Landsberger Vorzeigeprojekt:

Obdach, wie‘s im Buche steht

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Heute eröffnet: Die neue Obdachlosenunterkunft der Stadt Landsberg.

Landsberg – Die neue Obdachlosenunterkunft am Altöttinger Weiher ist seit heute Vormittag feierlich eingeweiht und ökume­nisch gesegnet. Sie bietet Wohnungslosen durch Einzel­apartments Privatheit, durch Gemeinschaftsräume und einen atriumartigen Außenbereich aber auch die Möglichkeit zu Kontakt und Kommunikation. Alle Beteiligten waren sich bei der Eröffnung einig: Es ist „Obdach, wie‘s im Buche steht“.

Erreicht hat die Stadt dies, indem sie erst einmal Grundlagenforschung betrieb: Wie sind andere Städte an das Thema herangegangen, welche speziellen Regeln hat man für Obdachlosenunterkünfte entwickelt, welche Studien gibt es dazu? Auf eigene Erfahrungen konnte man dabei nicht zurückgreifen: Die bisherigen Baracken, ursprünglich für „bösartige und zahlungsunwillige Mieter“ gedacht, entstanden Mitte der 30er Jahre. Ihnen wurde eine „kurze Lebensdauer“ vorausgesagt.

Betten in Wandnischen, ein Küchenzeile ohne Herd, Gemeinschaftsräume zum Kochen und Kommunizieren und getrennte Briefkästen - das sind vier typische Kennzeichen der Notunterkunft in der Jahnstraße.

Das Ergebnis der Recherchen war beim Tag der offenen Tür zu besichtigen, der sich am Freitag an die Eröffnung anschloss. Die Wände sind robust konstruiert. Es gibt keine Treppenhäuser, in denen sich Menschen begegnen müssen, die sich nicht begegnen wollen; die Apartments sind von außen über Treppen zugänglich. Ein großer gemeinsamer Küchenraum bietet Möglichkeiten zu gemeinschaftlicher Aktivität. Freiflächen sind, wegen Lärmschutz, nach innen orientiert; Balkone gibt es nicht. Man sieht sofort: Die Stadt hat die 3,5 Millionen Euro für die 23 Einzel- und drei Doppelapartments mit Bedacht ausgegeben.

So eine Bauweise könnte man sich auch woanders vorstellen. Aber die Lust, ein Wochenende oder sogar länger in der Unterkunft zu verbringen, vergeht schnell, wenn man eines der Apartments betritt. Die Bettgestelle sind schmal und, zum Schutz vor Vandalismus, in Wandnischen verschraubt. Der Duschkopf ist fest installiert. Die Kochnische ist spartanisch ausgestattet und ohne Herd ausgeführt, um Bränden vorzubeugen. Diese Unterkunft ist wirklich eine Notunterkunft. Was den bislang an der Jahnstraße lebenden Langzeit-Obdachlosen durchaus Probleme bereitet; sie protestierten gegen den Neubau.

Not gibt es leider genug, betonte der Bereichsleiter der Herzogsägmühle, Martin Holleschovsky, in seiner Rede: 420.000 Menschen in Deutschland haben keine Wohnung; die anerkannten Flüchtlinge sind darin noch nicht enthalten. Im Landkreis Landsberg werden jährlich 75 Personen obdachlos. Gründe dafür gibt es viele: Sozialwohnungen fallen aus der Bindung heraus, wodurch die Miete steigt. Sanierungsbe­dürftige Wohnungen werden der Einfachheit halber verkauft, neue Eigentümer haben oft Eigenbedarf. Außerdem führt der angespannte Wohnungsmarkt automatisch zu einem Verdrängungswettbewerb: Die Schwächsten fallen heraus.

Letztes Mittel

Für eine Stadt, die Obdachlosigkeit als „Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ beseitigen muss, ist der Bau von Notunterkünften eigentlich das letzte Mittel. „An der Versorgung der Bevölkerung mit bezahlbarem Wohnraum geht kein Weg vorbei“, betonte Holleschovsky. Soweit eine Kommune dabei auf die private Bauwirtschaft setzt, müsse sie sich Belegungsrechte vorbehalten. Auch aus Gesprächen mit bisherigen Bewohnern der Baracken wurde klar: Wenn sie sich aus einer Obdachlosenunterkunft um eine Sozialwohnung bewerben, haben sie meist schlechte Karten. Die ist dann immer gerade schon seit fünf Minuten weg.

Oberbürgermeister Mathias Neuner (CSU) hatte in seiner Rede ebenfalls auf die Gesamtheit der Maßnahmen hingewiesen – eine Notunterkunft allein reiche nicht. Es gelte, schon den Verlust der alten Wohnung zu vermeiden. Auch sei im Rahmen der Unterbringung eine soziale Betreuung notwendig. Nicht zuletzt müsse aber auch ein Kümmerer da sein. Dieses ganze Bündel an Maßnahmen habe die Stadt initiiert. Neuner dankte den Anwohnern dabei für ihre Kompromissbereitschaft. Tatsächlich haben sie eine Menge erreicht: Die Reduzierung der Zahl der Apartments, die Begrenzung der Belegung pro Raum, der Verzicht auf ein viertes Gebäude und die Einstellung des Kümmerers gehen auf ihre Initiative zurück. Werner Lauff

Landsberg gibt "vorerst" eine Antwort

(Rede von Martin Holleschovsky (Herzogsägmühle) bei der Einweihung der Notunterkunft am Altöttinger Weiher am 27. Juli 2018)

Zur Situation der Obdach- und Wohnungslosigkeit:

Im Jahr 2016 betrug die Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland 420.000 ohne die anerkannten Flüchtlinge (440.000). Im Landkreis Landsberg sprechen nach aktuellen Erhebungen jährlich ca. 75 Personen bei Gemeinden vor, die untergebracht werden müssten. Die Zahlen stammen von einer Umfrage, die der Arbeitskreis Wohnen+ für die Planungsregion 17 erhoben hat.

Wie bekannt fand im Juli 2017 eine vom Bezirk Oberbayern, der Arbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege und der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe organisierte große Tagung in Landsberg statt, aus der sich nun Arbeitsgruppen für die jeweiligen Planungsregionen in Bayern gebildet haben. Das Ziel ist zu erarbeiten, welche und wie viele Angebote für unterstütztes Wohnen und weitere Angebote der Wohnungslosenhilfe in diesem Raum geschaffen werden müssen.

In der Planungsregion 17, zu der auch Landsberg gehört zeichnet sich ab, dass dazu ein großer Fachtag im März 2019 vorbereitet wird, zu dem auch Frau Ministerin Aigner und Bezirkstagspräsident Mederer eingeladen werden. Die Planungsregion 17 besteht aus den Landkreisen Landsberg, Weilheim-Schongau, Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach.

Wie heute der Presse zu entnehmen ist, haben dieser Tage sich sowohl Sozialministerin Schreyer als auch Ministerpräsident Söder zur Frage der steigenden Obdachlosenzahlen geäußert. Herr Söder sagte: "Wir müssen bessere Angebote schaffen und in Kontakt mit Kommunen und Kirchen treten". Allerdings sagte er auch, "dass es Aufgabe der Kommunen sei, Obdachlose unterzubringen. Dennoch wollen wir die Kommunen nicht alleine lassen". Die Zahlen steigen in den Großstädten erheblich, jedoch auch in den übrigen Städten des Freistaates.

Die Stadt Landsberg hat in der Jahnstraße nun einen Neubau für entsprechende Notunterbringungen erstellt, der vorerst eine Antwort auf die steigenden Nachfragen nach Unterbringung darstellt.

Was sind die Gründe für den steigenden Bedarf?

1. sind im Verlauf der 1990er Jahre bestehende und bezuschusst gebaute Sozialwohnungen zur Versorgung der Bevölkerung mit bezahlbarem Wohnraum mehr und mehr aus der Sozialbindung herausgefallen.

2. sind häufig Rücklagen zur Sanierung der Gebäude, die sich in städtischem Besitz befunden hatten für andere Zwecke verwendet worden, was dazu führte, dass sich ein Sanierungsstau entwickelte, der nur durch entsprechendem Verkauf der Objekte gelöst werden konnte. Dadurch verringerte sich die Zahl der zur Verfügung stehenden preisgünstigen Wohnungen.

3. konnten vor allem im Südbayerischen Raum und rund um die Metropolregion München enorme Gewerbeansiedlungen generiert werden. Der damit einhergehende Zuzug führte zu einem Mangel an verfügbarem Wohnraum und damit zu Preissteigerungen, die letztlich zu einem Sickereffekt der Verdrängung führen, der bezahlbaren Wohnraum für Alle schwinden lässt.

4. Ergibt sich daraus, dass eine zunehmende Zahl von Menschen den Anforderungen auf dem Mietwohnungsmarkt kaum mehr gewachsen sind und aus unterschiedlichen Gründen ihre Wohnung verlieren und damit obdachlos sind.

Warum ist die Stadt zuständig?

Im Rahmen der Gefahrenabwehr sind die Kommunen bei plötzlich auftretenden Obdachlosigkeit verpflichtet, die Obdachlosigkeit als Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu beseitigen.

Dies kann dies auf unterschiedliche Weise geschehen, auch in Form einer Wiedereinweisung in den alten Wohnraum. Das kann jedoch sehr teuer werden, da dann die Kommune dann auch vertraglich alle Verpflichtungen erfüllen muss.

Welche generelle Vorsorge kann getroffen werden?

An der Versorgung der Bevölkerung mit bezahlbarem Wohnraum geht kein Weg vorbei.

An der Sicherung von Belegrechten bei Sozialwohnungen geht ebenfalls kein Weg vorbei.

Der weitere Bau von bezahlbarem Wohnraum muss oberste Priorität haben. (Dieses Problem besteht nicht erst seit der Flüchtlingskrise)

Selbst im Ministerialblatt der Bayerischen Staatsregierung vom 4. August 1997 zu den Empfehlungen für das Obdachlosenwesen ist zu lesen, dass es eine besonders zu empfehlende Strategie für eine Kommune ist, wenn sie "präventive Hilfemaßnahmen bereithält, die durch intensive Sozialarbeit erreicht, dass ein Wohnungsverlust vermieden werden kann".

Eine solche Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit betreibt die Stadt Landsberg seit 2015 - zunächst für zwei Jahre mit Unterstützung der Fördermöglichkeiten durch die Bayerische Staatsregierung und der Koordinationsstelle Wohnungslosenhilfe Bayern Süd, dann durch eigens dafür eingesetzte Finanzmittel der Stadt.

Warum Beratung und Betreuung von Bewohnern in Notunterkünften?

Obdachlosigkeit ist häufig das Ergebnis eines längerfristigen Prozesses. Eine Unterbringung in einer Notunterkunft ist damit die letzte Möglichkeit für Mitbürgerinnen und Mitbürger, um zu einem Obdach zu gelangen. Hier übernimmt die Stadt eine verpflichtende Rolle um Schaden für Betroffene und Beteiligte zu vermeiden.

Generell gilt für die Umsetzung der sozialen Arbeit folgende Maxime: Prävention sowie Integration der Betroffenen sind gemeinsame Ziele von Verwaltung, Sozialarbeit und sozialer Wohnungspolitik.

Ausgrenzung und Verdrängung von Randgruppen sind für eine soziale Gemeinschaft weder lebenswert noch erstrebenswert.

Leitlinien zur Erreichung unserer Arbeitsziele sind:

Notunterkünfte sind im Hinblick auf eine möglichst vorübergehende Unterbringung, sinnvoll nur inklusiv sozialer Beratung und Betreuung erfolgreich zu betreiben.

Beratung kann sehr anspruchsvoll sein. Sie ist wichtig bei in der Regel weitergehenden Hilfebedarf auch in Bezug auf Zukunftsplanung. Eine Notunterkunft ist nach ihrer Bestimmung keine Dauerunterbringung und muss als Notfallmanagement begriffen werden.

Im Bereich der Zuständigkeit für die Unterkunft Jahnstraße sind gemeinsame Aktivitäten mit den Bewohnern vorgesehen. Im Hinblick auf einen eher aktivierenden Aspekt zur weiteren Planung und Zukunftsorientierung der Bewohner stellen geplante Angebote eine Möglichkeit zur Beschäftigung und Einübung sozialer Fertigkeiten dar. Sie sind deshalb eine Alternative zur bisherigen Lebenslage, die es zu nutzen gilt.

Das Fazit

Wir können also festhalten, in Landsberg hat sich im Bereich der Wohnungsnotfallhilfe etwas entwickelt: Es gibt

1. Ein präventives Angebot gegen drohende Wohnraumverluste

2. Eine neue Notunterkunft für Menschen ohne Obdach (Altöttinger Weiher)

3. Eine dazu gehörende entsprechende Beratung und Betreuung.

4. Ein stationäres Angebot mit 25 Übergangsplätzen von Herzogsägmühle im Stadtgebiet

5. "Nachgehende Hilfen" für bis zu 18 Monate nach einem Auszug aus stationärer Hilfe.

Was noch fehlt ist ein Angebot für Menschen, die Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld, aber auch bei der mietvertraglichen Absicherung ihrer Wohnung brauchen, da sie mit den Anforderungen des täglichen Lebens in Bezug auf Erhalt der Wohnung, Antragstellung und Begleitung bei den Anforderungen des vertraglichen Alltags Unterstützung benötigen. (Unterhalt, Unterhaltsvorschuß, Kindergeld, SGB II, Renten, Grundsicherung, betrifft die Zahlungsziele wie Mietzahlungen, Energie, etc.) und... ausreichender bezahlbarer Wohnraum!

Martin Holleschovsky

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