"Nur ein paar Schrauben locker"

Die Gemeindepsychiatrische Begegnungsstätte (links) in der Malteserstraße direkt am Bayertor besteht nunmehr seit zehn Jahren. Foto: Bauch

Keinem Politiker würde es heute einfallen, die Notwendigkeit von Diensten und Einrichtungen für psychisch kranke Menschen in Frage zu stellen. Im Gegenteil. In fast jeder Rede bei einer Eröffnung oder Einweihungsfeier einer entspre­chenden Einrichtung wird darauf verwiesen, dass jeder dritte Bundesbürger einmal in seinem Leben von einer psychischen Erkrankung betroffen sei und für wie wichtig es erachtet werde, hier zu helfen. Doch das war nicht immer so.

Ein bayerischer Landrat konnte in den 1980er Jahren noch öffentlich behaupten, „es gibt bei uns keine psychischen Kranken, die sind alle in Haar“, ohne seinen Job zu riskieren. Oft sprach man damals vom „Seelenklempner“, der nur „ein paar lockere Schrauben“ schnell festzuzurren habe und schon würde man wieder funktionieren. Diesem lockeren Ausspruch entsprach aber nicht die harte und traurige Realität. Tatsache war: Menschen erhielten keine Hilfe. Ihre Beschwerden wurden als Einbildung abgetan. So verfielen viele von ihnen der Alkohol- und/oder Tablettensucht. Eine Scheinlösung, die zwangsläufig in die Irre führt. Die Anfänge des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Caritas in Landsberg fielen in diese Zeit. Sein langjähriger Leiter Karl Michael Ranftl kann heute noch darüber Geschichten erzählen, denen man nur verwundert zuhören kann. Den kleinen Anfängen ist der Fachdienst der Caritas in Landsberg schon lange entwachsen. Heute bildet er mit der Gerontopsychiatrischen Fachstelle und der Gemeindepsychiatrischen Tagesbegegnungsstätte das „Gemeindepsychiatrische Zentrum Landsberg“. Die Adresse ist leicht zu finden. Das Zentrum steht am Landsberger Bayertor, dem Wahrzeichen der Stadt. Die umfänglichen Hilfen, Beratung, verschiedene Therapie-, Betreuungs- und Begegnungsangebote, Ergotherapie und Trainingsnahmen sowie Hausbesuche, sind für jeden, der sie benötigt, unbürokratisch, kostenfrei und diskret, das heißt, sie unterliegen der Pflicht zur Verschwiegenheit. Seit vier Jahren besteht auch für Menschen mit sozialem, psychi­schem oder suchtbedingtem Handicap die Möglichkeit des Zuverdienstes, einer für die betreffenden Personen attraktiven Teilzeitalternative zur Beschäftigungslosigkeit. Wenn man sich an das Schicksal des früheren deutschen Nationaltorwarts Robert Enke erinnert, der an Depressionen litt und sich 2009 das Leben nahm, mag man erahnen, zu welch schlimmen Folgen eine psychische Erkrankung führen kann. Und wie hoch der Preis ist, der dafür bezahlt wird. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als gerechtfertigt, dass der Caritasverband Landsberg den 25. Geburtstag des Sozialpsychiatrischen Dienstes und jeweils den 10. Geburtstag der Ge­mein­depsychiatrischen Tagesstätte sowie der Gerontopsychiatrischen Fachstelle am Freitag mit einem Dankgottesdienst in der Stadtpfarrkirche „Zu den Hl. Engeln“ und anschließend mit einem Festakt im Pfarrsaal gefeiert hat. Über 300 pro Jahr Alois Handwerker, Geschäftsführer des Caritasverbandes für den Landkreis Landsberg, kann mit der Akzeptanz und Leistungsfähigkeit des Gemeindepsychiatrischen Zentrums mehr als zufrieden sein. Im Jahr nehmen über 600 Bürger aus dem Landkreis in seelischen Krisen die ambulante Anlauf-, Kontakt- und Betreuungsstelle für Menschen des Sozialpsychiatrischen Diensten in Landsberg und dessen Außenstelle in Dießen in Anspruch. Mehr als 100 älteren Frauen und Männern bzw. deren Angehörigen konnte die Gerontopsychiatrische Fachstelle zur Seite stehen. Sie kommen wegen Depressionen, Demenz, Ängsten, wahnhaften Störungen, Persönlichkeitsstörungen. Oder es liegen Mehrfachdiagnosen vor, wie sie mit zunehmendem Alter häufiger vorkommen. Rund 50 Menschen zwischen 18 und 75 Jahren nehmen im Monat die kreativen und alltagspraktischen Angebote der Gemeindepsychiatrischen Tagesbegegnungsstätte in Anspruch, viele fast täglich. Dass die Räume mittlerweile aus allen Nähten platzen, davon konnte sich CSU-Landtagsabgeordneter Dr. Thomas Goppel jüngst beim „Rollentausch“-Kurzpraktikum in Landsberg überzeugen. "Eingesperrt" Obwohl die Entstehungsbedingungen für eine psychische Erkrankung hoch komplex sind, geht der Anlass für den Bedarf einer fachlichen Hilfe durch das Gemeindepsychiatrische Zentrum mit seinen zwölf Fachkräften oft auf das normale Alltagsleben zurück. Eine über 70-jäh­- rige Frau zum Beispiel braucht wegen einer Lungenerkrankung ein Sauerstoffgerät. Sie ist abhängig von der Hilfe ihres Mannes. Sie fühlt sich aufgrund der eingeschränkten Mobilität in ihrem Haus „eingesperrt“. Sie wird depressiv. Ihr Mann kann damit nicht umgehen, was ihre Erkrankung verschärft. Die Gerontopsychiatrische Fach­stelle holt sie raus aus dem Haus und nimmt sie mit in eine Gruppe von gleichaltrigen Frauen mit ähnlichen Problemen. Auch der Mann wird beraten, damit er seine Frau besser verstehen lernt. Auch gesellschaftliche Entwicklungen wirken sich auf die Arbeit des Gemeindepsychiatrischen Zentrums der Caritas aus. Immer mehr Menschen leiden unter Armut, weil sie keine oder nur eine geringe Ausbildung vorweisen können, Erwerbs-einschränkungen haben, arbeitslos, verschuldet und/oder abhängig sind und isoliert von ihrer Umwelt leben. Angesichts der inzwischen nahezu unzähligen Milliarden Euro, die zur Rettung der Europäischen Währungsunion und des Finanz­kapi­- talismus der europäischen Großbanken eingesetzt werden, wirkt Karl Michael Ranftl, der das Gemeindepsychiatrische Zentrum in Landsberg viele Jahre leitete, sehr nachdenklich. „Ich habe erlebt, wie in unserer ,sozialen‘ Marktwirtschaft schon wenige Jahre nach der Einführung des Euro die Verbraucherpreise Eins zu Eins umgerechnet waren und die Kleinrentner, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslosen, Behinderten, Alleinerziehenden – entgegen der Beteuerungen der Politiker – fast nur noch die Hälfte ihres ohnehin schon geringen Monatsetats in der Tasche hatten, weil ja die Sozialhilfe, Rente und Arbeitslosengeld im Gegenzug nicht angemessen angehoben wurden. Obwohl wir in der praktischen sozialen Arbeit immer häufiger versucht haben Menschen ihre dadurch bedingte Verzweiflung durch Vermittlung finanzieller und praktischer Hilfen zu nehmen, standen wir Helfer oft hilflos vor dem wirtschaftlich bedingten Nöten.“ Karl Michael Ranftl wurde am Freitag offiziell in den Ruhestand verabschiedet. 27 Jahre lang war er Leider des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Landsberg. Seine Nachfolgerin ist Ruth Satzger. Auf die berufserfahrene Landsberger Sozialpädagogin und Grünen-Stadträtin kommen keineswegs leichte Aufgaben zu.

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