Neuer Eigentümer des Geltendorfer Bahnhofs

Nicolas Stoetter hat große Pläne für den Geltendorfer Bahnhof

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Der Geltendorfer Bahnhof – viel genutzt, viel kritisiert, da schon seit Langem nahezu eine Bauruine. Hinter dem Bauzaun hat der neue Besitzer Nicolas Stoetter einen Teil des alten Gebäudes bereits abreißen lassen.

Geltendorf – Man trifft ihn oft am Geltendorfer Bahnhof, obwohl Nicolas Stoetter weder dort arbeitet noch Bahnpendler ist. Wer mit ihm ins Gespräch kommt, staunt – denn der 33-Jährige ist Eigentümer des Bahnhofs; er will ihn umgestalten und attraktiver machen. Erste Abbrucharbeiten haben schon stattgefunden.

„Sie sind ja gar kein Investment-Rambo.“ Solche oder ähnliche Kommentare hört Stoetter öfter, wenn er sich mit Fahrgästen unterhält, die sich in Gelten­dorf seit Jahr und Tag über Zustand, Ausstattung und Optik des Bahnhofs ärgern. Die Leute staunen darüber, dass der neue Eigentümer ein netter, zugänglicher, ganz normaler Typ ist, weder arrogant noch abgehoben. Doch hohe Ziele hat sich der Sohn eines Landshuter Arztehepaares schon immer gesteckt.

Ehrgeiz und Geschäftssinn zeigte er bereits in sehr jungen Jahren. Noch als Grundschüler eröffnete er seinen Eltern, sich sein eigenes Geld verdienen zu wollen und künftig aufs Taschengeld zu verzichten. Fortan übernahm der Bub zu Hause und in der Nachbarschaft Gartenarbeiten, baute in einem eigenen Gewächshaus Gemüse an und verkaufte es im Bekanntenkreis.

Mit 13 hatte er 1.000 Mark zusammengespart, die er – kein Witz – am Aktienmarkt investierte. Sein Vater leistete die nötigen Unterschriften, doch die Anlageentscheidungen traf der Jung-Investor selbst. Das Geld sollte sich vermehren und zwei Jahre später für ein Mofa reichen. Was folgte, war ein Komplett-Desaster. Nicolas Stoetter verlor seine Ersparnisse in der Dotcom-Blase, dem Crash der New Economy im Jahr 2000. „Das war bitter, aber es hat mich nicht demotiviert“, erinnert sich der 33-Jährige. „Allerdings habe ich damals beschlossen, dass der Aktienmarkt nichts für mich ist.“

Start-up-Schüler

Nicolas Stoetter, der Mann mit dem eigenen Bahnhof.

Mit 15 kam er auf ein Schweizer Internat und war bald für die Finanzen einer Schülerfirma zuständig, die einen Ski-Tragegurt auf den Markt brachte. Das Start-up machte 100.000 Euro Umsatz und gewann einen europaweiten Wettbewerb als bestes Jungunternehmen. „Das war eine coole Erfahrung“, erinnert sich der Vater einer sechsjährigen Tochter. „So ein Erfolg macht ein Stück weit süchtig.“

Er studierte BWL, VWL und Internationale Beziehungen in St. Gallen und Chicago – teilweise mit Stipendium – und heuerte danach bei einer großen Unter­nehmensberatung an. Dort stellte er sich allerdings schnell die Sinnfrage. „Das war mir alles zu abstrakt“, erinnert sich der Hobby-Boxer. Besser gefiel ihm die Arbeit als Berater und Projektleiter eines Social Business in Bangladesh, „das mit Abstand ärmste, am dichtesten bevölkerte und chaotischste Land – dagegen ist Indien wie die Schweiz“, so Stoetter.

Was "Tolles" machen

Wirtschaftsethik ist ein Thema, das den klugen Kopf schon während des Studiums besonders interessierte. Geld verdienen und gleichzeitig etwas Gutes bewirken – warum soll das nicht möglich sein? Nach dieser Maxime geht Stoetter nun den Umbau des Geltendorfer Bahnhofs an. Das Projekt soll Früchte tragen, aber nicht nur für ihn, sondern auch für alle Nutzer. Um sein Konzept nicht an deren Bedürfnissen vorbei zu entwickeln, führte er eine Befragung durch. Resultat: Die meisten Leute äußerten realistische, nachvollziehbare Wünsche – nach einer Wartehalle, einem Café, Toiletten, Geldautomat und Zeitschriftenverkauf.

All das möchte Stoetter im Erdgeschoss eines dreistöckigen Neubaus unterbringen. Ein marodes Nebengebäude hat er dafür bereits teilweise abreißen lassen. Neben den genannten Angeboten würde er hier gerne auch einen Fahrradladen unterbringen und in den oberen Stockwerken eine Arztpraxis und ein Boarding House. „Ich sehe eine reale Chance, dass man aus dem Bahnhof etwas Tolles machen kann“, sagt der 33-Jährige.

Die notwendige Freistellung von Bahnbetriebszwecken hat er beim Eisenbahnbundesamt beantragt. Da dort eine mehrmonatige Bearbeitungsfrist gilt, rechnet er mit einer Antwort erst Anfang 2021. Auch im Hauptgebäude des Bahnhofs gibt es Gestaltungsspielraum. Hier möchte Stoetter auf rund 250 Quadratmetern ein Co-Working-Space schaffen, also gemeinschaftlich genutzte Büros, in die Selbständige sich einmieten können. Eine DHL-Packstation – auch dies ein Wunsch der Bahnpendler – konnte bereits realisiert werden. Und endlich hat man Handy-Empfang im ehemaligen Funkloch, das der Bahnhof früher war.

All dies betreut Stoetter, der sich selbst als „ungeduldigen, unruhigen Geist“ bezeichnet, nebenbei. Im Bereich Hauptberuf umfasst sein Lebenslauf mittlerweile ein weiteres Start-up – einen Rasierklingen-­Abo-Service, der schnell Millionenumsätze machte und mittlerweile verkauft ist. Heute arbeitet der 33-Jährige als Geschäftsführer des Bereichs Digitalisierung in einer privaten Klinikgruppe, lebt mit seiner Familie in Andechs und freut sich darauf, im Dezember zum zweiten Mal Vater zu werden. Seine Frau ist übrigens froh, dass er den Geltendorfer Bahnhof gekauft hat. „Sie sagt, seitdem bin ich viel entspannter.“
Ulrike Osman

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