Johnny Cash in Landsberg

Weit mehr als "snooky-pootsie"

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Endlich ist der Jeep da: Museumsleiterin Sonia Fischer (rechts), Historikerin und Kuratorin Edith Raim (links) und Volontärin Anna Leiter nehmen kurz vor Ausstellungseröffnung das letzte Exponat in Empfang.

Landsberg – Erst am Samstagmorgen kam das letzte Ausstellungsstück an: Ein Willys MB, Urahn aller Jeeps, der in den 40er Jahren für die amerikanische Armee entwickelt wurde. Jetzt steht er im Foyer des Neuen Stadtmuseums und empfängt stilgerecht die zahlreichen Besucher der Ausstellung „Don’t take your guns to town – Johnny Cash und die Amerikaner in Landsberg 1951-54“.

Der Titel der Ausstellung, zugleich ein Lied Cashs, stammt von einem Befehl, den die Amerikaner in Landsberg erhielten: „Schusswaffen bei Ausgang in die Stadt nicht mitneh- men!“

Zur Vernissage hätte der Geländewagen noch keinen Platz gehabt. Viele Besucher drängten sich im Foyer und bewiesen das große Interesse am weltberühmten Johnny Cash und seiner Zeit in Landsberg. Die Aus- stellung will nicht nur über den Country-Sänger berichten, der am Stützpunkt der Air Force in Penzing als damals 19-jähriger Abhorchfunker diente. Vielmehr gehe es um eine Gesamtdarstellung der amerikanischen Besatzungszeit, betont Museumsleiterin Sonia Fischer: „Johnny Cash transportiert als prominentes Beispiel das Lebensgefühl, das damals in der Lechstadt vorherrschte.“

Johnny Cash beim Segeln, „wahrscheinlich auf dem Chiemsee“, so Museumsleiterin Sonia Fischer.

Dementsprechend ist die Ausstellung konzipiert: An den Wänden hängen auf Lkw-Planen gedruckte, großformatige Fotos von Cash, die von Stubenmitbewohner Bill Harrell stammen. Daneben zahlreiche Exponate der Air Force: Eine Uniform, wie Cash sie getragen haben dürfte, ein Spind der damaligen Zeit, eine komplette Funkerausstattung, an der man sich Johnny Cash leibhaft vorstellen kann: Der Funkerspezialist soll als erster Mensch im Westen die Nachricht über Stalins Tod abgehört haben – so schreibt Cash zumindest in seiner Autobiographie. Und nicht zu vergessen die Seeberg-Musikbox von 1953, für die Fischer extra noch Singles mit Cash-Liedern schneiden ließ. Auf Knopfdruck beschallt dann auch das berühmte „Walk the Line“ die Museumsräume.

Auf Stelen in der Mitte wird parallel dazu über das damalige Leben berichtet. Das Verhältnis der Amerikaner zu den Landsbergern sei vor Beginn des Korea-Krieges noch unbeschwert gewesen, erzählt Fischer. Nach Aufhebung des Fraternisierungsverbotes 1945 hätten die hier stationierten Amerikaner den Bürgern geholfen: „Sie haben zum Beispiel im Rahmen der German Youth Activities Ausflüge organisiert.“

Als Vorbereitung erhielten die Soldaten die Broschüre „Welcome Landsberg“, die ihnen die Eigenheiten des bayerischen Lebens näherbringen sollte. Immerhin mussten sich die Soldaten für vier Jahre fern der Heimat verpflichten. Im Kino des Truppenstützpunktes gab es aktuelle amerikanische Filme wie „Inside the Walls of Folsome Prisom“, der Film, der Cash wahrscheinlich zu seinem berühmten Konzert 1968 in ebendiesem Gefängnis anregte.

Kontakt mit ihrer Heimat hielten die Soldaten über Briefe, wovon auch ein Foto eines sehnsuchtsvollen Amerikaners zeugt, dessen Brief an seine Frau so schwer wie drei Pfund Butter war. Telefonieren war ein Mal pro Jahr erlaubt, man hatte Angst, dass die Russen mithörten. Weiterhin gibt es Ausschnitte aus der in Landsberg gedruckten Truppenzeitung „The Landsberg Bavarian“, die unschwer als Namensgeber für Cashs erste Band „Landsberg Barbarians“ zu erkennen ist; oder ein Foto des Musikhauses Ballach in der Schulgasse, in dem Cash seine erste Gitarre kaufte. Beleg dafür ist Cashs Aussage in einem Interview mit dem BR: „That’s a day I’ll never forget“, es sei eiskalt gewesen und er habe zu Fuß samt Gitarre den weiten Weg nach Penzing durch tiefsten Schnee zurücklegen müssen.

Initiatoren der Ausstellung waren Historikerin und Kuratorin Edith Raim, mit der Landsberger Geschichte durch ihre Arbeiten zum KZ-Außenlager Kaufering bestens vertraut, und der bekennende Johnny-Cash-Fan Edmund Epple: „Sein Enthusiasmus für Cash war über- wältigend“, erzählte Raim lachend. Der Historikerin halfen zudem Studenten eines Seminares zum Thema Cash, das sie an der Uni Augsburg angeboten hatte. Die Studenten führten Interviews mit Zeitzeugen, sowohl aus den USA als auch aus der Lechstadt. „Sogar in den Semesterferien haben sie weitergearbeitet“, betonte Edith Raim.

Einer dieser Zeitzeugen ist das Landsberger Urgestein Sepp Wörsching: „Ich war damals 13 Jahre alt, als ich zusammen mit einem Freund im Zederbräu den US-Soldaten das Hofbräulied beigebracht habe.“ Er habe da- mals ja nur bayerische Volkslieder gekannt, aber das „war den Amis völlig wurscht“. Sein Akkordeonkoffer war dabei immer offen – „als Bezahlung gab’s Schokolade, Kaugummi und Zigaretten für den Vater.“ Er habe ein bisschen Englisch gelernt, die Soldaten ein paar Brocken Deutsch. In einem von Cashs Briefen an seine Verlobte Vivian Liberto steht auch das Kosewort „snooky-pootsie“, von dem Cash behauptet, er habe es selbst erfunden.

Ein weiterer Zeitzeuge, der allerdings erst nach Cashs Stationierung in Landsberg war, ist Air Force-Mitglied Donald Gappa, der seit 2008 jedes Jahr nach Landsberg kommt. In seiner Begrüßungsrede auf der Vernissage bezeichnete er sich selbst als „aktiver Teilnehmer“ des Deutsch-Amerikanischen Austausches.

Die Begeisterung der Organisatoren und auch der Besucher war deutlich zu spüren. So beendete Edith Raim ihre Ansprache mit einem emotionalen Zitat Jimmy Hendrix: Auf die Bitte Cashs, nach seinem Tod seine Platten weiterhin zu spielen, habe dieser gesagt: „Lieber Johnny Cash, das ist ein Versprechen, das wir halten werden.“ Deshalb: Ins Neues Stadt- museum gehen, auf der Musikbox einen Titel wählen, und mit der Musik des berühmtesten Country-Sängers eine hervorragende Ausstellung genießen. Und da die Ausstellung „nur“ bis 31. Januar läuft, wäre es sicherlich eine Überlegung wert, eine dauerhafte Erinnerung an den gewiss bekanntesten US-Soldaten in Landsberg zu schaffen.

Susanne Greiner

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