Den Neonazi erkennen – "Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus" informiert junge Leute

Niemand wird als Nazi geboren. Auch der berühmteste Nationalsozialist, Adolf Hitler, nicht. Das ist eine der Erkenntnisse, welche die etwa 70, überwiegend jugendlichen Zuhörer am Freitag im Evangelischen Gemeindehaus von der Infoveranstaltung zum braunen Sumpf mit nach Hause nehmen. Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln, Naziparolen während des Schulunterrichts – daran sind heute schon lange nicht mehr die Neonazis unter uns zu wahrzunehmen. Das ist die zweite wichtige Lehre dieses Abends.

Wie aber merke ich dann, dass ich es mit einem Anhänger dieses Gedankengutes zu tun habe? „Reden, reden, reden“, antwortet Arno Speiser, der Referent des Abends, „nur so sind die Neonazis unter uns zu entlarven!“ Auf Einladung des „Fördervereins des Bürgerbündnisses gegen Rechtsextremismus und Evangelische Jugend“, der 2008 in Verlängerung des „Bürgerbündnisses gegen Rechtsextremismus“ von engagierten Lechstädtern als Antwort zur Neonazi-Demonstration „Landsberg steht zu seiner Geschichte“ vom 29. November gebildet wurde, trat der 44-Jährige nun im Gemeindezentrum auf. Arno Speiser, Vater dreier Kinder, bringt aus seinem Engagement in der Jugendinitiative Wunsiedel gegen Rechtsextremismus viel Erfahrung im Kampf gegen Neonazis mit. Wunsiedel war jahrelang im Focus der Neonazis, liegt dort doch Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess begraben. Seit Jahren wehrt sich die Stadt erfolgreich gegen den Aufmarsch brauner Horden. Speiser berichtete in seinem Referat von rechtsextremen Aktionen wie Demonstrationen, getarnten Immobilienkäufen, Konzerten mit rechtsextremen Rockgruppen und der Un- terwanderung von Vereinen durch Neonazis. Wie Propaganda bei den Nazis gemacht wurde, zeigte ein Dokumentarfilm, der in Landsberg im Jahre 1937 gedreht wurde. Die Lechstadt sollte das Privileg erhalten „Stadt der Jugendbewegung“ zu werden; sternmarschförmig strömten Jugendliche nach Landsberg, um schließlich in einer bombastisch, pseudoreligiös inszenierten Abschlusskundgebung auf dem Hauptplatz mit Fackeln in der Hand dem unsäglichen Geschwätz eines hohen Nazifunktionärs beizuwohnen. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ereignis wirken die Bilder der hemdsärmeligen Jugendlichen lächerlich aber auch erschreckend zugleich. Interessant übrigens, dass beim Rundblick über den Hauptplatz der Brunnen mit der Marienstatue gekonnt ausgeblendet wurde. „NPDler gehören innerhalb der rechtsextremen Szene eher zu den Krawattenträgern“, sagt Speiser, das noch größere Problem seien heute die „Freien Kameradschaften“. Diese Organisationen werden schnell gegründet und nach einem Verbot sofort wieder unter anderem Namen neu angemeldet. Eine herausragende Figur der Rechtsextremen sei der Hamburger Rechtsanwalt Rieger, dessen Geplapper in einem Fernsehinterview kurz zu hören ist. Würde seine Tochter einen Farbigen heiraten, so der Rechtsanwalt, dann würde er radikal mit ihr brechen, „so was wurde von den Germanen im Moor versenkt.“ Rieger sei auch deshalb so gefährlich, weil er zu den Geldgebern der Rechtsextremen gehöre. In der an das Speiser-Referat anschließenden Diskussion wurde auf eine bayerische Besonderheit hingewiesen: Trotz des schlechten Abschneidens der NPD bei den Wahlen sei hier im Vergleich mit anderen Bundesländern eine überproportional hohe Bereitschaft zur Identifizierung mit rechtsradikalen Meinungen zu verzeichnen – so eine Studie von Leipziger Soziologen. Speiser wies zum Abschluss seines Vortrages auf die Inkompatibilität der Begriffe: intelligent, anständig und rechtsextrem hin. Wer intelligent sei und anständig, könne nicht rechtsextrem sein. Wer anständig und rechtsextrem sei, nicht intelligent und wer rechtsextrem und intelligent, der könne nicht anständig sein. Eine wahrlich kluge Bemerkung.

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