Persische Melancholie im Jazzformat

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Cymin Samawatie sang mit klarer Altstimme persische Gedichte des Altertums und der Moderne. Im Hintergrund Kontrabassist Ralf Schwarz, mit dem die Sängerin schon über 20 Jahre zusammen Musik macht.

Landsberg – Jazz geht gerne fremd: Er nimmt die verschiedensten Musikstile in sich auf, vermischt sie, schafft etwas Neues. Da ist es eigentlich ganz logisch, dass aus Jazz, Klassik sowie orientalischer Musik und Poesie etwas Spannendes entsteht: Die Berliner Band Cyminology, deren Sängerin Cymin Samawatie als Tochter iranischer Eltern die persische Lyrik aus alter und neuer Zeit in ihren jazzigen Kompositionen zu etwas ganz besonderem macht. Im Stadttheater webte sie zusammen mit ihren erstklassigen Musikern einen melancholischen Klang, der unter die Haut ging und im Kopf bleibt.

Edmund Epple ist schon länger auf den Spuren von Cyminology: „Schon seit die Band 2009 ein erstes Album bei ECM veröffentlicht hat, wollten wir sie hier in Landsberg haben.“ Am Freitag hat es nun endlich geklappt, wenn auch mit einem Wermuts­tropfen: Bratschist Martin Stegner von den Berliner Philharmonikern war leider krank. Aber auch ohne ihn boten Pianist Benedikt Jahnel, Ralf Schwarz am Kontrabass und der neu dazugekommene Schlagzeuger Tobias Backhaus eine hochklassige und einfühlsame Instrumentierung zu Cymins sanfter Altstimme.

Die Texte der Lieder stammen teilweise von Cymin selbst, oft vertont sie jedoch persische Dichter: Da ist zum einen der mystische Dichter Rumi, der im 13. Jahrhundert lebte, oder Hafis, der mit seinem „Diwan“ Goethe beeinflusste. Aber auch die zeitgenössische iranische Dichterin Forough Farrokhzad kommt zu Wort – ihr hat Cymin die neueste CD „Phoenix“ gewidmet. Farrokhzad ließ sich nach drei Jahren Ehe mit 19 Jahren scheiden und verlor dadurch das Sorgerecht für ihren Sohn, den sie niemals wieder sah. „Wenn du diese Zeilen liest, dann weißt du, wer wirklich deine Mutter war“, lautet auch eines ihrer Gedichte, dessen sich Cymin musikalisch angenommen hat. Melancholie liegt in allen Songs der Band. Sie rührt aus der persischen Lyrik, deren Inhalte oft um Einsamkeit, verlorene Liebe oder Vergänglichkeit kreisen.

Backhaus setzt leise klingelnd auf den Becken einen eher ungewohnten Rhythmus, in den sich Klavier und Bass fast unbemerkt einschleichen. Pianist Jahnel spielt eine schlichte Melodie, zu der Cymin zuerst im Hintergrund ohne Mikro summt: Ihre Stimme klingt wie ein weiteres Instrument, das ohne Probleme in den Oktaven hin- und hertanzt, bevor sie zum Mikrophon greift und die Melodie webt. Selten setzt sie Vibrato ein, hält die Töne klar und schlicht. Das erinnert teilweise an Filmmusik von Michael Nyman, teilweise an portugiesischen Fado, teilweise erinnert es an nichts, was man kennt, ist einfach anders.

Nach einer kurzen Klavierüberleitung ändert sich die träumerische Stimmung: Cymins Stimme wird lauter, selbständiger, die drei Musiker lassen ein unregelmäßiges Staccato erklingen, das an jemand erinnert, der zögernd Treppen hinunterspringt, die Rhythmen wechseln, getragen vom Schlagzeug. Im klassischen Jazzschema improvisieren Musiker und Sängerin. Mal „singen“ Klavier und Stimme zusammen, mal Bass und Schlagzeug, um dann einem Stimm­solo zu weichen. Der Song vertont ein Gedicht Hafis: „Wenn du die Worte aus meinem Inneren hörst, sag nicht, dass sie falsch sind.“ Man meint die Musik sprechen zu hören. Und dennoch wünscht man sich ab und zu Untertitel, um auch Cymins Worte zu verstehen.

Die Musiker und Cymin sind ein eingespieltes Team: Pianist Benedikt Jahnel, in Geretsried aufgewachsen, hat Cymin während ihres Jazzstudiums an der HDK Berlin kennengelernt. Den Bassisten Ralf Schwarz kennt Cymin bereits seit über 20 Jahren: „Damals spielte Ralf noch Gitarre und wir haben zusammen depressiven akustischen Rock gemacht“, erzählt die Sängerin. Der bisherige Schlagzeuger Ketan Bhatti ist gerade in Babypause, weshalb ein Ersatz gesucht werden musste: „Benedikt hat 20 verschiedene Schlagzeuger in Berlin vorgeschlagen, die alle klasse waren“, aber letztendlich sei die Wahl auf Tobias Backhaus gefallen – von dessen Qualität das Publikum restlos überzeugt wurde.

Cymin selbst wurde im Studium von einem ihrer Dozenten zu ihrer jetzigen Musik angeregt: „Er hatte mich auf Persisch singen hören und meinte, ich solle doch versuchen, ein persisches Gedicht als Jazzquintett zu vertonen.“ Gesagt, getan, die Grundidee war geboren und entwickelt sich nun seit 2002 zu einem immer perfekteren Ensemble. Nach dem Konzert verteilte die Band Karten mit einer Frage: „Welchen Gedanken nehmen Sie aus diesem Abend mit?“ Sicher Gedanken an eine tolle Stimme und fantastische Musiker. Und vielleicht auch der Gedanke, dass ein Miteinander von bisher völlig Fremden so gut harmoniert.

Susanne Greiner

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