Zukunft des ländlichen Raums

Mahnende Worte vom "Papst der Dörfer" beim Neujahrsempfang

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Machten sich zum Jahresauftakt Gedanken über die Zukunft des Dorfes: der Landsberger Oberbürgermeister Mathias Neuner, Festredner Professor Gerhard Henkel und Landrat Thomas Eichinger (von links)

Landkreis – „Rettet das Dorf“ – diesen dramatisch anmutenden Titel trug der Festvortrag beim Neujahrsempfang von Stadt und Landkreis. Landrat Thomas Eichinger und OB Mathias Neuner hatten als Referenten den als „Papst der Dörfer“ geltenden Humangeographen Professor Gerhard Henkel von der Universität Duisburg-Essen eingeladen. Der konnte die Zuhörer im vollbesetzten Sitzungssaal des Landratsamts gleich beruhigen. „Hier bei Ihnen ist so viel gar nicht zu retten.“

Tatsächlich gibt es im Landkreis keine Abwanderungstendenzen aus den Dörfern und erst nicht aus der Lechstadt, wie Eichinger betonte. Auch Neuner verwies auf die „toll funktionierenden Dörfer“ in der Region. Dass die Landsberger Ortsteile über schnelleres Internet verfügen als die Innenstadt, spricht für sich. „Die Digitalisierung schafft Chancen für die Dörfer“, betonte Neuner im Hinblick auf die Möglichkeiten, dank Computer und Internet von zu Hause aus zu arbeiten. Einen Namen hat diese Entwicklung auch bereits - aus Globalisierung und dem Verwurzeltsein in der Region wird der Trend der „Glokalisierung“.

Das heißt aber nicht, dass die Welt auf dem Land rundum in Ordnung ist. „In den kleineren Dörfern gibt es oft schon keine Läden und keine Post mehr“, so Eichinger. Auf diesen Punkt ging auch Festredner Henkel in seinem ausführlichen Vortrag ein. Das Verschwinden von Infrastruktur - Läden, Gastwirtschaften, Bankfilialen und Schulen - setze unter Umständen eine Abwärtsspirale in Gang. Eine Revitalisierung der Ortskerne können vor allem diejenigen bewirken, die dort leben - was durch die Gründung von Dorfläden, Wiederbelebung von Wirtschaften, Rettung von Baudenkmälern und Pflege von Traditionsveranstaltungen teilweise ja auch geschieht. Zu einem regelrechten Trend gemausert habe sich in den letzten 15 Jahren die Gründung von Bürgervereinen, die sich um genau solche „Kernfragen des Dorfes“ (Henkel) kümmern.

Besonders kritisch äußerte sich der Autor des Standardwerks „Das Dorf“ über die Schließung und Zusammenlegung von Grundschulen. Hier werde von oben herab „eiskalt“ anhand willkürlich festgelegter Mindestzahlen agiert. Bei den Bürgern entstehe dadurch „ein Ohnmachtsgefühl angesichts einer Steuerung von oben, die mit gesundem Menschenverstand nicht zu begreifen ist“.

Auch darüber hinaus sieht Henkel die besorgniserregende Tendenz, das kommunale Selbstverwaltungsrecht durch zu viele Vorgaben von oben, zu viel Bürokratie und einen schwer zu durchschauenden Dschungel an „Fördertöpfchen“ auszuhöhlen. Die Folge: Kommunalpolitiker würden weder von Seiten des Staates noch von Seiten der Bürger ausreichend wertgeschätzt. Hochqualifizierte Bürger, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, würden lieber in Vereinsvorstände gehen als sich in den Gemeinderat wählen zu lassen. „Das ist eine ganz schlimme Entwicklung“, so Henkel. Gerade das Amt des Bürgermeisters sei „eines der komplexesten Ämter, die der Staat zu vergeben hat“.

Eine erfolgreiche und lebendige Kommunalpolitik muss sich nach Auffassung des Fachmanns nicht zuletzt um die soziale Infrastruktur des Dorfes kümmern, muss das Dorf für junge „Rückkehrer“ attraktiv machen und muss sicherstellen, dass man auch im Alter nicht gezwungen ist, wegzuziehen. Henkel fordert eine engagierte Bürgergesellschaft, die durch den Staat aktiviert wird und mit Gemeinderat und Kommunalverwaltung auf Augenhöhe agiert.

Unbedingt zu einem funktionierenden Dorf gehören aktive Vereine, so Henkel. Und die müssen Wertschätzung erfahren, sowohl von Seiten der Bürger als auch von Seiten der Kommunalpolitik. In der Praxis komme es jedoch allzu häufig vor, dass Eltern ihre Kinder jede Woche beim Fußballtraining ablieferten, ohne jemals zu fragen, ob auch sie gelegentlich etwas helfen könnten. Und wenn die Anliegen der Vereine von der Gemeinde als eher lästig empfunden würden, trage auch dies nicht eben zur Motivation der Ehrenamtlichen bei.

Musikalisch umrahmt wurde der Neujahrsempfang von Monika Drasch an Geige, Dudelsack und Zither gemeinsam mit Johann Zeller am Akkordeon. Im Anschluss an den offiziellen Teil warteten im Foyer Speis und Trank auf die Gäste.

Ulrike Osman

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