Nackte Tatsachen im Stadttheater Landsberg

Shakespeares „König Lear“ in einer saftig-bunten Inszenierung

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Das Neue Globe Theater aus Potsdam spielte "König Lear" bunt, laut und mit viel Humor.
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Das Neue Globe Theater aus Potsdam spielte "König Lear" bunt, laut und mit viel Humor.
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Das Neue Globe Theater aus Potsdam spielte "König Lear" bunt, laut und mit viel Humor.

Landsberg – Shakespeares „König Lear“ ist eine Tragödie. Ein Drama im vorchristlichen Britannien. Intrigen, Schlachten, Verletzte – und kaum einer überlebt. Schwerer Stoff. Den man auch, in kompakter Form, leicht und äußerst unterhaltsam darstellen kann. Das bewies das Neue Globe Theater aus Potsdam im Stadttheater. Popsongs! Zoten! Nackte! Und gemäß den shakespear‘schen Zeiten: ein reines „All-Male-Ensemble“.

Acht Männer spielen in der Truppe des Neuen Globe Theaters. Und die teilen sich 14 Rollen. Gleich zu Beginn stehen also – im Pendant zu Hosenrollen – ‚Rockrollen‘ an. Denn König Lear (Andreas Erfurth) will sein Reich Albion unter seinen Töchtern Goneril, Regan und Nesthäkchen Cordelia aufteilen. Warum? Das verrät Shakespeare seinen Lesern nicht. Weshalb hier der erste geniale Trick in der Neuen-Globe-Inszenierung von Kai Frederic Schrickel greift: King Lear ist dement! Natürlich!

Während Regan (herrlich exaltiert: Laurenz Wiegand) und Goneril (Sebastian Zumpe gäbe sicher auch eine klasse Queen)mit gedrechselten Worten des Vaters Frage nach ihrer Liebe zu ihm beantworten – denn das ist seine Prüfung für die Verteilung der Ländereien –, bleibt Cordelia (Kilian Löttker) eher wortkarg: „Nichts“, antwortet sie. „Ich trage mein Herz nicht auf der Zunge“. Eine Logik, die Lear wütend macht. Er verbannt Cordelia, mit ihr seinen treusten Berater, den Grafen von Kent. Und von hier aus nimmt die Tragödie Anlauf und rast in der schwindelerregend kompakten Handlung der Globe-Inszenierung auf ihr tragisches Ende zu. An dem einer den anderen tötet, mancher selbst nachhilft oder an gebrochenem Herzen stirbt. Nur einer wird überleben: Edgar, der Sohn des Grafen von Gloster. Und damit der neue König Britanniens.

Lustig klingt das nicht. Aber Shakespeare hat ja noch ein Ass in der Feder: den Narren. Den spielt Löttker dreist, ohne Hemmungen – so unverschämt, dass man fast nicht zum Lachen kommt vor lauter Staunen.

Das Neue Globe Theater aus Potsdam spielte "König Lear" bunt, laut und mit viel Humor.

Regisseur Schrickel bricht immer wieder die Ebenen. „Ist doch nur gespielt“, entgegnet Gloster auf Mitleidsbekundungen über seine körperlichen Leiden seitens der anderen Rollen. Wenn mal wieder nicht genug Zeit für den Kostümwechsel ist, dann tritt man eben halbnackt auf. Was soll‘s. Schließlich brechen sogar die 1980er ins elisabethanische England Shakespeares herein: mit dem Song „It‘s raining Men“. Zu dem die Herren einen zwar wenig galanten, aber überzeugenden Strip hinlegen.

Nach der Pause ist Schluss mit lustig. Vielleicht deshalb vorher die Show? Bei Shakespeare gab es zum Abschluss des Stückes eine Jig, eine „mehr oder weniger ordinäre song-and-dance-number“, ist im Programmheft des Neuen Globe zu lesen. Mit König Lears Reise durch die stürmische Nacht kommt der Ernst ins Stück. „König Lear“ wird tatsächlich zur Tragödie. Fast zu einem anderen Stück mit seinem desaströsen Ende.

Das Ensemble ist fantastisch. Erfurth spielt den Wahnsinn so überzeugend, dass man sich um seine Gesundheit Sorgen macht. Wiegand und Zumpe füllen ihre Frauenrollen perfekt. Kentdarsteller Dierk Prawdzik wandelt vom edlen Graf zum stracken spitzen Norddeutschen, ne, und Till Artur Priebe als intriganter Glostersohn Edmund ist böse durch und durch. Ausgleich findet er als Oswald, mit dick ausgepolstertem Hintern und kariertem Anzug.

Die Kostüme sind ein Augenschmaus. Regans Overalls in Leopardenoptik. Die tükisenen Söckchen des Narrs. Oder des wahnsinnigen König Lears Blumenoutfit.

Wie Shakespeare zu spielen ist, darüber soll und muss man sich – mangels Tonaufnahmen – streiten. Auf jeden Fall war Theater damals laut, der Eintritt günstig, das Publikum wild gemischt. Weit entfernt vom Tempel einer Pseudointellektualität. Das muss man nicht jeden Abend haben. Aber es tut zur Abwechslung verdammt gut.

Susanne Greiner

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