In der Lechstadt zu Gast

Für die selbstbeschränkende Baukultur

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Beim Neujahrsempfang im Festsaal des Historischen Rathauses: Oberbürgermeister Mathias Neuner, Festredner Harald Gieß, Landrat Thomas Eichinger (von links).

Landsberg – 2016 ist hierzulande das Jahr des Bauens. Urbanes Leben am Papierbach, der Umbau der Mittelschule Landsberg, sozialer Wohnungsbau, weitere Unterkünfte für Flüchtlinge und Obdachlose, möglicherweise ein neues Landratsamt – überall im Kreis, besonders aber in der großen Kreisstadt, werden Vorhaben geplant und realisiert. Daher und aufgrund des beginnenden Dominikus-Zimmermann-Jahres stellten der Landkreis und die Stadt ihren traditionellen gemeinsamen Neujahrsempfang diesmal unter das Motto „Architektur, Baukultur, Städtebau“.

Wie viel Sprengstoff in diesem Thema steckt, verdeutlichte Oberbürgermeister Mathias Neuner gleich bei seiner Begrüßung, als er die jüngsten Maßnahmen des Freistaats und des Bundes zur Förderung des Wohnungsbaus kritisierte: „Wir dürfen nicht übereilt handeln, nicht hektisch werden, um den Wohnungsnotstand zu lindern. Es werden ganz eilig das Baugesetzbuch geändert, hektisch Wohnungsbauprogramme auf­gelegt und Erleichterungen für Bauvorschriften diskutiert, um schnell Wohnraum zu schaffen. Dies entspricht nicht meinen Vorstellungen einer langfristigen und nachhaltigen städtebaulichen Entwicklung.“ Neuner forderte vom Staat „Achtsamkeit, Sorgsamkeit und Nachhaltigkeit“.

An diese Kriterien konnte Gastredner Harald Gieß, der beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege für die Baudenkmäler Oberbayerns zuständig ist, nahtlos anknüpfen. „Der Blick in so manches Stadtviertel, das in den 60er und 70er Jahren entstanden ist, vermittelt mitunter den Eindruck, moderner Städtebau führe zwangsläufig zu Anonymität und Tristesse.“ Auch wo ganze Städte auf dem Reißbrett entstanden seien, würden sie von den Bürgern nur zögerlich angenommen. Deswegen sei die behutsame Weiterentwicklung des Vorhandenen von großer Bedeutung.

Der promovierte Kunsthistoriker, der zu Landsberg eine besondere Beziehung hat – er schrieb seine Magisterarbeit über die Holzdecke des Festsaals im Historischen Rathaus – ließ zum Beweis die Stadt­entwicklung der Lechstadt Revue passieren. Die Landsberger Bürgerschaft habe ihren jeweiligen Landesherren immer wieder Freiheiten abgetrotzt, die im Stadtbild sichtbar wurden. Das Bayertor und der Schmalzturm seien dafür gute Beispiele: „Sie waren deutliche Akzente im Stadtbild und gleichsam die bürgerliche Antwort auf die herzogliche Burg. Städtisches Leben fand ihre architektonische Manifestation.“

Auch die Stadtpfarrkirche und der Rathausbau auf dem Hauptplatz – quasi mitten in der Hauptader der Verkehrswege – seien Symbole der Selbstdarstellung und des Selbstbewusstseins der Landsberger Bürger gewesen. Andere Bauwerke seien aus gänzlich anderen Motiven entstanden; fast immer hätten die jeweiligen Bauherren mit dem Bau aber etwas demonstrieren wollen.

Wenn dies so sei, stelle sich die Frage, wieso Landsberg dennoch architektonisch gesehen als „Stadtpersönlichkeit“ angesehen werde. Alles habe sich offenbar zu einem stimmigen Gesamtbild gefügt. Der Grund dafür seien Qualität, Materialität und Baukultur gewesen. Dazu gehörten „die Freiheit der Bürger, das eigene Stadtgefüge mitzugestalten“. Und: „Wer nur Notwendiges geplant hat, hat das Notwendige nicht erreicht“. Erst die „ästhetische Überhöhung“, die Wahrnehmung der Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Stadtgesellschaft, habe Bauten ermöglicht, die auch heute noch gefallen.

Daher bedürfe es nicht allein des freien Spiels der Kräfte, um Baukultur zu gewährleisten. Dies gelte umso mehr, als technische Begrenzungen heute weitgehend weggefallen seien. „Früher war der Gesamtmaßstab vorgegeben“, sagte Gieß in seinem Vortrag, „deswegen war die Einfügung neuer Bauwerke in die Kubatur wahrscheinlicher“. Gutes Beispiel dafür war der begrenzte Umfang von Fensterglas: Breitere Fenster seien einfach nicht möglich gewesen, daher hätten die Fenster zu denen der anderen Gebäude gepasst. Auch seien Raumgrößen durch begrenzte Längen der Holzbalken vorgegeben gewesen. Dann aber sei diese Begrenzung weggefallen. „Seitdem ist die Maßstäblichkeit für Städtebau nicht mehr vorgegeben.“ Nun sei „freiwillige Selbstbeschränkung“ erforderlich, insbesondere die Einhaltung von Maßstäblichkeit. Dies sei eine kollektive Verantwortung, die die Stadtgesellschaft wahrnehmen müsse. Dominikus Zimmermann habe gesagt, für einen verantwortlichen Bauherrn seien „pecunia, prudentia und patientia“ notwendig, also Geld, Vorsicht und Geduld. „Das hat heute immer noch Gültigkeit“.

Nach dem Vortrag von Harald Gieß, der von den rund 200 geladenen Gästen mit viel Beifall bedacht wurde, wandte Landrat Thomas Eichinger die Maßstäbe des Kunsthistorikers in einem launigen Abschiedswort gleich auf seinen Wunsch an, ein neues Landratsamts zu bauen. „Wer nur Notwendiges plant, wird Notwendiges nicht erreichen“, hat ihm dabei offenbar besonders gut gefallen. Allerdings wäre das Postulat „Geld, Vorsicht und Geduld“ ebenso erwähnenswert gewesen.

Begleitet wurde der Neujahrsempfang vom Vocalensemble Landsberg unter Leitung von Matthias Utz.

Werner Lauff

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