Logik kann man nicht gendern

Kabarettist Gery Seidl legt liebevoll menschliche Marotten bloß

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Kabarettist Gery Seidl frotzelt mit Wiener Schmäh und einer großen Portion Menschenliebe. Das Publikum im Stadttheater war begeistert.

Landsberg – Was haben Beet­hoven, Osama bin Laden und Darwin gemein? Sie sind an einem Sonntag geboren. Genauso wie der österreichische Kabarettist Gery Seidl. Sein aktuelles Programm heißt folgerichtig „Sonntagskinder“ und war am Sonntag auf Einladung des s’Maximilianeums im fast ausverkauften Stadttheater zu sehen. „Sonntagskinder“, das ist Alltagskomik mit Wiener Schmäh und einer riesigen Portion Menschenliebe – das Publikum war begeistert.

Natürlich ist Seidl nicht an einem gewöhnlichen Sonntag geboren. Nein, es war auch noch Muttertag. Und der ist bekanntlich das Größte. „Wie Sex beim Kuscheln“. Sonntagskinder sind mit sich im Reinen. Genießen das Leben. Stehen im Jetzt. Gegen den daraus möglicherweise resultierenden Übermut gibt es Seidls Frau, Andrea. Denn so gern er sie hat, ihre politisch ambitionierten Einwürfe sorgen für Probleme, wo keine sind: Antibiotika im Antilopenfleisch der Savannenlöwen. Oder die legendären Chemtrails.

Auch Andreas Liebe zu kulturell geprägtem Urlaub mildert Seidls Wohlbefinden. Urlaub, das ist eigentlich „am Strand liegen, leicht betrunken sein und braun werden.“ Wenn die Reise in entfernte Länder geht, hofft er auf Waldviertler Bier, um wenigstens einen Hauch von Heimat zu verspüren. Natürlich kommt es anders: Andrea packt Koffer für acht Klimazonen. Und der reservierte Leih-Jeep ist kein „Dieselvernichter zum Durchs-Land-Pflügen.“ Er entpuppt sich als japanische Plastikschüssel. So klein, die passt fast in den Koffer.

Die Sonne brennt. Seidl ist unterzuckert und stark unterhopft. Jammern auf hohem Niveau, ein Hobby der Gesellschaft. Dabei gibt es doch so viel echte Idio­tie in der Welt. „Warum ist das Gottesanbeter-Männchen in den letzten 200 Jahren nicht schwul geworden? So kann es ja nicht mal unbemerkt fremdgehen.“ Oder die Idioten, die gerade Österreich an die Wand fahren: „Statt Wutbürger brauchen wir Mutbürger.“ Der Bilderbuchidiot ist indessen Internet-Willi, von Beruf Welthasser. Aber Sonntagskind Seidl glaubt an das Gute im Menschen: Denn auf den Willi „hat nur niemand aufgepasst.“ Seidls Philanthropie ist immer wieder zu spüren.

Zwar legt er menschliche Schwächen bloß. Doch im Gegensatz zu einem eher lauten Michael Mittermeier setzt Seidl auf leisere Töne, verbunden mit bestechendem Charme – und findet bei jedem etwas Liebenswertes. Auch bei seiner Frau. Obwohl es unüberwindliche Klippen zwischen den Geschlechtern gibt: „Logik kann man nicht gendern.“ Frauen leben in Wohnlandschaften, Zierkissen, Duftöl. Männer hingegen in der Garage. Sitzen auf leeren Farbeimern, Hopfenkaltschale in der Hand und Pirelli-Kalender an der Wand – das Paradies. Ein Klischee, das Seidl hegt und pflegt. Im Herzen sei er eben Techniker: „So eine Estrich-Dehnfuge hat was Erotisches.“ Der 43-Jährige Kabarettist kommt tatsächlich aus der technischen Ecke: Abschluss an der Höheren Technischen Leeranstalt. Doch dann erwischte ihn die Schauspielerei. Die richtige Entscheidung, erhielt der Kabarettist doch nach mehreren Nachwuchspreisen 2016 den heißbegehrten „Salzburger Stier.“

Zurück in den Urlaub. Da muss Seidl durch Kloster dackeln, mit Pygmäentüren zum Hirnanschlagen. Genuss? Weit gefehlt. Vielmehr eine Offenbarung des Leidens. Richtiger Urlaub, den hatte er mit seinem besten Freund, dem Kurtl. Zelten mit Webergrill und Dauerregen. Nicht Kultur war Sinn des Urlaubs, sondern „der Weg ist das Ziel. Oder weg ist das Ziel.“ Ankommen müsse er nicht: „Ich bin schon wo.“ Letztendlich gehe es im Urlaub und im Leben um Entschleunigung, „die Zeit vergessen. Denn es gibt sie nicht mehr, die Momente, in denen … … nichts ist.“

Seidl ist auch Musiker, singt und spielt Gitarre bei der Band „Austropop“ – der Name ist Programm. Falco kann er täuschend echt imitieren. Beim Thema Zeit zückt er das Mini-Bandoneon und singt von damals: „Als die Zeit noch gestanden ist. Mit echten Freunden, die man nicht liked, sondern spüren will“. Eine völlig andere Stimmung kommt auf. Wehmut und ganz schön viel Schmalz. Aber Seidl schafft es, den Kitsch auszuklammern. Vielleicht ist es der Dialekt. Vielleicht auch die immer wieder derben Ausflüge ins Menschliche. Und dass er tatsächlich ein Philanthrop zu sein scheint. Denn sein Himmel, das ist ein großer Tisch voller Menschen, „alle eine große Familie“.

Das Publikum genießt die zwei Stunden Angriff auf die Lachmuskulatur in vollen Zügen. Doch trotz frenetischem Applaus gibt es keine Zugabe. Da bleibt Seidl mit österreichischem Charme hart. Wichtiger ist ihm ein Appell: „Wenn wir auf den neben uns nur halb so gut aufpassen wie auf uns selbst, dann geht’s uns allen besser.“ Nach mehr als zwei Stunden lassen ihn die Landsberger gnädig ziehen. Sind eben auch irgendwie Philanthropen.

ks

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