Gregorianisches mit Westernflair

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Alte Musik in neuer Klangfarbe: In St. Ottilien ließen Mundharmonika-Spieler Fabrizio Giannuzzi (Foto) und Organist Filippo Manini Gregorianische Choräle erstrahlen.

Landkreis – Mundharmonika und Orgel? Schon die Kombination ist nicht üblich. Dass die zwei italienischen Musiker Fabrizio Giannuzzi und Filippo Manini auch noch Gregorianische Musik interpretierten, machte das Silvesterkonzert in St. Ottilien zu einer spannenden Veranstaltung: neue Hörgenüsse im alten Jahr. Die Schlichtheit Gregorianischer Choräle war eher Ahnung als Gewissheit. Die Interpretation der Musiker labte sich vielmehr an Einflüssen aus dem Jazz, schaffte Bluesfeeling, schuf moderne Musik. Und dank der Mundharmonika flirrte unterschwellig immer noch die Westernromantik mit.

Die zwei Instrumente erklingen dabei vollkommen gleichwertig: oft im Dialog miteinander, mal begleitet die Mundharmonika, mal die Orgel. Dabei erinnert Erstere noch stellenweise an die Singstimmen Gregorianischer Choräle, jedoch mit viel Vibrato und unglaublicher piano-forte-Dynamik. Giannuzzi improvisiert mit allem, was die Mundharmonika zu bieten hat. Schnelle Triller und Läufe, die an Flöten erinnern. Ein Quäken, getriebene und „geschlenzte“ Töne, die an eine Trompete denken lassen. Ein langer Ton, auf dem die Orgel improvisiert. Und die rauchigen Akkorde, die einen satten Blues ausmachen.

Giannuzzi bezeichnet sich selbst als Pioniermusiker, der die Mundharmonika mittels Improvisation ausloten möchte. Dabei spielt er auch gerne mit der Zither zusammen, oder auch mit Opernsängern. Gelernt hat der Mundharmonikaspieler Automechaniker, arbeitete auch als Buchhalter. Und bereiste die ganze Welt. Doch das ist nicht alles. Zudem ist Giannuzzi Komponist. Und nicht nur Töne, auch Worte komponiert er: Gerade hat er einen Roman beendet, „Annäherung an die Freiheit“, sein Lebensthema. Denn auch die Improvisation ist für ihn ein Schritt hin zur Freiheit.

Manini an der Orgel greift in alle Register: Mit hörbarer Experimentierfreudigkeit spielt er mit der Vielfältigkeit seines Instrumentes. Jazzige Soli und moderne Improvisationen zu einem Gregorianischen Thema, manchmal auch das Geräusch einer Zughupe imitierend. Die Orgeltöne schmettern Dissonanzen, die sich in tiefen Lagen auflösen. Mal ist ein Glockenläuten zu hören, mal der klassisch begleitende basso continuo. Oder ein Flamenco- Rhythmus. Und natürlich die bombastischen Dur- und Mollakkorde, der typische Orgelklang.

Als Organist arbeitet Manini in diversen Pfarreien zwischen seinem Geburtsort Bergamo und Mailand, wo er klassische Komposition studierte. Unter seinen Kompositionen finden sich Volkslieder, er lässt aber auch Songs von Pink Floyd unter seinen Fingern neu erklingen.

Vor acht Jahren hörte Giannuzzi drei Trompetentöne in einer Kirche, die ihn verzauberten – und ihn zu einer Odyssee zahlreicher Kirchenkonzerte trieb. Warum er vor allem in Kirchen auftritt? „Raum, Geruch, Bilder, und ich vergesse, dass ich Angst habe und treffe Töne, die meine Musik sind.“ Im August 2014 traf er dann auf Giannuzzi und startete mit ihm das HarmonPipes Project. Mundharmonika und Orgel seien dabei Instrumente, die zusammen eine völlig neue Klangfarbe entstehen lassen könnten, beschreibt der Musiker.

Das Publikum in der vollbesetzten Erzabtei dankte den Musikern von Herzen mit sattem Applaus. Als Zugabe spielten sie ein italienisches Weihnachtslied, dessen Titel „nicht wirklich ins Deutsche übersetzbar sei“, lachte Giannuzzi. Genauso, wie der Titel der zweiten Zugabe nicht auf Italienisch wiedergegeben werden könne: „Da hört sich ‚Es wird scho glei dumpa‘ lang nicht so poetisch an wie im Original.“ Ebenso wie im Fall der Gregorianischen Musik war das Volkslied kaum wiederzuerkennen. Dafür ein neuer Genuss am Ende des alten Jahres.

Susanne Greiner

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