Schädlich oder nicht?

Forschung bestätigt negative Auswirkungen von Bti -- Stimmen vom Ammersee

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Stechmücken sind im Moment am Ammersee für einige Orte eine Belästigung. Aber sie sind auch Nahrungsquelle für Fische, Vögel und Amphibien. Ihre Anzahl massiv zu reduzieren, könnte sich auf das ganze System auswirken.

Ammersee – Die Mücken am Ammersee belästigen vor allem Anwohner am Nord- und Südzipfel: in Stegen, Eching und Dießen – da, wo es Überschwemmungsgebiete gibt. Der Verein „Mückenplage? Nein danke“ setzt sich für eine Kartierung der Brutstätten ein, um die Genehmigung für den Einsatz des Bacillus thuriengiensis israelensis (Bti) der Höheren Naturschutzbehörde zu erhalten – auch wenn wissenschaftlich bewiesen ist, dass Bti unter anderem Zuckmücken abtötet – und somit Einfluss auf den Nahrungskreislauf und damit auf die Populationen von Fischen, Fledermäusen, Molchen oder auch Vögeln haben könnte.

„Das Mittel der Wahl ist dabei Bti, weil von ihm keine Gefahren für Tier, Mensch und Ökosystem ausgehen.“ So bewirbt die Webseite von „Mückenplage? Nein danke!“ das Biozid Bti. Es wirke gezielt gegen Überschwemmungsmücken, schone andere. Genau das hat nun ein dreijähriges Freiland-Projekt des Instituts für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau widerlegt. Der Einsatz von Bti führe zu „einer 50-prozentigen Reduktion der nicht-stechenden und somit harmlosen Zuckmücken“, lautet das Ergebnis.

Wenn aber neben der Stech- und Kriebelmücken- auch noch die Zuckmückenpopulation zurückgehe, könne man davon ausgehen, dass sich das „Nahrungsgefüge“ ändert: „Wenn ich einem Nahrungsnetz die Grundlage entziehe, kollabiert es“, fasst Ökotoxikologe Dr. Carsten Brühl von der Uni Koblenz-Landau zusammen. Der direkte Effekt auf die Mücken habe einen indirekten Effekt auf beispielsweise Libellenlarven: „Die hungern und weichen aus: auf Molche.“ Zudem gebe es nicht umsonst so viele Mücken: „Das sind die Bratwürste für Fische, Amphibien, Fledermäuse oder auch Vögel.“ So belegt eine Studie in der Camargue, in der ebenfalls Bti eingesetzt wird, dass die Schwalben weniger Nachwuchs haben – weil weniger Futter da ist. „In der Camargue wird jetzt der Bti-Einsatz schrittweise reduziert“, weiß Brühl. Was die Übertragung von Tropenkrankheiten betrifft, betont Brühl, dass alle bisherigen Krankheitsfälle eindeutig auf eine Infektion im Ausland zurückzuführen gewesen seien.

Auch eine Handlungsempfehlung gibt die Studie der Uni Koblenz-Landau: In einer inkludierten Befragung der Anwohner zeigte sich, dass die Mücken vor allem abends und im eigenen Garten als lästig empfunden werden. Weshalb dort mittels CO2-Fallen, gezielt und kleinflächig, gegen Mücken vorgegangen werden solle. CO2-Fallen ‚spielen‘ den Mücken durch den CO2 -Ausstrom einen Menschen vor, die Mücke wird angelockt und eingesaugt. Diese Fallen würden auch in den Tropen und in Krankenhäusern verwendet, sagt Brühl. Insgesamt empfiehlt die Studie, den Bti-Einsatz schrittweise auf Null zu reduzieren und CO2-Fallen zu deponieren. Um dann weiter zu forschen – in Abstimmung mit der Bevölkerung. Wobei man hier auch die Frage beantworten müsse, „wie viel Belastung der Mensch ertragen muss“.

Für den Einsatz von Bti zahle eine Gemeinde je nach Größe pro Saison 30.000 Euro, rechnet Brühl. Eine geeignete CO2-Falle koste zwischen 200 und 300 Euro. „Danach muss man nur noch das CO2 zahlen“, das seien pro Saison maximal zwei Flaschen à circa 60 Euro. Andere Möglichkeiten der Mücken-Reduzierung sind beispielsweise der Einsatz von Kleinkrebsen wie Wasserflöhen – direkte Nahrungskonkurrenten der Stechmückenlarven – oder eine Erhöhung der Fischpopulation.

Verein „Mückenplage“

„Mückenplage? Nein danke!“ setzt weiterhin auf einen „realistischen Umgang der Menschen mit den Plagen“ und auf den Einsatz von Bti, teilt der erste Vorsitzende Rainer Jünger mit. Zudem fänden „chemische Substanzen“ wie „Autan, AntiBrumm und MastaKill (...) bedauerlicherweise enormen Einsatz und führen zu einem erheblichen Gifteintrag in die Natur.“ Bti sei ein in der Natur vorkommendes Eiweiß, „dass (sic!) innerhalb weniger Tage im UV-Licht zersetzt wird.“ Die Studien zum Bti-Einsatz müsse man hinterfragen, da Studien „in Nord-Frankreich, Schweden und der Universität Heidelberg keine negativen Folgen aufzeigen“. Die Studie der Uni Landau sei „in Wissenschaftskreisen nicht unumstritten.“

Auch die von Jünger erwähnten Studien sind umstritten. So urteilt der Global Nature Fund, der Bti als geeignetes Mittel zur Mückenreduzierung in Malaria-Gebieten sieht: „Der Bti-Einsatz ist in vielen Gemeinden ein großes Politikum, besonders dort, wo sich Touristen unbeschwert im Freien aufhalten sollen. Viele Umweltverbände bezweifeln vor diesem Hintergrund die Unabhängigkeit der Untersuchungen, die zur Genehmigung des BTI-Einsatzes herangezogen wurden und werden. Es wird zu Recht bemängelt, dass bei Bewertungen der Toxizität und Spezifität ökologische Auswirkungen auf das Nahrungsnetz wenig betrachtet wurden.“ So hätten Wissenschaftler aus Südamerika toxische Wirkungen auf Amphibien nachweisen können.

Um den Bti-Einsatz heuer am Ammersee durchführen zu dürfen, fordert der Mückenplage-Verein eine Kartierung und Artbestimmung sowie Überprüfung, wie wichtig die Mücken für die anderen Lebewesen seien. Parallel müsse der „Wert des Lebensraum“ geprüft werden. Ein Naturschutzgebiet habe „einen anderen Stellenwert als eine Pfütze auf einem Parkplatz“. Am Chiemsee habe man 2015 Bti zum letzten Mal einsetzen müssen. Durch die „nachhaltige Vorgehensweise dort“ liege die Larvenanzahl heuer bei „nur 50 pro Liter“.

Bti am Chiemsee war dieses Jahr heftig umstritten, einzelne Gemeinden wehrten sich massiv, da sie Bti als schädlich ansehen. Obwohl mancherorts ähnlich heftige Klagen zu hören sind wie am Ammersee.

Ammersee – KABS – Bti

„Mückenplage? Nein danke!“ lässt sich von den Biologen Norbert Becker und Mathias Galm beraten. Beide waren auch am Ammersee. Becker lehrt an der Uni Heidelberg und ist wissenschaftlicher Direktor im Speyerer Verein KABS, „Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage“, auch Galm ist Mitglied. KABS besprüht seit Mitte der 80er den Oberrhein mit Bti einmal monatlich per Hubschrauber.

Bti werde am Ammersee nur dort eingesetzt, wo es keine Zuckmücken gebe, lautet eine Pressemitteilung des Vereins „Mückenplage? Nein Danke!“. In Schöpfproben der Überschwemmungsgebiete habe man keine Zuckmückenlarven gefunden: „Sie leben in sauerstoffreichem Gewässer, nicht in Tümpeln“, sagt Jünger. „Die Zuckmücken sind aber da“, behauptet Brühl. Man könne sie aber nicht mittels Schöpfprobe entdecken, „da benötigt man eine andere Erfassungsmethode“. Dass in den Überschwemmungsgewässern, den ‚Tümpeln‘, auch Zuckmücken leben, habe Becker selbst in einer von der KABS finanzierten Doktorarbeit bestätigt.

Unterstützer des Bti-Einsatzes sind unter anderem der Bürgermeister von Eching, die Wirtin des Strandhauses Eching, Bewohner und Kreisräte vom Ostufer. Und die KABS. Deren wissenschaftlicher Direktor Becker berät nicht nur den Verein „Mückenplage? Nein danke!“. Er handelt auch mit Bti und hat sich Bti-Produkte patentieren lassen. So war Becker Inhaber des Patents für das Bti-Eisgranulat, das die KABS im Hubschrauber-Einsatz verwendet. Das Patent wurde 2002 der KABS überschrieben, 2016 liefen die Schutzrechte aus. Auch sein Sohn Olaf hatte PBti-Patente.

Becker ist zudem Geschäftsführer der Firma „CULINEX Becker GmbH“, die Bti unter dem Namen „VectoBac“ oder Bti-Tabletten an Endkunden oder Apotheken verkauft – auch die KABS gibt diese Tabletten aus. Und Becker ist wissenschaftlicher Direktor in der Geschäftsführung der „ICYBAC Mosquitocontrol GmbH, Gesellschaft zur Herstellung biologischer Insektenbekämpfungsmittel“, einer hundertprozentigen Unternehmenstochter der KABS – Gewinne gehen direkt an die KABS. ICYBAC beliefert die KABS mit Bti-Eisgranulat, -Puder, -Flüssigkonzentrat – hier taucht der Name „VectoBac“ wieder auf – oder Bti-Tabletten.

Den Grundstoff Bti für die Herstellung ihrer OProdukte beziehen CULINEX und ICYBAK von Valent BioSciences – einer US-Firma, die laut Beckers Aussage in der Zeitung „Rheinpfalz“ vom April 2015 die Forschungsarbeit der KABS mitfinanziere. Valent BioSciences sponsert die „European Mosquito Control Association“ (EMCA) – deren Adresse wiederum lautet „c/o – KABS“ in Speyer. Bei einer Tagung im März 2018 stand ein Vortrag mit dem Titel „Bti – 40 Jahre Erfahrung“ auf dem Programm. Geschäftsführer der EMCA ist Norbert Becker.

Beckers Verbindungen zu Firmen, die Bti vertreiben, und Organisationen und Vereinen, die Bti-freundlich eingestellt sind, mögen rechtlich in Ordnung sein. Die Frage, ob sie Beckers Urteil gegenüber Bti beeinflussen, ist so natürlich nicht zu beantworten. Aber man darf sie stellen.

Stimmen vom See

So ruhig und nahezu mückenfrei ist der Ammersee in Schondorf. In Eching, Stegen und Dießen sieht es anders aus.

„Mückenplage würde ich nicht sagen. Das ist schon eher eine Epidemie!“ Gastwirt vom Seehaus in Stegen Michael Zauner ist einer derjenigen, die unter den Stechmücken leiden. Er hat sich mit dem Nachbarwirt zusammengetan und CO2-Fallen aufgestellt. Aber das reiche nicht mehr aus. „Bis zu einem gewissen Grad funktionieren die Fallen sehr gut. Aber was wir hier haben, ist nicht mehr normal“, sagt Zauner. Er beklagt einen „massiven Geschäftsrückgang“. Und fragt sich, warum am Ammersee Bti nicht gesprüht werden dürfe, wenn es am Rhein und auch am Chiemsee erlaubt sei. „Wenn wir dürften, könnten wir das auch selber organisieren.“ Er warte nur auf einen ersten Krankheitsfall. „Dann sind die lieben Bienchen egal.“

Aus Dießen kam bereits die Meldung, dass ein mehrmals Gestochener aufgrund einer Allergie in die Klinik eingeliefert werden musste. Auch Kreisrätin Annunciata Foresti, die in Dießen nicht unweit des Sees lebt, hat mit vielen Mücken zu kämpfen: „Obwohl ich eingesprüht war, konnte ich den Garten nicht Gießen, ohne von hunderten von Mücken umkreist zu sein.“ Zudem entzündeten sich die Stiche auch und blieben länger. Dennoch sei das ja keine ständige Situation. Sie versuche damit zurechtzukommen. Ein Versprühen von Bti hält sie nicht für sinnvoll: „So ein Eingriff ins Ökosystem kann auch nach hinten losgehen.“ Foresti hofft auf alternative Lösungen wie den Einsatz von Wasserflöhen.

Keine Probleme haben die Gastwirte in Utting oder auch Schondorf: „Wir haben bisher noch Glück, es sind nicht wirklich mehr Mücken als sonst. Man kann noch problemlos draußen sitzen“, sagt Lena Mielke von ‚Lenas am See‘ in Utting.

Auch aus Schondorf kommt Entwarnung: „Ich finde es erträglich“, erzählt Peter Gradl, der direkt am See lebt. Wenn man sich einschmiere, komme man zurecht. „Meine insektenfressenden Vögel freuen sich.“ Auch in der Gasteiger Villa sei es kein Problem, da sei er kürzlich am späten Nachmittag bei einer Veranstaltung gewesen.

Susanne Greiner

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