Glück ist wie Marmelade

Kleinkunstbühne s‘Maximilianeum beschließt Saison mit "die feisten"

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Wahrhaft dämonisch. Die Göttinger Mathias Zeh (links) und Multiinstrumentalist Rainer Schacht überzeugten im Stadttheater mit ihrem gut zweistündigen Programm: von Trump bis Wüste, in deutsch und denglisch – für jedes Ohr war was mit dabei.

Landsberg – Feist. Laut Duden bezeichnet das jemanden, der wohlbeleibt ist. Mopsig ist ein Synonym. Fett. Alles Adjektive, die nicht auf „die feisten“ zutreffen, weder äußerlich noch inhaltlich: Die zwei Musikkaba­rettisten bewegen ihre Astralkörper – Übertreibungen seien erlaubt – äußerst agil. Was den überzeugten Sonnenbrillenträger Mathias Zeh, kurz C., und Multiinstrumentalisten Rainer Schacht auszeichnet, sind auch nicht die Körper. Es ist ihr Mundwerk. Und das ist, wenn schon nicht feist, so auf jeden Fall ziemlich dreist.

Am Anfang warnen die Musiker die „Mutigen in der ersten Reihe“. Werde man dort doch immer wieder gerne zum Mitmachen verurteilt. „Oder auch angespuckt. Zumindest von mir“, grinst Zeh. „Ich komm inzwischen schon bis zur dritten Reihe.“ Doch selbst wenn der eine Teil der Feisten droht und der andere Teil alias Schacht dämonisch schaut: Die beiden Göttinger sind eigentlich ganz lieb. Und auch ihre Songtexte gehen nie unter die Gürtellinie. Vielmehr menschelt es doch sehr humorvoll.

Zum Beispiel beim programmtitelgebenden „Nusschüsselblues“. Während Schacht mit einer Art Beatboxen und Gitarre den Bluespart übernimmt – er nennt sich Backgroundvocalartist – , widmet sich Zeh der Nussschüssel: „Der Duft von Nüssen steigt dir in den Rüssel.“ Aber wehe, wer hineingegriffen: Bakterien, Hornhaut, Fliegen – und was Zeh sonst noch so an Unappetitlichem einfällt. Der Sänger geht dabei ganz in seiner Rolle auf: ein unnatürliches Handverdrehen, die Beine verknoten sich, der ganze Körper schreit: Igitt!

Zehs doch eher ungewöhnliches Bewegungsschema zeigt sich auch ganz am Ende: Bei „James B“, der eigenwilligen Hommage der „feisten“ an Sexmachine Brown. Die Stimmung im vollbesetzten Stadt­theater kocht.

Musikalisch glänzt das Duo neben dem Blues auch in allen anderen Genres. Da gibt es hawaiianisches Inselgesäusel mit Ukulele zum Männerthema Fußball: „Wir liegen 1:0 in Führung, aber ich weiß nicht, wer wir sind.“ Indisches mit Sitar und einer Trommel, „die mal ein Thermo­mix war“. Oder die wunderbar überzogen kitschige Ballade „Die Wüste“, bei der man vor lauter Lachtränen-Wegwischen fast nicht mehr zum Zuhören kommt. Wahres Können zeigen die Kabarettisten beim abendteuerlichen Schlager-Rap-Mix „Der Junge mit der Mundharmonika“. In den textlich auch noch ein bisschen „Anita“ und „Dschingis-Khan“ einfließen darf. Zehs Stimme, schmeichelnd schmalzig, passt da perfekt.

Auf der Webseite schreibt das Duo, ihr Programm bestehe aus dem, was ihnen beim Musizieren im Wohnzimmer so eingefallen sei. Die Texte sind Zehs Part, Schacht übernimmt die Komposition. Das Ergebnis macht Spaß. Nur teilweise ist es flach; plattes Land. Besonders bei „Gammelfleischparty“, dem Song über Ü-XX-Feste. Ein bisschen Niveau steht den beiden eindeutig besser.

Aber die Ausrutscher ins Niedrighumor-Land sind verzeihlich. Denn was immer hervorblitzt, ist Echtheit. Dass die beiden das, worüber sie singen, kennen. Und herzhaft drüber lachen können.

Zum Abschied packen sie nochmals das ganze Publikum: mit dem afrikanischen Fantasie-Abschiedsgruß „Wulle ma se“: „Pflanz einen Baum, ernte die Früchte, mach Marmelade draus und bestreiche das Brot des Lebens: mit Liebe, Glück und Zuversicht.“ Das Publikum grinst, lacht, klatscht ekstatisch mit. Alle sind glücklich. Und das ist gut so. Klassenziel eindeutig erreicht.

Susanne Greiner

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