Neues Dokument der Zeitgeschichte

„Landsberg in der Zeitgeschichte – Zeitgeschichte in Landsberg“ lautet das mit Spannung erwartete Buch, das jetzt im Handel erschienen ist. Es ist eine umfassende Darstellung der Stadt Landsberg und ihre Geschichte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Zugleich stellt es einen erfolgreichen Abschluss des durch die Stadt geförderten Forschungsprojektes „Landsberg im 20. Jahrhundert“ dar.

Unter der Projektleitung von Prof. Dr. Karl Filser und dem akademischen Direktor Dr. Volker Dotterweich von der Universität Augsburg in Verbindung mit Stadtarchivarin Elke Kiefer und der Stadt Landsberg entstand das umfassende Werk zur Zeitgeschichte der Lechstadt. Die entscheidenden Impulse gingen Jahre von Oberbürgermeister Franz Xaver Rößle aus, die Ende der 90er Jahre letztlich in einen entsprechenden Stadtratsbeschluss mündeten. Die beiden Herausgeber stellten in enger Verbindung mit dem Archiv der Stadt Landsberg und durch die Vergaben und Be­treuung von Zulassungs- und Magisterarbeiten an der Univer­sität Augsburg wesentliche Aspekte der Geschichte Landsbergs im 20. Jahrhundert auf eine quellenmäßig fundierte Grundlage. So wurden beispielsweise die lokale Geschichte der Revolution von 1918/19, die „Hitlerzelle“, die Jahre der nationalistischen Machtergreifung, die katholische Kirche im Dritten Reich oder der „Alltag“ der Häftlingsarbeiter in den KZ-Außenlagern mit bislang unbekannter Intensität aus Archivbeständen erarbeitet. Aufgrund der Vielfalt und Komplexität der historischen Materie wurden einzelne thematische Schwerpunkte in selb­ständigen Beiträgen abgehandelt. Für diese ist es den beiden Herausgebern gelungen, 16 wissenschaftlich ausgewiesene Fachleute zu gewinnen. Große Geschichte Die Zeitgeschichte in Landsberg im 20. Jahrhundert begreift sich im vorliegenden Buch als eine einzigartige Verdichtung, als ein Schauplatz großer Geschichte: Landsberg als Ort der Festungshaftanstalt, in der Hitler und weitere Akteure des Novemberputsches von 1923 wegen Hochverrats einsaßen, Landsberg als Ort der Außenlager des KZ Dachau, Landsberg als Ort eines der bedeutendsten Auffanglager für Überlebende des Holocaust und Landsberg als Ort des Kriegsverbrechergefängnisses Nr. 1 der amerikanischen Besatzungsmacht, in dem bis 1951 mehr als 285 Todesurteile vollstreckt wurden. Historische Zäsuren Landsberg existierte natür­lich auch in der Zeitgeschichte. So zeigt das Buch den Weg einer bayerischen Kleinstadt ins 20. Jahrhundert und ihre Entwicklung vom 1. Weltkrieg über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis in die Nachkriegszeit. Das sind die großen historischen Zäsuren vor Ort: der Umsturz der Revolution von 1918/19, das Scheitern der ersten deutschen Demokratie, die nationalsozialistische Diktatur und der Neubeginn und Neu­aufbau nach dem 2. Weltkrieg, nach Flucht, Vertreibung und politischer Säuberung. Zahlreiche historische Bilddokumente sowie zeitgenössische Berichte und Kommentare, Karten und Grafiken ergänzen die Darstellungen in dem 556 Seiten umfassenden Buch. Neue Zahlen Angesichts der jüngsten Diskussionen um KZ-Opferzahlen, ausgelöst von der Gemeinde Kaufering, wurde vor allem die Darstellung des Historikers Ludwig Eiber mit Spannung erwartet. Er beschreibt in seiner wissenschaftlichen Abhandlung „Hitlers Bunker – Hitlers Gefangene: Die KZ-Lager bei Landsberg“ sehr anschaulich, warum durch Rüstung um jeden Preis und „Vernichtung durch Arbeit“ unauslöschliche Spuren hinterlassen und die Namen „Landsberg“ und „Kaufering“ weltweit bekannt gemacht wurden. Und er beschreibt auch, warum sie in einer Reihe mit dem KZ Dachau und dem Vernichtungslager Auschwitz stehen. Eiber skizziert dabei nicht nur die einzelnen Lager und deren Funktion, sondern lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, deren Erlebtes den Leser erschau­- dern lassen. Mit Spannung wurde der Beitrag aber auch deshalb erwartet, weil er neue Zahlen bezüglich der ums Leben gekomme­- nen Häftlinge des „Kaufering“-Komplexes aufzeigt. Wie berichtet, hatte es im Zusammenhang mit der Einweihung des zentralen Mahnmals der KZ-Gedenkstätte am Kauferinger Bahnhof im vergangenen Jahr massive Kritik vonseiten renommierter Historiker gegeben. Sie sahen unter anderem die dort angeführte Zahl von 20000 Toten als nicht gesichert und deutlich überhöht an. Laut Ludwig Eiber sind für die „Kaufering“-Lager bislang 6091 Tote namentlich nachgewiesen. Hinzu kommen nach seiner Auffassung eine unbekannte Anzahl von nicht registrierten Toten, die Opfer der Räumungsphase, der Todesmärsche und -transporte Ende April 1945, die auf circa 2500 geschätzt werden. „Damit erhöht sich die Zahl der Toten auf mindestens 8500. Von den etwa 3700 von den Kauferinger Lagern nach Auschwitz, Bergen-Belsen und Leitmeritz abtransportierten Häftlingen seien an die 3000 ums Leben gekommen. „Damit ergeben sich für Lagerkomplex Kaufering-Landsberg insgesamt mindestens 11500 Tote“, so Historiker Ludwig Eiber. Buchpräsentation Anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung der KZ-Lager Kaufering am 27. April 1945 findet vom 25. April bis 3. Mai in Kaufering eine Gedenkwoche mit umfangreichem Programm statt. Das bereits veröffentlichte Werk aus den Schriften der Philosophischen Fakultäten der Universität Augsburg findet darin keine Berücksichtigung. Die Stadt Landsberg wird die Neuerscheinung am 28. April offiziell im Historischen Rathaus präsentieren. V. Dotterweich, K. Filser: Landsberg in der Zeitgeschichte – Zeitgeschichte in Landsberg; 560 Seiten; Druck+Verlag Ernst Vögel, Stamsried; 560 Seiten.

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