Mit dem Oktokoper auf die "Pirsch"

Der Oktokopter kurz vor dem Start aus der Hand von Anita Weimann, BJV-Referentin für Landwirtsschaft – das hohe Gras lässt keinen Bodenstart zu. Foto: BJV

Der Zeitpunkt der ersten Wiesenmahd fällt mit der Brut- und Setzzeit zahlreicher Wildtiere zusammen. Daher werden diese oft vom Mähwerk erfasst, verstümmelt oder getötet. Vor allem Kitze fliehen nicht vor der herannahenden Gefahr, sondern drücken sich ins Gras und vertrauen auf ihre Tarnung – meist mit tödlichem Ausgang. Der Bayerische Jagdverband (BJV) setzt nun auf eine neue Methode: Er unterstützt zusammen mit Projektpartnern die Weiterentwicklung einer modernen Technik zur Kitzrettung, den so genannten Oktokopter.

Die gängige Praxis: Wenn die Landwirte den Jägern den Mahdtermin rechtzeitig mitteilen, suchen diese vorher die Wiesen ab und retten so vielen Jungtieren das Leben. Knisternde Plastiktüten, Flatterbänder oder laufende Radios, die vor der Mahd am Wiesenrand aufgestellt werden, sollen die Wildtiere davon abhalten, die Grünflächen als Rückzugsgebiete zu nutzen und dort von immer größeren Erntemaschinen getötet zu werden.   Mögliche Kitzrettung in naher Zukunft: Für das Projekt „Wild­rettung bei der Grünlandmahd“ hat der BJV schon im Jahr 2008 ein Konsortium mitbegründet, in dem als Projektpartner das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen, die Firmen Claas Saulgau und isa Industrieelektronik, die TU Mün­- chen sowie die Universität Hohenheim vertreten sind. Ziel war es zunächst, einen am Mähwerk befestigten Wildretter zu entwickeln, der während der Mahd zuverlässig Wild in der nächsten Mähspur aufspürt. Neben den bewährten Infrarotdetektoren werden dafür unter anderen das Radarsystem sowie verschiedene intelligente Kamerasysteme weiterentwickelt. Die Kombination mehrerer Sensortechnologien sorgt für eine hohe Wahrscheinlichkeit, Rehkitze in der Wiese zu erkennen. Selbständige Suche Parallel zur maschinengekoppelten Variante wurde ein Fluggerät entwickelt – der soge­- nannte Oktokopter. Er überfliegt in einer Höhe von 30 bis 50 Meter die Wiese. Eine Infrarotkamera zeigt die Stellen an, an denen Kitze liegen und deshalb die Temperatur höher ist. Der Oktokopter ist nicht nur zuverlässig, er ist auch schnell: Einen Hektar Wiese kann er in vier Minuten absuchen. Zunächst werden mittels Laptop anhand einer digitalen Karte mehrere Punkte auf der Wiese festgelegt, die der Oktokopter anfliegen soll, um dort jeweils eine Aufnahme zu machen. Die vorgegebene Route fliegt der Oktokopter in einer zuvor definierten Höhe selbständig ab. Der Flug beziehungsweise das von der auf dem Oktokopter montierten Infrarotkamera übertragene Bild wird auf dem Laptop mit verfolgt. Wird ein Rehkitz auf dem Infrarotbild erkannt, werden die entsprechenden Koordinaten per Knopfdruck gespeichert und anschließend auf ein mobiles GPS-Gerät übertragen. So können die Rehkitze in der Wiese gefunden und gerettet werden. Der Oktokopter wiegt rund 1,5 Kilogramm und wird mit einem Akku betrieben. Ausgestattet ist er mit einer flexibel auf­- gehängten Infrarotkamera, wahlweise auch mit einer normalen Digitalkamera. Die Flächenleistung des Oktokopters liegt bei etwa einem Hektar in rund fünf Minuten – bei 50 Meter Flughöhe. Die Erfahrung zeigt, dass die Suche mit der Infrarotkamera am Oktokopter optimal bei bewölktem Wetter oder in den frühen Morgen- beziehungsweise späten Abendstunden funktioniert, wenn das Feld noch relativ kühl ist. Auch bei schönem Wetter kann der Oktokopter erfolgreich suchen. Hier sei es sinnvoll in einer Höhe von 30 Metern zu fliegen. "Eine Ideale Ergänzung" Landkreis – Kreist der „fliegende Wildretter“ bald über die Wiesen in der Lech-Ammersee-Region? Der KREISBOTE sprach mit dem 2. Vor­sitzenden des Jagdschutz- und Jägervereins Landsberg, Georg Duschl, über den Einsatz des Oktokopers zur Kitzsuche. Herr Duschl, was halten Sie von der Kitzsuche mit dem fliegenden Wildretter? Duschl: „Den Verantwortlichen der Jägerschaft wurden die neuen technischen Möglichkeiten schon beim Landesjägertag in Schweinfurt im Frühjahr vergangenen Jahres vorgestellt. Nach unserer Überzeugung sind die technischen Möglichkeiten durch den fliegenden Wildretter, sprich den Oktokopter, die ideale Ergänzung für einen rechtzeitigen Informationsaustausch zwischen den Landwirten und den Jägern.“ Ohne den guten Willen des Landwirtes geht es also nicht? Duschl: „Korrekt, nur wenn die Information über die Mähabsicht einer Wiese rechtzeitig an den jeweiligen Jäger geht, kann dieser mit Hilfe der fliegenden Infrarotsensoren und einer genauen Verortung der entdeckten Kitze durch Übertragung der Fundortkoordinaten auch die Voraussetzungen für eine effektive und erfolgreiche Kitzrettung schaffen. Kommen die Informationen allerdings nicht oder erst unmittelbar vor Beginn der Mäharbeiten, ist die Rettung von Kitzen auf den entsprechenden Wiesenflächen mehr als fraglich, weil die enorme Geschwindigkeit der heutzutage bei den Landwirten eingesetzten Mähtechnik dann keinen ausreichenden Erfolg mehr gewährleistet.“ Ihr Fazit? Duschl: „Es ist eine optimale Technik, die zum raschen Auffinden in der jeweiligen Wiese abgelegter Kitze beiträgt. Sie ist aber nur wirkungsvoll, wenn ein rechtzeitiger Informationsaustausch von Land­wirt und Jäger stattfindet.“ Würden Sie gerne einen Test des Oktokopers im Landkreis Landsberg haben? Duschl: „Ja, wir wären sehr an einer Vorführung vor Ort interessiert, weil damit auch gegenüber den Landwirten eine wirkungsvolle, praktische Information bereitgestellt werden kann. Unabhängig davon machen wir die Landwirte bei den derzeit stattfindenden Gesprächen zwischen den Vertretern der Jägerschaft im Land­- kreis und allen Jagdvorständen auf diese Möglichkeit aufmerksam. Zur besseren Vermittlung stellten wir dafür auch eine DVD mit der praktischen Demonstration des Oktokopters zur Verfügung.“ Wieviele Kitze fallen im Landkreis Landsberg eigentlich den Mähmaschinen und anderen landwirtschaftlichen Geräten zum Opfer? Duschl: „Dazu sind uns genaue Zahlen nicht bekannt; allerdings ist davon auszugehen, dass in den meisten der rund 120 Jagdreviere des Landkreises im Schnitt etwa drei Kitze getötet werden. Aus dieser statistischen Herleitung ergeben sich dann zwischen 300 und 400 Tiere jährlich, deren qualvoller Tod bei einem gut abgestimmten Vorgehen zwischen Landwirten und Jägern verhindert werden könnte.“ Eine ganze Menge; war das schon immer so? Duschl: „Die Problematik hat sich in den letzten Jahren allerdings auch durch die Umstellung der Landwirtschaft auf eine frühere erste Mahd etwas entspannt. Diese erfolgt auf einem Teil der Wiesenflächen inzwischen so früh, dass dort die Rehgeißen noch keine Kitze abgelegt haben.“

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