"Auf Sicht fahren geht hier nicht"

Noch kein Licht am Horizont für das Landsberger Stadttheater 

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Theaterleiter Florian Werner (links) und Musikprogramm-Verantwortlicher Edmund Epple sehen momentan kaum Chancen für eine baldige Wiedereröffnung des Stadttheaters.

Landsberg – Das häufigste Wort im aktuellen Programm des Stadttheaters ist „abgesagt“. Alle Theateraufführungen sind gestrichen, Kino findet nicht statt, lediglich drei Konzerte ziert noch nicht der rote Schriftzug. Ob die stattfinden und wenn ja, wie, steht allerdings in den Sternen. Denn noch gibt es keinen Fahrplan für die Theater. Als Termin für eine Wiederöffnung der Bühnen schwebt das Wort „Herbst“ in der Luft. Aber konkrete Ideen oder gar Regeln? Fehlanzeige. Eine Situation, die Planen unmöglich macht. Und das Nachdenken über Alternativen ad absurdum führt.

„Bilder deiner großen Liebe“ war das letzte Theaterstück, für das sich die Vorhänge des Stadttheater Anfang März geöffnet hatten. Die letzten Songs brachte Jasmin Tabatabai im Februar zur Geltung. Seitdem herrscht Stille. Theaterleiter Florian Werner und Musikprogramm-Verantwortlicher Edmund Epple stehen im leeren Foyer. Tische und Stühle sind verräumt, hie und da ein Kabel, das auf Reparaturen schließen lässt – die Stimme hallt. „Das Haus hat trotz der Absage aller Veranstaltungen noch zu tun“, sagt Epple. Auch das Theaterbüro. „Wir haben einen Riesenberg von Veranstaltungen, die wir rückabwickeln müssen. Das dauert Wochen, ja Monate.“ Dazu kommen die Gespräche mit jedem einzelnen Abonnenten. Wer will das Ticket umtauschen, wer sich auszahlen lassen? „Wir erfahren aber eine große Welle der Solidarität“, sagt Epple. Viele würden auf eine Auszahlung verzichten oder das Geld dem Theaterverein TILL spenden.

Die Konzerte

Die drei Musikveranstaltungen, die nach den Pfingstferien noch im Programm stehen, sind LBT, Enders Room – bereits ein Ersatztermin für das eigentlich Anfang März geplante Konzert – und Mulo Francel mit Chris Gall. Musiker, die aus der Umgebung kommen und nicht wie beispielsweise Hazmat Modine aus New York, deren Europatournee schon lange gestrichen ist. Wie könnten diese Konzerte ablaufen? „In das Theater gehen mit dem notwendigen Sicherheitsabstand rund 50 Personen“, schätzt Werner. Doch wie allein den Einlass gestalten? Es müssten ja zuerst die vorderen Plätze belegt werden, und zwar von innen nach außen. Oder doch alle Sitze abbauen, die man nicht belegen darf?

„Wir haben für die Konzerte auch teilweise schon weitaus mehr Tickets verkauft“, gibt Epple zu bedenken. Wie solle man entscheiden, wer draußen bleiben muss? Vielleicht könne man die Konzerte splitten, an zwei Tagen oder zweimal an einem Tag. Wobei da auch die Künstler mitspielen müssten, was schon physisch nicht einfach ist, sowohl bei Musikern als auch bei Schauspielern. „Verlangen kann man das auf keinen Fall. Erst recht nicht, dass sie zweimal für das normale Honorar spielen. Ich sehe das alles nicht wirklich“, urteilt Epple. Auch das Streamen der Konzerte sei lediglich eine Krücke: „Wir sind kein Ort ohne Publikum.“ Zudem befürchtet Epple einen Gewöhnungseffekt bei den Zuhörern: Warum irgendwann wieder zahlen, wenn man die Musik doch umsonst bekommt?

Auch Konzerte mit Einschränkungen seien nicht das, um was es eigentlich geht: „Dieses Haus ist ein Treffpunkt. Man muss in Kontakt kommen, sich austauschen“, konkretisiert Epple. Gerade bei Konzerten sei die Interaktion zwischen Publikum und Musikern enorm wichtig, „hier gibt es ja auch den meisten Zwischenapplaus“. Auch Theateraufführungen ohne Publikum seien schwierig. Am ehesten sehe er noch die Wiederaufnahme der Kinovorführungen: „Ins Kino gehe ich eher für mich.“

Die Theateraufführungen

Auch für den Theatersaisonbeginn im Herbst sieht Florian Werner nicht wirklich rosa. Bisher gebe es seitens der Regierung nur ein Eckdatenpapier, unter welchen Voraussetzungen – Abstand, Anzahl der Zuschauer, ungefähre Dauer des Stücks – Theater möglich wäre. Aber keine konkreten Aussagen oder Lösungen, wie die umzusetzen sind. Stücke mit kleiner Besetzung sind gefragt, möglichst kurz. Oder wie Epple formuliert: „die Ilias in zehn Minuten.“ Auch die persönlichen Daten der Zuschauer müssen, ebenso wie in der Gastronomie, erfasst werden, um die Kontaktketten bei möglichen Infizierungen nachvollziehbar zu machen. Personalisierte Tickets, die mit dem Ausweis verifiziert werden müssen? Dann die Frage, was mit den Aerosolen in einem geschlossenen Raum ist. Kann die Klimaanalage das Geforderte leisten? „Dieses Eckdatenpapier ist eher eine Art Marschrichtung für die nächsten Monate, aber kein konkreter Plan“, sagt Werner. Eine Chance habe man schon verpasst: Als die Öffnung der Gastronomie im Freien genehmigt wurde, hätte man auch über Open-Air-Veranstaltungen, zumindest Theateraufführungen im Freien entscheiden können. „Dann hätten wir auch vielleicht im Theatergarten etwas anbieten können.“ Aber ohne Ansage verbiete sich jegliche Planung in diese Richtung. Inzwischen hat sich Ministerpräsident Söder auf dem CSU-Parteitag für die Möglichkeit von Open-Air-Theateraufführungen ausgesprochen. Immerhin.

Je später die Entscheidung seitens der Regierung über die Wiedereröffnung der Theater, desto unwahrscheinlicher auch die Möglichkeit, ein Programm für die Saison im Herbst zusammenzustellen. „Wenn darüber bis Pfingsten keine Entscheidung fällt, ist der Sommer gegessen. Und das Herbstprogramm wird dann wohl eher ein Zuckerlwurf“, befürchtet Werner. Unter anderem, weil der Sommer auch als Testphase für das, was geht und was nicht, verpasst wird. Größere Produktionen einzukaufen, sei sicher finanziell schwierig. Denn die durch das reduzierte Publikum unweigerlich sinkenden Einnahmen bedeuteten ja andererseits eine stärkere Förderung seitens Stadt und Staat.

Die Schauspieler

Überhaupt: Wie sehen die Richtlinien für Schauspieler auf der Bühne aus? Theater ohne Berührung? Hamlet mit Spuckschutz? Viele Theater haben ihre Spielpläne für die Spielzeit 2020/2021 schon um ein Jahr verschoben. Und versuchen, mit einem ‚Corona-Spielplan‘ durchzuhalten. Auch das Landestheater in Memmingen, dessen zahlreiche Gastspiele das Landsberger Publikum begeistern, greift zu diesem Mittel. „Da wir auch nicht planen können und auch die geplanten Stücke nicht ‚coronatauglich‘ machbar waren, haben wir in drei Wochen alles geändert“, sagt die Memminger Intendantin Kathrin Mädler. „Das war ein Riesenakt!“

Der neue Spielplan unter dem Motto „Zwischen den Zeiten“ sei „wärmer“. „Wir wollen zeigen, dass das Theater trotzdem lebt, dass die Kultur lebt.“ Themen sind Beziehungen, Solidarität, auch die Frage, wie man mit schwierigen Zeiten umgeht. Mit dabei sind Theaterspaziergänge, „Don Quichote“ für drei Personen oder auch „Szenen einer Ehe“. Sogar eine Uraufführung und eine deutschsprachige Erstaufführung stehen auf dem Corona-Notprogramm. Und zur Eröffnung gibt es einen Monolog: „Event“. Über das, was Theater alles ist und sein kann.

Sie gehe davon aus, dass bei einer Wiedereröffnung der Theater auch bei den Aufführungen der Mindestabstand einzuhalten ist. Denn für die Proben sind bisher nur drei Schauspieler auf der Bühne erlaubt. „Der neue Spielplan geht künstlerisch offensiv mit dem Thema um und greift momentane Fragen auf“, so Mädler. Die Stücke setzten mehr auf die Spieler als auf das Bühnenbild – Sparsamkeit und Flexibilität sind maßgeblich. „Große Produktionen mit nur 100 Zuschauern sind nicht finanzierbar.“ Kleine Produktionen seien auch für Gastspiele besser, eventuell könne man auch zwei Tage hintereinander spielen.

Aber wie wird es sein, vor nur noch spärlich besetzten Sälen zu spielen? „Sicherlich am Anfang komisch. Aber Spielen ist auf jeden Fall besser als Nicht-Spielen“, ist Mädler überzeugt. Und hofft, dass gerade zwischen den wenigen Zuschauern und den Schauspielern Nähe entstehen kann. „Wir brauchen dazu natürlich Stücke, die die Distanz überwinden können.“

Was kommt

Epple hat einen Teil der Konzerte ins nächste Jahr verschoben, ein paar andere in den Herbst. „Aber ich bin auch für den Herbst nicht sehr optimistisch“, so Epple. Man habe diverse Szenarien durchgespielt. „Aber wie planst du ohne Sicherheit?“ Generell brauche man mindestens vier bis sechs Wochen Vorlauf. Das Prinzip der Politik „Auf Sicht fahren“ funktioniere im Kulturbereich, ob nun Musik oder Theater, eben einfach nicht.

Auch wenn Werner und Epple die ‚Blindheit‘ der Politik für die Notwendigkeiten im Kulturbetrieb kritisieren – „Wurde bei den bestehenden Pandemieplänen die Kultur überhaupt berücksichtigt“, fragt beispielsweise Epple –, sind beide von der Notwendigkeit der ergriffenen Maßnahmen überzeugt. „Die Gesellschaft als Ganzes versucht, weitere Wellen zu dämpfen. Dazu leistet auch die Kultur ihren Beitrag“, sagt Werner. Aber auf keinen Fall dürfe die momentane Situation zum Normalzustand werden: „Eine Trennung von Kunst und Publikum ist nicht machbar.“
Susanne Greiner

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