Notfallseelsorger Hartmann im Einsatz

Mitfühlen, aber keinesfalls mitleiden!

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Die Notfallseelsorger sind für Menschen da, die unter seelischem und emotionalem Stress leiden.
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Phillip Hartmann
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Phillip Hartmann und sein Team der Notfallseelsorge (v.l. gelbe Jacken) Franz Bauer, Siegfried Sonn und Olaf Neumann arbeiten eng mit dem Kriseninterventionsteam des Landkreises zusammen.

Landkreis – Am Ende des Tages das Gefühl haben, anderen Menschen geholfen zu haben. Das schätzt Phillip Hartmann an seinem Ehrenamt als Notfallseelsorger. Dem KREISBOTEN hat er nun mehr über seine herausfordernde Tätigkeit erzählt und wie er mit den Extremsituationen umgeht.

Der Ehemann wird nach einem Herzinfarkt in der Wohnung reanimiert; jemand wird Zeuge eines schweren Bahnunfalls; die Polizei muss jemandem die Todesnachricht eines Angehörigen überbringen. All das sind emotionale Ausnahmesituationen, die Menschen in einen akuten Schock versetzen können und eine enorme seelische Belastung darstellen. Damit niemand alleine in so einer Situation ist, gibt es die ökumenische Notfallseelsorge des Bistums Augsburg. Insgesamt sieben Notfallseelsorger im Landkreis sind jedes Jahr bei etwa 100 bis 150 solcher Einsätze zur Stelle. Einer von ihnen ist Phillip Hartmann.

Seine Aufgaben sind vielfältig: „Manchmal sitzen wir einfach nur da und schweigen mit den Menschen, wir beten oder versuchen einen Kaffee für sie aufzutreiben.“ Bei Katastrophen wie dem verheerenden Hochwasser 2013 in Deggendorf und 2016 in Simbach, bei denen auch die Notfallseelsorger aus dem Landkreis Landsberg dabei waren, packe man einfach mit an und nehme eine Schaufel in die Hand. Hartmann meint es sei auch immer von Vorteil Zigaretten oder Gummibärchen dabei zu haben. So komme man mit den Menschen gut ins Gespräch. Denn darum ginge es in erster Linie: Den Betroffenen eine Möglichkeit geben, „sich ihr Leid von der Seele zu reden.“

Hartmann und die anderen Seelsorger setzen dabei auch auf Selbsthilfe. Welten brächen teilweise über den Menschen zusammen, wenn sie zum Beispiel von dem Tod eines Angehörigen erfahren, weiß Hartmann. „In diesem Chaos brauchen die Menschen ,Pflöcke‘, die sie in die Erde rammen können.“ Diese sorgen für Halt und geben den Betroffenen Selbstvertrauen. Solche Pflöcke können unter anderem Selbsthilfegruppen sein. Die Notfallseelsorger informieren über Hilfsangebote, aber den Schritt, dort anzurufen, sollten die Betroffenen selbst machen. Jedoch stellt Hartmann einen Kontakt auch direkt her, wenn er merkt, dass jemand das alleine nicht schafft.

Wichtig ist den Helfern nicht nur die akute Betreuung, sondern auch die „bleibende Aufmerksamkeit“. Das bedeutet, das soziale Netzwerk zu aktivieren und gleichzeitig für eine längerfristige Unterstützung durch Fachleute zu sorgen. Aber genau an dieser Stelle hapert es manchmal. „Wir machen die Erste Hilfe für die Seele, aber leider fehlt es oft an der Nachfolgekapazität“, erzählt Hartmann. Bei dem Hochwasser in Simbach hätten die Menschen zum Beispiel bis zu ein Jahr auf Hilfe von Therapeuten oder Psychologen warten müssen.

Eigene Seele versorgen

Aber wie geht man als Notfallseelsorger mit solchen Erlebnissen um? Für Hartmann ganz wichtig: „Wir dürfen mitfühlen, aber nicht mitleiden.“ Mit der Zeit lerne man damit umzugehen und viele Einsätze würden zur Routine. Zum Beispiel wenn ein 80-Jähriger an einem Herzinfarkt stirbt. Dann sei das zwar plötzlich, aber nicht unerwartet. „Was anderes ist es, wenn ein Kind ums Leben kommt.“ Das nehme ihn dann doch nochmal ganz anders mit. Für Hartmann, der seit 16 Jahren ebenfalls ehrenamtlich als Rettungsassistent tätig ist, ist die Arbeit auch immer eine Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz. Beim Rettungsdienst habe er mit Beinbrüchen, Kopfverletzungen oder Herzinfarkten zu tun. Als Notfallseelsorger werde aus der Kopfverletzung aber eine Frau Müller und der Herzinfarkt zu einem Herr Meier. „Die Menschen bekommen Namen und Gesichter – das macht das Ganze schon schwerer.“

Um die Balance zwischen Nähe und Distanz hinzubekommen, hilft Hartmann auch die Dienstkleidung. „Wenn man die auszieht, schlüpft man sozusagen aus der Rolle wieder raus.“ Ein Fall, der über seine Kräfte ging, gab es in den zehn Jahren, in denen er als Notfallseelsorger arbeitet, noch nie. Seine Erinnerungen seien alle in einem imaginären Eisenschrank mit vielen Schubladen. Dort würde er die Bilder der Ereignisse ablegen. „Wenn ich mich mit Ihnen unterhalte, kann ich die Schublade aufmachen und die Bilder herausholen.“ Anschließend könne er die abgerufenen Erinnerungen auch wieder verschließen. „Nur wenn eine Schublade mal von alleine aufgehen sollte, dann muss ich mir Sorgen machen.“

Eines der Bilder, die Hartmann in dem Schrank aufbewahrt, ist eine der ersten Erinnerungen an seine Laufbahn beim Rettungsdienst. Während eines Praktikums, das er als 18-Jähriger gemacht hat, wurde er zu einer Unfallstelle auf einer Landstraße gerufen. Ein Fahrradfahrer wurde von einem Auto übersehen und überfahren. Nachdem das Opfer noch an der Unfallstelle gestorben ist, hielt Hartmann einen kurzen Moment inne und betete das Vaterunser. Irgendwann bemerkte er, dass sich um ihn herum die Feuerwehreinsatzkräfte versammelt hatten und mit Tränen in den Augen das Gebet mitsprachen. Für Hartmann ein ganz besonderer Moment: „Da stehen diese harten Feuerwehrler, die sonst wohl nur selten beten und in die Kirche gehen, und beten mit mir.“

Der Glaube hilft

Der religiöse Aspekt spielt für die ökumenischen Notfallseelsorger – zwei Protestanten und fünf Katholiken – eine wichtige Rolle. Und das in zweierlei Hinsicht. Auf der einen Seite helfe es den Betroffenen. Selbst Menschen, die, wie Hartmann sie mit einem Augenzwinkern nennt, „Gewohnheitschristen“ sind, würde der Glaube in Krisenmomenten helfen. „Die Not lehrt beten, wie es so schön heißt.“ Auf der anderen Seite sei es aber auch für ihn persönlich wichtig. „Wenn ich zu einem Einsatz fahre, weiß ich, ich bin nicht allein – ich nehme meinen Herrgott mit.“ Schlimme menschliche Schicksale seien auch für ihn nicht nachvollziehbar. Aber er sei davon überzeugt, dass wir alle es in einem anderen Leben verstehen werden. Dieser Gedanke helfe ihm, mit dem Erlebten umzugehen.

Hartmann gibt auch zu, dass die Notfallseelsorge der Kirche dabei helfe, wieder Boden gut zu machen“. Jeder hätte doch sicher schon mal negative Erfahrungen mit der Kirche gemacht. Auch wenn es nur Kleinigkeiten wären. „Jemand bekommt zum Beispiel seinen Wunschtermin für die Hochzeit nicht. Und sowas bleibt den Menschen halt in Erinnerung.“ Wenn man dann zu einem Einsatz käme, seien die Leute oft verwundert über die Anwesenheit „der Kirche“. Dabei sieht Hartmann es als eine der Grundaufgaben der Kirche an, Menschen in Not beizustehen und aus dem Glauben heraus zu helfen. Wobei der Notfallseelsorger auch ganz klar sagt, dass er das niemandem aufdrängt. „Wenn jemand mit Gott und der Kirche nichts zu tun hat, ist das vollkommen in Ordnung.“ Letztlich entscheiden es die Betroffenen selbst, was sie in diesem Moment brauchen.

Wer sich ehrenamtlich bei der ökumenischen Notfallseelsorge engagieren möchte, sollte sich hingegen mit den Grundsätzen und dem Menschenbild der Kirche identifizieren können, erklärt Hartmann. Ebenfalls eine wichtige Voraussetzung sei es, dass derjenige nicht selbst auf Hilfe angewiesen ist. „Manchmal suchen sich Menschen solche Tätigkeiten, weil sie selbst ein Trauma verarbeiten müssen.“ Notfallseelsorger sollten aber stabil im Leben stehen und genau wissen, worauf sie sich einlassen. Daher gibt es gründliche Vorgespräche, bevor jemand überhaupt für eine Ausbildung zugelassen wird. Anschließend folgen 120 Stunden Theorie, in denen es unter anderem um Gesprächsführung geht. Um auch die Praxis kennenzulernen, begleiten die Anwärter zunächst „die alten Hasen auf ihren Einsätzen“. Erst dann darf man als Notfallseelsorger auch alleine Menschen in Not helfen.

Für Hartmann sei es aber eine sehr lohnende Tätigkeit. „Da kann ich auch viel für mich persönlich rausziehen.“ Sei es erste Hilfe, Unfallsicherung oder auch die Gesprächsführung. Und nicht zuletzt natürlich das gute Gefühl, anderen geholfen zu haben.

Stephanie Novy

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