Stille in St. Ottilien

Glockengeläut wegen Sanierungsarbeiten verstummt

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Baustellenbesichtigung (von links): Erzabt Wolfgang Öxler, Bauleiter Herbert Bader, Projektleiter Bruder Odilo Rahm und Axel Hofstadt (Deutsche Stiftung Denkmalschutz). Foto: Osman

St. Ottilien – Nicht nur Erzabt Wolfgang Öxler hat in diesen Tagen „ein ganz komisches Gefühl“. Auch den anderen Benediktinermönchen in St. Ottilien und vielen Menschen in der Umgebung fehlt das gewohnte Geläut vom Kirchturm der Erzabtei. Die Glocken schweigen, denn der Turm wird saniert.

Eingerüstet. Und zwar das ganze Jahr über

Die geplanten Arbeiten sind umfangreich, kostenaufwändig und schwierig. Dem 75 Meter hohen Turm (Baujahr 1898) haben Wind und Wetter über die Jahrzehnte zugesetzt, die letzte umfassende Sanierung liegt über 50 Jahre zurück. In der offenen Glockenstube haben Niederschläge zu Feuchtigkeitsschäden und Rissen im Mauerwerk geführt. Das Kupferdach des Turms hat sich stellenweise gelöst und nach außen gewölbt, was wiederum zu Schäden an Sparren und Schalung führte. Der stählerne Glockenstuhl ist teilweise durchgerostet.

Im Zuge der Sanierung werden die Holzkonstruktion des Turmhelms und die komplette Kupfereindeckung - insgesamt rund 600 Quadratmeter - erneuert. Eine Herausforderung für die Spengler besteht darin, sicherzustellen, dass die 35 Meter langen Dachbahnen beweglich bleiben, denn sie dehnen sich bei Hitze aus und ziehen sich bei Kälte zusammen. Spenglermeister Hubert Leib aus Moorenweis (Landkreis Fürstenfeldbruck), dessen Betrieb die Arbeiten übernimmt, plant mit einer Temperaturspanne von minus 30 bis plus 80 Grad. Leib will den Turm so decken, „dass er 100 Jahre hält“. Das klingt ehrgeizig, ist aber nicht unrealistisch. Leibs Großvater hat 1926 den Kirchturm von Moorenweis eingedeckt, „und der ist immer noch drauf“.

In den Turm wird ein neuer Glockenstuhl aus Eichenholz eingebaut. Die Fensteröffnungen sollen geschlossen und mit Schallläden versehen werden, was nicht nur Regen und Vögel draußen hält, sondern auch einen schöneren Glockenklang zur Folge haben wird. Bruder Odilo Rahm, Leiter des Sanierungsprojekts, freut sich schon auf den „deutlichen Zugewinn“ in Sachen Akustik. Das Läuten werde harmonischer und weicher klingen. Voller wird es auch, denn die Ottilianer lassen im Zuge der Arbeiten zu den acht vorhandenen eine zusätzliche Glocke anfertigen.

Die neunte Glocke wird voraussichtlich im Mai von einem Fachbetrieb in Innsbruck gegossen und am Benediktusfest (15. Juli) gesegnet. Sie soll den Märtyrern von Tokwon geweiht werden - Ottilianer Mönchen, die Anfang der 1950er Jahre in kommunistischen Konzentrationslagern in Nordkorea ums Leben kamen.

Die Sanierungsarbeiten werden das ganze Jahr andauern. Bruder Odilo hofft, dass kurz vor Weihnachten alles fertig ist. Die Gesamtkosten betragen 1,5 Millionen Euro und verteilen sich zu je einem Drittel auf das Bistum, die Zuschussgeber und die Erzabtei.

Eigentlich sollte die Sanierung bereits im vergangenen Jahr beginnen. Doch ein arg verspätetes Fledermausgutachten warf den Zeitplan über den Haufen. Hätte sich herausgestellt, dass die Fensteröffnungen im Turm Fledermäusen als Flugschneise dienen, wäre der Einbau der Schallfenster nicht genehmigt worden.

Die alten Kupferbleche des Turmhelms werden übrigens nicht beim Recycling landen - dazu sind sie wegen ihrer grün-grauen Patina zu wertvoll. Sie sollen laut Spenglermeister Leib in anderen denkmalgeschützten Gebäuden wiederverwendet werden.

Ulrike Osman

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