Götter in 80 Teilen

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Georg Jenisch setzte Orffs „Prometheus“ im Augustinum Ammersee als Puppentheater in Szene.

Dießen – Das Licht geht aus – die Götterwelt der Antike übernimmt Emotion und Wahrnehmung. Grausam, glamourös, fantastisch… der Bayerische Rundfunk spricht vom „Manifest des Leidens und der Ausweglosigkeit“ und das Publikum im Theater des Augustinums Ammersee gehört voll und ganz dem gigantischen Spiel auf der Bühne.

Die Spannung weicht erst am Schluss, löst sich in dezentem Applaus auf, der sich langsam steigert und in enthusiastischer Begeisterung endet. Zum 120. Geburtstag von Carl Orff inszenierte Georg Jenisch „den Menschenmacher als menschgemachte Figur“: Das Musiktheater Prometheus, das Orff am 24. März 1968 im Staatstheater Stuttgart uraufgeführt hat. Der durchgängig altgriechische Text basiert auf einer Vorlage von Aischylos. Die Neuauflage ist ein gigantisches Puppentheater. Im Mittelpunkt die mythologische Figur des Prometheus, der den Menschen das Feuer gab und sich damit gegen den Willen der Götter stellte. Schließlich wurde er von ihnen bestraft, indem sie ihn fingen, fesselten, quälten. 

Die Bühne gehört Jenisch und seinen sechs Mitspielern. Die Bühne kommt bar jeder Kulisse aus. Die Macht haben das Wort – obwohl altgriechisch, dennoch raumfüllend, begleitende Texte werden auf Tafeln an die Wand im Saal geworfen – die Orff’sche Musikgewalt, das Licht und die Figuren. Inspiriert von dieser engen Verknüpfung nähert sich das Stück dem Grundbild der antiken Tragödie und folgt detailgetreu dem Text des Aischylos und der Orff‘schen Vertonung mit Instrumenten verschiedener Herkunft. Allerdings kommt die Musik vom Band, was die Eindringlichkeit nicht stört. 

Das ist die Szene des Georg Jenisch, der Raum und Figuren verdichtet. Die Inszenierung bedient sich 80 Figurenteilen, darunter bis zu drei Meter hohe Göttergestalten, aber auch Torsi, Köpfe, Hände und Füße, zum Teil umwoben von transparenten Textilien oder mächtigen Gewändern in Gold und Schwarz. Von schwarz gekleideten Puppenspielern mit Kapuzen und Augenbinden offen geführt, können sie augenblicklich auseinander fallen und sich im nächsten Moment zu anderen Erscheinungen zusammenfügen. 

Jenisch ist ein Meister der Puppe, er schafft zum Beispiel höchst mögliche Abstraktion und Reduktion der „Bruchstücke“ – setzt eine Hand ein, oder einen Kopf und schon erkennt der Zuschauer die gesamte Figur. Das Spiel, das erst in der Phantasie des Zusehers ein Ganzes ergibt, stellt sich die Frage, wie viel menschlicher Gedanke und Vorstellungswillen in der Idee von allem Göttlichen liegt. Das Theater arbeitet aber auch Parallelen zwischen Prometheus und Jesus heraus. Beide rebellieren gegen neue tyrannische Herrscher. Sie versuchen, den Menschen zur Autonomie zu verhelfen. Aber das führt bei Beiden zum Verhängnis: Jesus wird gekreuzigt, Prometheus an den Felsen gefesselt. Dass Carl Orff mitwirkt, konnten die Zuschauer in ihrer sonstigen Begeisterung nicht uneingeschränkt teilen. Manche, vor allem jene, die ihn noch kannten, rätselten ob es dem Orff recht gewesen wäre, seine eigene Oper auf der Bühne anzuschauen. 

Ansonsten gab es uneingeschränkte Bewunderung für Konzeption, Regie und Figurenbau, womit Jenisch ein besonderes Spiel mit Formen, Fragmenten und der Phantasie der Zuschauer gelungen ist. Kein Wunder. „Ich bin süchtig“, schmunzelt Jenisch, die Sucht des Puppenspiels habe ihn fest im Griff, „einmal infiziert, das bleibt.“ Eineinhalb Jahre ungefähr habe er sich mit Prometheus beschäftigt. Von der ersten gedanklichen Vorbereitung bis zur Bühnenreife. „Aber Orff hat sich schon lange in mein Leben geschlichen“, erinnert er sich an die Inszenierung von Onofri. Orff, fährt er fort, habe früher auch Puppentheater gemacht, „seine Art, szenisch zu denken hat auch mich geprägt.“ Dies, sagt Jenisch, merke er, wenn er Orff inszeniert, „da trägt mich die Musik im Spiel und ich merke, wie Orff die Bögen spannte. Das bietet der Puppe einen wunderbaren Boden, um mit der Musik zu lustwandeln.“ 

Es bereite ihm als Spieler Freude, den Atem der Musik oder auch den des Textes in die Puppe hineinzulegen. Bis es soweit ist, müssen die Figuren und die extra Teile wie Hände oder Füße, handwerklich hergestellt werden. Es bedarf vieler Mechanismen und alter Techniken. „Die Mechanik muss vor allem leicht sein, damit die Puppe gut bespielbar ist.“ Am meisten fasziniere ihn der Entstehungs- prozess seiner Puppen. Überlasse er sich dem Bauchgefühl, „ist das Ergebnis meistens richtig.“ Vor acht Jahren fing Jenisch mit große, Puppentheater für das Künstlerhaus in München an. Inzwischen stellt er pro Jahr zwischen 200 und 300 Puppen, Torsi oder Körperteile her. 

Rein rechnerisch täglich eine. Für Prometheus sind 80 Puppen und Fragmente entstanden. Wie kommt ein Künstler, der Klavier und Komposition am Mozarteum in Salzburg studiert hat, zum Puppenspiel. Jenisch lacht: Als Kind habe er die meiste Zeit im Salzburger Marionettentheater (gegründet 1913, inszeniert vorwiegend Mozart-Opern) verbracht. Weil Professor Gretl Aicher (1928-2012), einst Leiterin des Marionettentheaters eine gute Freundin von seiner Mutter war, „hatte ich das große Glück, dass das Puppenspiel sehr früh Teil meines Lebens wurde.“

Beate Bentele

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