Eintritt frei in Dießens Strandbädern

St. Alban und Riederau ab April „Freizeitgelände mit Badestellen“

+
Das Haftungsrisiko bei Badestellen wird von den Ammersee-Gemeinden unterschiedlich gesehen. Während in St. Alban das Schwimmfloß entfernt werden muss, hat die Gemeinde Pähl am Ostufer im frei zugänglichen Erholungsgebiet Aidenried (Bild) extra ein Floß für mehr Badespaß installiert.

Dießen – Jetzt ist es amtlich: Die gemeindlichen Naturbäder St. Alban und Riederau werden ab April „Freizeitgelände mit Badestellen“ ohne Eintritt und damit ohne Aufsicht. Somit hat die Marktgemeinde kein Haftungsrisiko mehr bei Unfällen. Diese Änderung und Aufhebung der Gebührensatzung wurde in der jüngsten Gemeinderatssitzung ohne Gegenstimme beschlossen.

Seit Monaten wurde im Gremium und der Verwaltung beraten, wie man das Haftungsrisiko bei Unfällen in den beiden Bädern ausschließen oder zumindest minimieren kann. Als ersten Schritt hatte man die Schlüssel für St. Alban einkassiert. Damit hatten rund tausend Dießener die Möglichkeit, hier außerhalb der normalen Öffnungszeiten früh morgens und spät abends baden zu gehen.

Das wiederum rief eine Bürgerinitiative ins Leben, die mit einer Unterschriftensammlung zwei für jedermann frei zugängliche Strandabschnitte im Gemeindegebiet forderten, da ihnen die normalen Öffnungszeiten in den Bädern St. Alban und Riederau nicht reichten. Mit der jetzt beschlossenen Umnutzung und den damit verbundenen Öffnungszeiten von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr dürften wohl alle zufrieden sein.

Ein paar Kröten müssen die Dießener aber für den freien Eintritt schlucken: Die Bäder werden nachts zugesperrt, um Vandalismus vorzubeugen und die Nachbarn vor Lärm zu schützen. Die „bädertypischen Einbauten“ wie Wasserrutsche und Schwimmfloß werden entfernt. Außerdem wird es eine Badeordnung geben, in der zum Beispiel das Mitführen von Hunden, Fahrradfahren oder Zelten im Gelände geregelt wird. Und vielleicht werden in Zukunft Parkgebühren von den Besuchern verlangt. Toiletten, Duschen, Spielplatz und der Beachvolleyplatz bleiben. Ebenso wie die Badestege, die auch zum Anlegen von Rettungsbooten der Wasserwacht dienen. Die „Verkehrssicherungspflicht“ wie Müllbeseitigung obliegt weiterhin den Kiosk-Pächtern, mit denen Bürgermeister Kirsch und Geschäftsleiter Karl Heinz Springer jetzt über eine neue Vertragsgestaltung verhandeln müssen. Denn für die Pächter entfällt jetzt ihr Anteil an den Eintrittsgebühr. Für den Unterhalt und Pflege der neuen „Freizeitgelände mit Badestellen“ ist die Marktgemeinde zuständig.

Würde man St. Alban und Riederau weiterhin als Naturbäder mit Eintritt und dazu mit verlängerten Öffnungszeiten betreiben, müsste man die Aufsicht mit Rettungsschwimmern im Schichtdienst enorm ausweiten. Pro Saison würde das für die Gemeinde einen sechsstelligen Betrag ausmachen. Außerdem sei es fast unmöglich, entsprechend ausgebildetes Personal zu finden.

Mit der Aufhebung der Badegebühren verzichtet die Marktgemeinde auf jährliche Eintrittsgelder in Höhe von rund 150.000 Euro. Mit der Alternative von Eintritt und mehr Aufsichtspersonal würde sich das aber ohnehin ausgleichen.

Für die Badestellen-Lösung hat sich die Marktgemeinde von zwei externen Fachleuten für Badebetrieb beraten lassen: Jörg Simon und Dr. Andreas Lenz von der Verwaltungsschule Lauingen. Sie hatten zusammen mit Bürgermeister Herbert Kirsch, Geschäftsleiter Karl Heinz Springer und einigen Gemeinderäten die beiden Bäder ausführlich begutachtet.

Wie Bürgermeister Herbert Kirsch bereits bei den Bürgerversammlungen betonte, seien die Diskussionen und Änderungen der Bäderbenutzung keine Schikane, sondern einem BGH-Urteil vom November 2017 geschuldet. Es ging um den Unfall eines zwölfjährigen Mädchens in einem kommunalen Freibad, bei dem sie irreparable Hirnschäden erlitt. Die Eltern machten gegenüber der Gemeinde Schadenersatz geltend. Bei einem ordnungsgemäßen Verhalten der Wasseraufsicht wäre das Kind früher gerettet worden. Sowohl das Landgericht als auch das Oberlandesgericht Koblenz entschieden zunächst zu Gunsten der beklagten Gemeinde. Das BGH aber hob das Urteil auf und entschied für eine Umkehr der Beweislast: dass also nicht die Geschädigte beziehungsweise Klägerin, sondern die beklagte Gemeinde die Beweislast habe, sich bei der Wasseraufsicht pflichtgemäß verhalten zu haben.

In diesem Zusammenhang hat das BGH die Pflichten einer Badeaufsicht konkretisiert. Die Schwimmaufsicht sei verpflichtet, den Badebetrieb und damit auch das Geschehen im Wasser fortlaufend zu beobachten und „mit regelmäßigen Kontrollblicken daraufhin zu überwachen, ob Gefahrensituationen für die Badegäste auftreten. Dabei seien die Beobachtungsorte so zu wählen, dass der gesamte Schwimm- und Sprungbereich überwacht werden könne, was gegebenenfalls häufigen Standortwechsel erfordere“. Zu den Aufgaben der Aufsichtspersonen gehöre es weiter, in Notfällen für rasche und wirksame Hilfe zu sorgen. Im Fall der Dießener Bäder St. Alban und Riederau müsste die Marktgemeinde zusätzliches ausgebildetes Personal einstellen, um der geforderten Aufsichtspflicht nachzukommen. Solches Personal sei aber kaum zu finden, wie Bürgermeister Kirsch feststellen musste. Darum die Lösung mit der Umwidmung vom Naturbad zum Freizeitgelände mit Badestelle, wo jeder Nutzer für sich selbst verantwortlich ist.

Bei der Bürgerversammlung im Kirchsteig gab es noch zwei Anregungen zu Thema Bäder, die Bürgermeister Herbert Kirsch zeitnah umsetzen will. Beide Bäder sollen mit einem Defibrillator ausgestattet werden und St. Alban braucht dringend eine behindertengerechte Toilette.

Dieter Roettig

Auch interessant

Meistgelesen

Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Ordensschwestern kippen Landsberger Gewerbebiet
Ordensschwestern kippen Landsberger Gewerbebiet
Der Feuerwehr-Kommandant will ins Uttinger Rathaus
Der Feuerwehr-Kommandant will ins Uttinger Rathaus
12-Jähriger fährt bei Rot über die Ampel und wird von Auto erfasst
12-Jähriger fährt bei Rot über die Ampel und wird von Auto erfasst

Kommentare