"Ich bin nicht so wie du mich siehst"

Ausstellung im Neuen Stadtmuseum hinterfragt Vorurteile

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Vorurteile müssen hinterfragt werden. Das hat sich das Neue Stadtmuseum zum Motto der aktuellen Ausstellung „Ich sehe mich nicht so wie du mich siehst“ gemacht.

Landsberg – Die Welt ist Chaos. Um uns zurechtzufinden, müssen wir sie ordnen. Und dazu eignen sich Schubladen ganz hervorragend. Dass wir das auch mit Menschen machen, demonstriert Anna Leiter vom Stadtmuseum bei der Eröffnung der aktuellen Ausstellung: „Schließen Sie die Augen und denken Sie an einen Franzosen“. Unweigerlich erscheint die Baskenmütze. In der Schublade „Migrant“ steckt vielleicht dunkle Haut. Was wir sonst noch hineinstopfen, entspricht selten der Realität. Genauso wenig, wie jeder Franzose Baskenmütze trägt. Die seit Samstag geöffnete Ausstellung „Ich sehe mich nicht so wie du mich siehst“ hinterfragt unser Schubladendenken. Ein alltagsrelevantes Thema. Denn es ist eine Ausstellung über Menschen, die hier leben.

Am Eingang der Ausstellung hängt ein kreisrunder Spiegel und lädt zur Selbstbetrachtung ein: Wie sehe ich mich? Und wie sehen mich andere? Hinter dem Spiegel ein Raum mit geöffneten Koffern, in ihnen Alltagsgegenstände – ein Koffermuseum. Sieben Jugendliche haben diese Koffer gepackt: mit Dingen, die zeigen, wie sie sich sehen. Vieles ist in fast allen zu finden: Parfüm, Zeitschriften, Kosmetik. In einem liegt ein riesiger Stoffbär. Ein Koffer offenbart „Almani“, eine deutsche Grammatik für Araber, daneben das Neue Testament „deutsch/arabisch“. In einem anderen liegt eine Knoblauchzehe. 

An jedem Koffer baumelt ein Text, der die Hobbies der jeweiligen Person nennt, ihre Religion, ihr Herkunftsland. Aus all dem konstruiert sich ein Bild im Kopf des Betrachters. Wie die reale Person hinter dem Koffer tatsächlich aussieht, verraten Kipptafeln. Und dabei stimmen Vorstellung und Realität nur selten überein. 

Das Koffermuseum ist der Ursprung der Ausstellung. Die Idee dazu hatten Michael Gerngroß, Leiter des P-Seminars Kunst am Dominikus-Zimmermann-Gymnasium, und seine zwölf Schüler. Unterstützung holten sie sich beim Museumsteam. Und schnell wurde aus dem Koffer eine große Ausstellung. Anna Leiter, damals noch Volontärin, erstellte das Grundkonzept. Und nach und nach füllte es sich mit Futter. Der Rahmen sei dehnbar gewesen, erzählt Gerngroß: „Die Ausstellung durfte ohne Einengung wachsen.“ Grundsätzlich solle sie zeigen, „dass wir alle schön unterschiedlich und alle ähnlich sind.“ Anna Leiter ist von der Arbeit der Jugendlichen begeistert: „Die Ideen der Schüler sind toll. Es ergeben sich ganz andere Blickwinkel.“ 

Neben den Koffern zeigt eine große Zeittafel die Migrationsgeschichte Deutschlands. Zahlreiche ausländische Arbeiter während der Industrialisierung. Über zehn Millionen Displaced Persons nach dem Zweiten Weltkrieg. 14 Millionen Gastarbeiter, die im Rahmen der Anwerbeabkommen nach Deutschland kamen. Und die im Gegensatz dazu geringe Anzahl von 2,4 Millionen Zugewanderten in den vergangenen zwei Jahren. Von denen nur 22,3 Prozent Flüchtlinge sind. Denn auch um das geht es in der Ausstellung: Behauptung und Realität. „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“. „Ausländer sind kriminell.“ Vorurteile, die es gilt, kritisch zu hinterfragen. 

Ein weiteres Projekt der Ausstellung kommt von den Schülern der Integrationsklassen der beruflichen Schulen. Sie haben Fotos von Dingen gemacht, die für sie „typisch deutsch“ sind. Da sind Kartoffeln, Hausschuhe, das Schild „Freistaat Bayern“. Eine Uhr wegen der Pünktlichkeit, aber auch die Bahn-Anzeige „Zug fällt aus“. Die Besucher dürfen mit grünen Klebepunkten ihren Foto-Favorit küren. Eines der Bilder hat schon am Eröffnungsabend viele Punkte. Darauf eine Restaurant-Rechnung, daneben: „getrennt oder zusammen?“ Gemacht hat das Foto Simond Medhanie aus Eritrea: „Bei uns lädt immer einer alle anderen ein.“ Nicht nur in Eritrea, auch in Europa ist das üblich. Nur eben nicht hier. Eindeutig urtypisch deutsch. 

Adam Alzwghaibis Foto zeigt einen Sonnenuntergang am Ammersee. „Die Menschen angeln da, das ist wie Urlaub“, typisch für seine neue Heimat. Der Iraker ist seit zwei Jahren in Deutschland. Was für ihn noch typisch deutsch sei? „Ich liebe euren Leberkäse!“ Bei der Ausstellungseröffnung spielt Adam mit einigen seiner Mitschüler Lieder aus der Heimat. Er singt ein Lied über die Mutter, das zweite hat ein Liebespaar zum Thema. Fremde Klänge, die dennoch nicht fremd sind. Musik ist ja bekanntlich eine Weltsprache. 

Im zweiten Raum hängen Porträts, die nicht in die Schublade „Ausländer“ passen wollen, trotz Migrationshintergrund. Gemacht haben sie die DZGler. Eineinhalb Jahre haben sie sich mit der Ausstellung beschäftigt, überlegt, welche Themen wie realisierbar sind und was sie bewirken wollen. Die Zusammenarbeit mit dem Museumsteam hat auch ihnen gefallen, bestätigt Isabell Wohlfahrt: „Wir hatten wirklich vollkommen freie Hand.“ 

Ein anderes spannendes Ausstellungsobjekt hängt neben diesen Porträts: die ‚Völkertafel‘, eine von einem Deutschen im 18. Jahrhundert erstellte Tabelle, die charakteristische Eigenschaften von Europäern auflistet. Über „den Deutschen“ ist zu lesen, er sei offenherzig und witzig. Klingt ja ganz passabel. Was die Kleidung angeht, kommt „der Deutsche“ aber nicht mehr so gut weg: „macht alles nach“. Als Untugend listet die Tabelle „verschwenderisch“, als Vorliebe schließlich „den Trunck“. Kaum einer wird sich darin wiedererkennen. Kategorisierungen funktionieren nicht. Zum Glück. 

„Ich sehe mich nicht so, wie du mich siehst“ ist eine rundum gelungene, äußerst kurzweilige Ausstellung, die mit Humor zum Hinterfragen der eigenen (Vor-)Urteile anregt. Wenn sie Ende August ausläuft, wird sich die Pforte des Stadtmuseums vorerst für die Sanierung schließen. Das zumindest hofft Museumsleiterin Sonia Fischer, die bereits der Standort-Entscheidung des Stadtrats am 25. April entgegenfiebert. Für die Zeit der Schließung hat Fischer schon Ideen. Eventuell könne das Museum während der Sanierungsphase zu den Schulen kommen. Wozu sich das Prinzip Koffermuseum natürlich hervorragend eignet: So lassen sich einzelne Themenbereiche anhand von Kofferinhalten buchstäblich in die Klassen tragen. Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt eben der Berg zum Propheten.

ks

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