Der Triumph des Fabulierens

Neue Globe Theater zeigt Molières „Scapin“ mit Anlaufschwierigkeiten

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Trotz Gips ein durchgehend überzeugender Auftritt: Kilian Löttker als Scapin (Mitte) mit Laurenz Wiegand als Oktave (rechts) und Alexander Jaschik als Silvestre.
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Landsberg – Schauspieler, die auf der Bühne ein Stück spielen, in dem sie ein Stück spielen: Was das Neue Globe Theater aus Potsdam in seiner Inszenierung von Molières „Die Streiche des Scapin“ zeigt, ist doppelter Boden. Und damit eine Gelegenheit, die Umstände, denen Theater heute gegenüberstehen, zu karikieren und kritisieren. Was das Neue Globe auch macht. Aber der prickelnde Funke, den das Potsdamer Ensemble sonst bietet, zündet erst im zweiten Teil des Abends. Davor herrscht angenehme Unterhaltung. Aber manch gute Idee verpufft in Nichtigkeiten.

Eine wahre Bruchbude ist das Gebäude, in dem Molières ‚illustre‘ Theatertruppe auftreten muss. Der Grund: Molières Theater muss dem Louvre-Neubau weichen. Und die Zwischenlösung ist dürftig. Aber egal: Der Dramatiker muss überzeugen, um sich der Gunst des Königs und seinem neuen Theater, dem Palais Royal, würdig zu erweisen. Dieses Stück, das das Neue Globe um den „Scapin“ herumwickelt, ist auch von Molière: „Das Stegreifstück von Versailles“. Ein Einakter, in dem der Dramatiker die Situation der Theatermacher darstellte, „Prügel in Watte verpackt“. Und die das Neue Globe auch deshalb auf die Bühne bringt. Denn als reines Tourneetheater hat es kein festes Haus. Und ist somit auf die Gunst der Veranstalter, den damaligen Patrons, angewiesen.

„Um jeden Cent muss man betteln“, schreibt MolIère seinem Alter Ego in den Mund. Nur noch das große Spektakel sei gewünscht, nicht mehr Schauspieler, die Verse sprechen. Denn das Publikum „sind Leute, die nur lachen, wenn es ihr Nachbar auch tut“, frotzelt die Figur der Mademoiselle Molière. Ganz zu schweigen von den Intendanten. Deren Devise: nach oben schmeicheln, nach unten treten – wie es Oberintendant des Sonnenkönigs Ratabon mit dem Abriss von Molières Heimstatt beweist. Probleme gibt es zuhauf: Das theaterkritische Stück, mit dem Molière überzeugen will, ist noch nicht fertig. Nicht mal einen Titel hat der Autor. Damit den König um den Finger wickeln? Molières Kritikwille knickt ein – und er setzt eben doch den Knaller auf den Spielplan: „Die Streiche des Scapin“, eine Komödie um freien Willen, Liebe und Frust samt obligatorischem Verwechselspiel: zwei Söhne wollen gegen den Willen ihrer Väter ihre Liebsten heiraten. Samt großem Glück am Ende, wenn sich der Wunsch der Väter mit dem der Söhne dank unglaubwürdigem Schicksalsgewirre deckt.

Aber auch der „Scapin“ birgt Schwierigkeiten: Schon lange nicht mehr gespielt, passen die Kostüme nicht mehr. Das Bühnenbild wurde im letzten Winter verheizt. Und der Darsteller des Léandres ist gar schon tot. Aber egal: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Wer wagt gewinnt, lautet das Motto. Und so schlüpft der unfähige Marquis de la Thorillière in Léandres Rolle – die er, stets mit Textbuch auf der Bühne, gnadenlos verhunzen wird.

Die Anspielungen auf das elegisch lebensfremde Theater des 17. Jahrhunderts ziehen sich durch den ganzen Abend. Auch Scapins Bezug zum Fabulierer Scaramouche, zur Comedia dell‘arte, ist zu finden. Viel verbirgt sich. Und bleibt unvollendet stecken, weil die Inszenierung den einzelnen Aspekten nicht genug Raum zu lassen scheint. Ein Effekt, der auch für die erste Hälfte des Stücks im Stück gilt. Es startet mit einem Glanzmoment: Drei Schauspieler, die sich in einer Endlosschleife verfangen, weil einer einen Texthänger hat und, mangels Souffleuse, immer wieder am gleichen Stichwort einsetzt. Das Publikum im Stadttheater prustet, kichert selig. Doch die folgende Stunde hat nicht wirklich viel zu bieten. Die Handlung – nicht gerade beeindruckend, es ist kein Shakespeare – wird entwickelt. Die ein oder andere Idee lockert auf. Aber das Pulver verpufft in Nettigkeiten. Hier hätte man sich mehr Doppelbödigkeit gewünscht, mehr Spiel mit dem Theaterspiel.

Erst in der zweiten Hälfte zündet die Spielkunst des Neuen Globe. Wenn Scapin, bevor er einen der Väter mit Rasierschaum und Lügengeschichten einseifen wird, eine Arie aus dem „Barbier von Sevilla“ im Playback intoniert – Musik und Action, so will’s das Publikum. Oder wenn Scapin den zweiten Vater in einem Sack Schutz suchen lässt und imaginäre Verfolger – einen Samurai oder auch Noman Bates mit Duschszenen-Filmmusik und breitem Schwyzerdütsch – mimt: Das ist großes Theater eines großartigen Ensembles – das den ganzen Abend über brilliert. Allen voran Kilian Löttker als Molière/Scapin, der trotz Gips in der Rolle des Fabulierers glänzt. Auch Laurenz Wiegand als teeniehaft schwelgend verliebter Sohn Oktave überzeugt. Und es ist eine wahre Freude, Rike Joeinig beim leidenschaftlichen Flirt mit Oktave im breiten italienischen Akzent zu lauschen.

Letztendlich scheint es die Inszenierung, die hinkt. Das „Wer wagt, gewinnt“ Scapins – dem am Ende verziehen wird – wird vom Stück als Ideal markiert, aber nicht konsequent verfolgt. Schade. Denn dieses grandiose Ensemble hätte man gerne mit Standing Ovations belohnt.

Susanne Greiner

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