.“ Über dreitägige Fronleichnamsprozessionen in München. Über den Judas in den Oberammergauer Festspielen, der nach seinem Einsatz rechtzeitig zurück in die eigene Wirtschaft kann – zum Schnitzelklopfen. Leben und Glaube vereint.

Aber auch die Salzburger Exulanten des 18. Jahrhunderts kommen zur Sprache, Heimatvertriebene, deren Kinder zwangskatholisiert wurden. Und als Special für Utting: ein Gedicht des prominenten Gast­uttingers Bertolt Brecht. Über Maria und die Umstände der Heiligen Nacht. Der Frost, der durch das Loch im Dach hereinkam. Und von dem in der Bibel nur der leuchtende Stern übrigbleibt. Humor und Ernst werden im Programm immer wieder durch die Schönheit der Musik aufgefangen. Zum Beispiel mit „Maria Zell, o Jungfrau rein“, das Drasch mit ihrer klaren Stimme in Begleitung von Glasls Zither anstimmt. Die Melodie ist eine „Ari“, „a richtig schene Melodie mit viel Gfui“, schwärmt Drasch. „Oh mein Gott, ist das ein schönes Lied“, sagt Holzheimer.

Einige Liedtexte stammen von Glasl und Drasch. So das Schwiegermutter-Lied über die Heilige Anna. „Leicht hat er es sicher auch nicht gehabt, der Josef“, schmunzelt Drasch. Andere Texte stammen aus dem niederbayerischen Stubenberger Liederbuch, einer Sammlung alter Volkslieder. Oder vom berühmten Kirchenlieddichter des 17. Jahrhunderts, Paul Gerhardt. Ein Wiegenlied von Matthias Claudius ist dabei. Aktuelle Melodien hat Knut Kiesewetter beigesteuert. Da erklingt mal fast ein Blues, mal ein bisschen Tango. Aber auch ein Schubert-Landler ist zu hören, abgerundet durch einen Jodler von Drasch.

Holzheimers textliche Welten widmen sich auch den Reliquien des „Lexikons der kuriosesten Reliquien“, ein Buch in kardinalsrotem Samteinband: der Atem Jesu, Brosamen vom Abendmahl „oder gar Federn des Hahnes, der bei der Verleugnung Jesu dreimal gekräht hat“. Friedrich der Weise habe 19.013 Reliquien gehabt, „das reichte für einen Gesamtablass von zwei Millionen Jahren“. Den gäbe es auch für das vollständige Singen des russisch-orthodoxen Marienhymnus mit seinen 144 Strophen, erzählt Drasch. „Wir spielen zwölf, das sollte reichen für ein reines Gewissen bis halber zwölfe.“

Gegen Ende singt das Publikum mit: beim Marienlied „Sei gegrüßt vieltausendmal, o Gottesmagd“, dem Lied der Regens­burger Fußwallfahrer. Angeführt von Myrus und Drasch in perfekter Harmonie, stimmt die „Gemeinde“ im Refrain mit ein. Sehr musikalisch. Und besonders beherzt bei der von Monika Drasch hinzugefügten Bitte um eine gute Brandschutzversicherung.

Susanne Greiner

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