Unverzichtbar, unvergessen

"Hiermit stelle ich das LTG 61 außer Dienst"

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Am Donnerstag ist die letzte Möglichkeit, den Angehörigen der fliegenden und der technischen Gruppe des Lufttransportgeschwaders 61 Dank zu sagen für 60 Jahre militärischen und humanitären Einsatz.

Penzing – Am morgigen Donnerstag, 14. Dezember, stellt Generalmajor Günter Katz vom Luftwaffentruppenkommando der Bundeswehr das Lufttransportgeschwader 61 bei einem Festakt auf dem Fliegerhorst Landsberg förmlich außer Dienst. Es ist die letzte Möglichkeit, den Angehörigen der fliegenden und der technischen Gruppe des Geschwaders Dank zu sagen für einen insgesamt 60 Jahre dauernden militärischen und humanitären Einsatz, der unverzichtbar war und unvergessen bleibt.

Sie haben hochgeschaut, immer wieder hochgeschaut. Sobald sich dieses vertraute Brummen näherte, weil eine Maschine abhob oder zur Landung an­setzte, haben die Landsberger und Penzinger hochgeschaut. Eigentlich wussten sie ja, wie eine Transall aussieht. Und Details über Ziel und Zweck der Missionen waren vom Boden ohnehin nicht erkennbar. Dennoch haben sie nicht aufhören können, hochzuschauen.

Sie haben anerkennend hochgeschaut. Auch wenn sie die Transall schon tausend Mal gesehen hatten, beeindruckte sie das stoische Fluggerät immer wieder. Was da langsam und dicklich zum Greifen nah vorbeiflog, symbolisierte unaufgeregte Normalität: Irgendwo in der Welt ist was los, aber unsere Leute sind schon auf dem Weg dahin oder waren gerade da. Man war mit den Dingen ein bisschen vertraut. Man wusste ein wenig Bescheid. Man war ein Stück weit stolz.

Zumal: Viele kannten jemanden, der beim LTG 61 tätig war. Aus der Nachbarschaft, dem Kreis der Kindergarteneltern, dem Sportverein. Wenn nicht, sah man die Soldaten ab und zu in der Stadt, zum Beispiel wenn sie auf dem Christkindlmarkt für einen guten Zweck Glühwein ausschenkten. Man lernte sie in all diesen Fällen als Menschen kennen, die zwar ein tonnenschweres Flugzeug steuern, zu abenteuerlichen Buckelpisten navigieren und in Windeseile Ladungen berechnen konnten, ansonsten aber ziemlich normal aussahen und Samstags Schnee räumten wie jeder andere auch.

Die Retter aus Penzing

Kannte man niemanden, wussten dennoch Viele aus der Zeitung, wo die Crews gerade waren. Noch heute erinnern sich Manche an die Hilfsaktionen 1961 nach der Sturmflut in Norddeutschland, 1975 zur Brandbekämpfung in der Lüneburger Heide und 2002 bei der Hochwasserkatastrophe an der Elbe und in Dresden.

Doch das LTG 61 ist die meisten humanitären Einsätze im Ausland geflogen. Marokko, Nigeria, Sudan, Guinea, Türkei, Sizilien, Biafra, Mauretanien, Sahel-Zone, Italien, Algerien, Äthiopien, Rumänien, Iran, Somalia, Bosnien, Ruanda, Panama, Libanon, Albanien, Bahrein und Griechenland waren – unter anderem – die Destinationen. Fast immer an Orten, die entweder noch nie oder aktuell nicht mehr im Flugplan einer zivilen Airline standen.

Fast immer war vor Ort eine Katastrophe geschehen, ein Erdbeben, eine Epidemie, Hochwasser, eine Hungersnot. Fast immer war der Einsatz des LTG 61 von enormer Wichtigkeit. Ohne die Crews aus Penzing wären Menschen verhungert und verdurstet. Sie hätten nicht geborgen werden können. Sie hätten das Ereignis nicht überlebt. Die Crews aus Penzing waren ihre Retter.

Später, mit zunehmender Übernahme von Mitverantwor­tung der Bundeswehr im Rahmen internationaler Missionen, kamen militärische Einsätze hinzu. Der Golfkonflikt, der IFOR-Einsatz in Kroatien, der NATO-Shuttle Zagreb/Split, die Luftbrücke nach Sarajevo, die Unterstützung der SFOR-Truppe für Bosnien und Herzegowina, die KFOR-Truppe im Kosovo, die „African Mission in Sudan“, der ISAF-Einsatz in Usbekistan und Afghanistan, die Stabilisierungsmission in Mali.

Das alles war eine nicht enden wollende Kette von Heraus­forderungen. Der Flug mit der Transall war dabei noch das Unkomplizierteste. Es gab kaum ein Fluggerät, das so sicher und so beherrschbar war wie dieses. Außerdem: In der Luft waren die Soldaten weitgehend sicher. Vor allem aber waren sie dort ein Team.

Den größten Respekt verlangt ab, dass die Crews dann teils wochenlang im Ausland stationiert waren und dort mit einer abzuwägenden Dosierung von Einfühlungsvermögen und Empathie sowie Selbstbewusstsein und Stärke agieren mussten – zuweilen auch mit der Angst vor Terrorakten und feindlichem Beschuss. Es war eine Leistung, eine große Leistung.

Fester Bestandteil

„Hiermit stelle ich das LTG 61 außer Dienst“, wird der Kommandeur der Fliegenden Verbände am Ende seiner Ansprache beim Außerdienststellungsappell am Donnerstag erklären, an dem geladene Gäste aus allen gesellschaftlichen Bereichen teilnehmen.

Er manifestiert damit einen Abschied, der beim „Tag der Bundeswehr“ im Juni und dem Flyout im Oktober schon unumkehrbar war. Es ist ein Abschied, der wehtut. Mit der Außerdienststellung des erfolg- und traditionsreichen Geschwaders mit dem Gamsbock im Wappen gehen 60 Jahre Luftfahrtgeschichte zu Ende.

Den Landsbergern und Penzingern wird es fehlen, hochzuschauen. Sie werden das Brummen vermissen. Und das Gefühl, ein klein wenig an dem beteiligt zu sein, was von Penzing aus geschehen ist.

Das LTG ist weg. Ersatz ist nicht in Sicht. Den Bürgern der Region bleibt, allen, die auf dem Fliegerhorst ihre Arbeit taten, Dank zu sagen – für eine verantwortungsvolle, eine außergewöhnliche Tätigkeit. Für einen wahren Dienst. 

Werner Lauff

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