Die Reißleine gezogen

Nach 20 Jahren: Walter Ott sperrt Gaststätte im Landsberger Sportzentrum zu

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Aus und vorbei: Für Gastwirt Walter Ott ist es im Sportzentrum fünf nach zwölf.

Landkreis – Er war die Seele der Gastronomie am Hungerbachweg, aber seit 1. September sind die Pforten geschlossen. Schweren Herzens entschloss sich Walter Ott zu diesem drastischen Schritt, aber die Corona-Pandemie zwang den Wirt und Pächter in die Knie. Damit verliert die Lechstadt vorübergehend einen wichtigen Treffpunkt für Jung und Alt, Kartenspieler, Sportler, Stammtischler und viele andere Gäste. Und mit Walter Ott ein echtes Original zwischen Herd und Theke.

Schon als junger Mann verdiente sich der heute 63-Jährige ein paar Mark dazu, indem er in diversen Lokalen als Aushilfe jobbte. Die Familie war groß und jeder Pfennig half. Da war es nicht verwunderlich, dass der gebürtige Landsberger diesem Weg treu blieb und sein ganzes Leben mit dem Dienst am Gast verbrachte. Er zapfte Bier hinterm Tresen, putzte, räumte auf und polierte das Besteck. Aber sein eigentliches Reich war die Küche und Walter Ott lernte, als Autodidakt und guter Zuschauer am Herd, die Zubereitung der ganzen Bandbreite an bayerischen Speisen.

„Auch im Sportzentrum habe ich gearbeitet und das ganze Haus kennengelernt. Als mich der Stadtrat Dieter Völkel im November 1999 fragte, ob ich das Lokal übernehmen möchte, musste ich nicht lange überlegen“, erzählt Walter Ott. Eigentümer der Immobilie ist die Stadt Landsberg, aber Mieter ist eine große Brauerei aus Kaufbeuren, mit der sich der angehende Wirt ebenfalls einigen musste. Neues Personal wurde gesucht und die Speisekarte überarbeitet. Walter Ott stürzte sich in das Abenteuer: „Ich war sehr ehrgeizig und wollte das mit aller Macht hinkriegen. Allen, die damals gesagt haben, ich würde es da draußen nie schaffen, wollte ich das Gegenteil beweisen. Ich bin in die Sache reingewachsen und es hat funktioniert.“

Durch viel Engagement und neue Ideen machte er das Lokal zu einer Erfolgsgeschichte. Als 2002 die Fußball-WM in Südkorea und Japan gespielt wurde, montierte er die ersten großen Fernseher. Er sprang auf den Zug mit Pay-TV auf und zeigte regelmäßig die Spiele des FC Bayern, 1860 und FC Augsburg. Ein echter Publikumsmagnet. Selbst Fans vom FC Liverpool und FC Barcelona wurden zu Stammgästen, wenn die Championsleague über die Bildschirme flimmerte.

Natürlich war er stets eng verbunden mit den Eishockeyvereinen, die unter wechselndem Namen an den Start gingen. Er litt nicht nur emotional unter den Turbulenzen, die in den Jahren 2000 und 2010 über den Sport auf dem Eis hereinbrachen. Auch das Geschäft lief in den unteren Klassen des Sports schlecht. Weniger Spiele, weniger Fans, weniger Gäste.

Der heutige VIP-Raum des HC Landsberg neben dem Gastraum geht auf eine Initiative von Walter Ott zurück und feierte 2019 beim Spiel gegen Erding seine Premiere. „Da haben aber alle gestaunt, dass wir sowas auf die Beine stellen können“, erzählt er durchaus stolz.

Er rief gemeinsam mit Karlheinz Artmann den 1. Töpfermarkt ins Leben, machte das Catering für die Crews von DJ Ötzi und anderen Stars. Als die Band PUR aufspielte, stürmten 10.000 Menschen die Anlage. Walter Ott behielt die Nerven und den Überblick. Fünf Kommunionen an einem Tag brachten ihn ebenso wenig aus der Ruhe, wie Weihnachtsfeiern, Hochzeiten, Parteisitzungen und Kinderfeste. „Das A und O sind gute Vorbereitung, fähiges Personal und feste Abläufe. Wenn die Footballer hier essen, kann ich die Nudeln mit der Schubkarre zu den Tischen bringen“, sagt Ott und lacht. Der Umgang und der Kontakt mit Menschen seien ihm am wichtigsten. Sein Wunsch war es stets, Jung und Alt zusammenzubringen.

Corona ist das Aus

Er verkraftete schwere private Schicksalsschläge ebenso wie die Umbaumaßnahmen, die sein Geschäft beeinträchtigten: 2008 musste das komplette Dach erneuert werden und von 2012 bis 2014 wurde die Terrasse saniert, was kaum Einnahmen durch die Außengastronomie ermöglichte. Die Zahl der Stammtische verringerte sich kontinuierlich, Walter Ott registrierte sich ändernde Zeiten und Konsumverhalten. Doch er fand immer eine Lösung. Bis zum März 2020. Dann kam die Corona-Pandemie. Darauf fand er keine Antwort.

Besorgt schaute Walter Ott die Nachrichten, las die Infektionszahlen und ihn beschlich das ungute Gefühl, dass diese Geschichte nicht so schnell vorbei sein würde. Im April 2020 musste er den zwei festen und sechs freien Mitarbeitern kündigen. Er bezahlte sie bis zum Schluss und blieb auch bei Lieferanten und Brauerei nichts schuldig. Es folgten schwere Wochen und Monate, der Umsatz brach um 80 Prozent ein, denn das Sportzentrum lebt von Veranstaltungen, Tagungen und Festen.

Als die Lockerungen kamen, fanden sich bei der TV-Übertragung eines Bayern-Spiels plötzlich viel mehr Menschen ein, als er sich ausgemalt hatte: „Da habe ich wirklich Angst bekommen, denn ich wollte nicht zu einem Hotspot im Landkreis werden. Sobald Alkohol im Spiel ist, verlieren die Leuten die Hemmungen. Das konnte ich nicht verantworten.“ Es folgten schlaflose Nächte und sorgenvolle Tage. Er traf sich mehrmals mit Bürgermeisterin Doris Baumgartl und den Stadträten und legte die Zahlen auf den Tisch. Allgemeines Entsetzen und Kopfschütteln, wie der Wirt berichtet: „Da herrschte Ratlosigkeit. Ich möchte aber betonen, dass ich von der Stadt die vollste Unterstützung bekommen habe. Da bin ich wirklich dankbar, aber ich musste irgendwann die Reißleine ziehen. Denn mit 63 Jahren nehme ich nicht noch einen Kredit auf, um das Sportzentrum zu retten.“

Obwohl der Vertrag mit der Brauerei noch bis 2022 besteht, legte ihm niemand Steine in den Weg. Der Umsatzrückgang war einfach zu gravierend. Im August fasste Walter Ott schließlich den harten Entschluss: „Corona wird uns noch eine Weile im Griff haben. Kein Sport, keine Veranstaltungen, keine Weihnachtsfeiern – es gibt im Moment keine Perspektive für das Sportzentrum. Deshalb ist es nun vorübergehend geschlossen. Eigentlich wollte ich im Sommer 2021 eine langsame Übergabe an einen Nachfolger machen, aber nun hat die Pandemie alles geändert.“

Seine Stimme klingt belegt, leicht ist ihm diese Entscheidung ganz sicher nicht gefallen. Wer auch immer die Gastronomie im Sportzentrum übernehmen werde, könne sich seiner Unterstützung gewiss sein. Die Hände in den Schoß legen könne er sowieso nicht, fügt er hinzu, und die Gesellschaft mit anderen Menschen sei ihm wichtig. „Aber ein neues Lokal mache ich nicht mehr auf!“, sagt er sehr bestimmt und grinst.

Sein Blick schweift durch das leere Lokal, über die verwaiste Theke und in der Küche scheppern keine Töpfe und Pfannen. Walter Ott seufzt: „Mir tut es im Herzen weh. Ich habe es immer für die Menschen getan und wollte die Stadt Landsberg angemessen repräsentieren.“
Dietrich Limper

Neuer Pächter gesucht

Wie soll es mit der Gaststätte im Landsberger Sport- und Veranstaltungszentrum weitergehen?

Und was kommt jetzt? Kurzfristig war von der Stadt sogar angedacht, die Gaststätte als Umkleide für die Riverkings zu verwenden. „Wir sind in Verhandlungen“, teilen sowohl die Stadt Landsberg, Eigentümer des Gebäudes, als auch die Aktienbrauerei Kaufbeuren, der Mieter, mit. „Aber wir hoffen, dass es möglichst bald weitergeht“, versichert zweiter Bürgermeister Moritz Hartmann.

Man sei gerade dabei einen Pächter zu suchen, berichtet Hartmann. Das sei bei einer Sportgaststätte nicht immer einfach, vor allem jetzt, da zahlreiche Sportveranstaltungen nicht stattfinden können. „Wir brauchen jemand, der sich da voll reinhängt, das ist kein Selbstläufer. Und eine Sportgaststätte lebt ja auch von der Laufkundschaft.“ Zwar gebe es mehrere Interessenten – das bestätigt auch Geschäftsführer der Aktienbrauerei Gottfried Csauth. Die würden jedoch die Gaststätte nicht sofort wieder eröffnen, sondern erst nochmal den ‚Coronawinter‘ abwarten wollen.

Die Gaststätte ganz aufzugeben, sei dabei nicht im Interesse der Stadt gewesen. Die Idee, einen Teil der Räumlichkeiten als Überbrückungslösung für zusätzliche Umkleiden zu verwenden, habe man schnell verworfen, versichert Hartmann.

Man habe einen Pachtvertrag, der auch noch „ein paar Jahre“ laufe – genau genommen bis 2022, siehe obigen Artikel –, informiert Brauerei-Geschäftsführer Csauth auf Nachfrage. Aber wie es genau weitergehe, könne man momentan leider noch nicht sagen.
Susanne Greiner


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