Kaltenberger Ortsgeschichte(n)

Zum Molkebaden aufs Schloss

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Heute ist er nicht mehr in Betrieb, aber in den 30er Jahren hielten am Kaltenberger Bahnhof noch regelmäßig Züge.

Kaltenberg – Begonnen hat alles mit dem Jubiläum der Dorfkirche. Zum 100-jährigen Bestehen der St. Elisabeth Kapelle im Jahr 2001 sammelten geschichtsinteressierte Kaltenberger eine Menge historische Bilder. Zu viele, und zu schade, um sie hinterher einfach wegzuheften. So entstand die Idee, eine Dorf­chronik herauszubringen. Jetzt ist der zweite Band der Ortsgeschichte Kaltenberg erschienen.

Kaltenberg ist zwar einer der kleinsten Ortsteile der Gemeinde Geltendorf, überflügelt diese an Bekanntheit aber mühelos. Dies vor allem dank des Schlosses, das alljährlich Schauplatz des Kaltenberger Ritterturniers ist. Die spannende und sehr wechselhafte Schlossgeschichte nimmt breiten Raum in der gut 300 Seiten starken Ortschronik ein. Unter anderem war es die Geburtsstätte des Rechtsgelehrten und Hofratspräsidenten Wiguleus Hundt, der zu den Unterhändlern des Augsburger Religionsfriedens von 1555 gehörte. Später diente das Schloss den Jesuiten als Erholungs- und Altersheim.

Im 19. Jahrhundert erwarb dann der Ur-Ur-Großvater des Münchner Autors Sigi Sommer das Gebäude. Johann Adolph Sommer hatte ehrgeizige Pläne und stürzte sich in Baumaßnahmen, die ihn letztendlich ruinierten, dem Schloss aber sein bis heute prägendes Gesicht gaben. Er ließ den Torbogen und den markanten Südwestturm errichten und machte Kaltenberg zum Treffpunkt der ge­hobenen Münchner Gesellschaft, für die er am Ufer der Paar sogar eine Badeanstalt einrichtete. Sie bestand aus drei Wasserbecken, die von der 15 Grad kalten Paar durchflossen wurden. Oben auf dem Schloss konnte man zudem Molkebäder zur Hautpflege nehmen – Wellness anno dazumal.

Im 20. Jahrhundert entstand die Schlossbrauerei Kaltenberg. Historische Aufnahmen zeigen, wie das Bier noch in den 40er Jahren per Hand in Liter-Flaschen abgefüllt und die Bierfässer mit groben Bürsten in einer Fasswaschmaschine sauber geschrubbt wurden. 

Einige der alten Bilder stellte der heutige Schlossherr und Brauereibesitzer Prinz Luitpold von Bayern den Ortschronisten zur Verfügung. „Zur Heimatgeschichte hat man einen unmittelbaren Bezug, doch oft gehen gerade in diesem Bereich die Fakten verloren, weil sie nicht weitergegeben werden“, sagte er bei der Buchpräsentation.

Damit das in Kaltenberg nicht passiert, durchstöberte die „Arbeitsgemeinschaft Ortsgeschichte“ um Karl Arzberger elf Jahre lang Archive und Bibliotheken, befragte Zeitzeugen, trug 345 seltene Fotos zusammen und gewann für fachspezifische Themen namhafte Autoren. So schrieb der Botanikprofessor Andreas Bresinsky über die Natur und Landschaft rund um Kaltenberg. Kreisheimatpflegerin Dr. Heide Weißhaar-Kiem steuerte das Kapitel zu den Kapellen St. Elisabeth und St. Nikolaus bei. Auch hier gibt es übrigens Verflechtungen mit dem Schloss: Die St. Elisabeth-Kapelle ist ein exakter Nachbau der verfallenen Schlosskapelle und befindet sich – auch das eine Besonderheit – bis heute im Besitz der politischen Gemeinde.

Bürgermeister Willi Lehmann, nach eigenem Bekunden ein „Geschichtsfreak“, wünscht sich, dass die übrigen Geltendorfer Ortsteile dem Kaltenberger Vorbild nacheifern. „Heut­zutage nimmt sich kaum jemand mehr die Zeit, Daten und Historisches zu sammeln. Aber es wäre fatal, wenn dieses Wissen verloren gehen würde.“  Ulrike Osman

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