Zum Tod von Ottilie Schweizer

Ein Leben mit "Zinnfigürle"

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Auch im hohen Alter gerne noch im Laden der Zinngießerei anzutreffen: Ottilie Schweizer, die am Sonntag für immer die Augen schloss.

Dießen – Bis 1995 stand sie jeden Tag in ihrer Minia­turwelt aus hunderten von Zinnfiguren und hat als Seniorchefin der Zinnmanufaktur Wilhelm Schweizer den Verkauf geleitet: Am Sonntag ist Ottilie Schweizer in ihrem 97. Lebensjahr gestorben (geboren 2. Oktober 1923). Mit dem Tod von Schwiegersohn Jordi Arau im März ist ihr Lebenslicht immer schwächer geworden. Zuletzt war sie noch kurz im Krankenhaus, wo sie friedlich einschlief, in der Sicherheit, dass ihr Enkel Joan Miquel Arau Schweizer das traditionsreiche Unternehmen mit einer jungen Mannschaft weiterführt.

Ottilie Schweizer war eine starke Frauenpersönlichkeit, deren Leben von unternehmerischer Arbeit geprägt und vom praktischen Anpacken gelenkt war. Nachdem sie ihren ersten Mann verloren hatte, kam sie 1954 aus Buchloe nach Dießen und heiratete den Zinngießermeister Wilhelm Schweizer. Erst nach der Hochzeit zog sie im Zinngießer-Haus an der Herrenstraße ein. So, wie es seinerzeit üblich war. 1955 kam Tochter Annemarie auf die Welt.

Schnell ist die große stattliche Frau für Generationen von Zinnfiguren-Sammlern zum Begriff geworden. Viele Dießen-Besucher, die vor dem ortsbildprägenden gelben Anwesen stehen bleiben, und die Schaukasten mit den Geschichten in Zinn bestaunen und fotografieren, ist „Frau Ottilie“ ein Begriff, „und noch mehr haben mich fotografiert“, schmunzelte sie bei ihrem letzten runden – dem 95. Geburtstag – an dem sie viele Ereig­nisse aus der Schublade des Erinnerns holte.

Dazu gehört übrigens auch der Zweigverein Dießen im Katholischen Deutschen Frauenbund, KDFB, dem die tief gläubige Ottilie verbunden war. Sie war auch so alt wie der Dießener Frauenbund, der in ihrem Geburtsjahr, 1923, am Ammersee entstand, und dem Ottilie Schweizer 1955 beigetreten ist. Als sie 1995 zum Frauenbund-­Jubiläum als älteste Mitgliedsfrau geehrt wurde, war sie sichtlich stolz und erinnert sich, wie sie eine Zeit lang „zweite Vorstandsdame war“, in der Theater­truppe aufgetreten ist und sich stets neben ihrem Geschäftsleben für den Frauenbund eingebracht hat: „Es hat sich gehört, dass aus jedem Haus eine Frau im Frauenbund ist.“ In der Jahresversammlung 2019 erhielt sie noch die Ehrennadel der größten Frauenbewegung in Bayern, die sie stolz und mit Freude entgegennahm.

Im selben Jahr zog sich Ottilie schon etwas zurück, behielt aber von ihrer Küche aus den Laden auf der selben Ebene gut im Blick. Wurden Fragen laut, nahm sie ihren Gehstock und marschierte strammen Schrittes in ihr Geschäft, „des ist mir wichtig, des geht doch um meine Zinnfigürle“, sagte sie einmal.

Ansonsten ist der Zeitgeist nicht spurlos an ihr vorübergegangen: Immer lag ihr iPad griffbereit, „des isch des alte“, deutete sie gerne auf das Küchen-­Tablet und das neue, das zweite befände sich im Schlafzimmer, „damit ich überall Radio Horeb hören kann.“ Außerdem zeigte sie Besuchern bevorzugt die Homepage der Zinngießerei.

Allein war Ottilie übrigens nie. Im selben Haus betreibt Tochter Dr. Annemarie Schweizer ihre Arztpraxis. Außerdem kam Renate Tscheru, ebenfalls eine Frauenbundfrau, regelmäßig, um Ottilie in der Körperpflege zu unterstützen, ihr vorzulesen und um mit ihr über alte Zeiten zu plaudern.
Beate Bentele

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