Wenn Panzer Ballett fahren

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Technik vom Feinsten, die Herz und Hirn berührt: Das Panzerballett zog die Zuhörer in ihren Bann: Josef Doblhofer (Gitarre), Alexander von Hagke (Saxophon), Jan P. Zehrfeld (Gitarre) und der Schwabhausener Heiko Jung am Bass. Am Schlagzeug saß Sebastian Lanser.

Landsberg – „Es wird etwas lauter als gewöhnlich. Wir raten gegebenenfalls zum Tragen von geeignetem Ohrschutz.“ Der Satz aus dem Programmheft des Stadttheaters hatte vorgewarnt – und tatsächlich trugen einige der Besucher spezielle Ohrstöpsel im Gehörgang. „Wir wollten einen Kontrapunkt zum besinnlichen Weihnachten setzen“, stellte Edmund Epple das Panzerballett vor. Der Raum könne die Lautstärke vertragen, „beim Publikum weiß ich das nicht“. Was dann kam war laut. Sehr laut. Und faszinierend gut.

Die Musik der fünfköpfigen Band ist am besten als Mischung aus anspruchsvollem, verkopftem Jazz und wuchtigem Heavy-Metal zu bezeichnen. Passt nicht? Bandleader und Gitarrist Jan P. Zehrfeld gibt zu, dass es zwei völlig unterschiedliche Genres sind, wie Öl und Wasser. „Aber so ein heterogenes Gemisch kann ja auch sehr schön sein“, ist Zehrfelds Devise. „Verkrassung“ nennen sie ihre Art, mit Musik umzugehen. Das sind hochkomplexe Rhythmen, gerne auch zwei unterschiedliche gleichzeitig, versehen mit Quintolen, Septolen – das sind sieben Noten, die den Taktwert vier, sechs oder acht haben – oder auch einem Neunviertel-Takt.

„Aber den zählen alle unterschiedlich, ich zähl den als Neunachtel“, grinst Zehrfeld. „Wir machen es uns nicht leicht, wenn wir solche Musik spielen“, gibt Zehrfeld zu. Beim einen oder anderen Auftritt sei auch schon mal was komplett schief gegangen. Das Können zu so hirnverknotender Musik haben sie alle. Jeder hat ein Musikstudium absolviert – Saxophonist Alexander von Hagke auch Mathematik – , alle sind schon mit Jazz- und Metalgrößen durch die Welt getourt: Gitarrist Josef Doblhofer mit Ian Paice von Deep Purple, Bassist Heiko Jung mit Klaus Doldingers „Passport“ und Schlagzeuger Sebastian Lanser mit Martin Grubinger.

Dieses Jahr lieferte die Band auch die Musik zum Stück „Gemetzel“ bei den Wormser Nibelungenfestspielen. Wichtig bei der Komplexität der Musik sei, „dass alle sehr exakt spielen“, betont Zehrfeld. „Es muss laufen wie eine Maschine. Man könnte es auch ein Mensch-Maschinen-Konstrukt nennen.“ Weltweit kommt das Panzerballett inzwischen auf gut 200 Auftritte und war auch schon Opening Act zu Chick Corea & John McLaughlin oder Nina Hagen. Ihr aktuelles Album heißt „Breaking Brain“. Das passt.

Grenzen sind für das Panzerballett dazu da, gesprengt zu werden. Der Magen wird vom durchdringenden Bass massiert, unweigerlich fangen die Köpfe an, im Takt zu zucken, das Hirn hört auf zu denken. Bei all der verqueren Komplexität der Musik vergisst das Panzerballett aber nicht den Humor. „Smoochy Borg Funk“ heißt eine Komposition, also ein Schieber für Borgs. „Das sind die aus Star Trek mit den Kabeln am Kopf, so ähnlich wie meine Rastaperücke“ erzählt Zehrfeld. Ein anderes trägt den malerischen Titel „FrantiK Nervesaw Massacre“. Aber auch Cover-Versionen gibt’s, obwohl „covern“ hier vielleicht auf die falsche Fährte führt: Von Leroy Andersons „Typewriter“ ist nicht mehr viel übrig, abgesehen vom eingespielten Schreibmaschinengeräusch. So wie auch bei der „Doofkomposition Mahna-Mahna“, wie Zehrfeld das Stück von Piero Umiliani nennt: „Das ist jetzt quintolisch, eine Fünfsechzehntel-Groove-Offenbarung“, beschreibt der Leadgitarrist.

Ab und zu ein „Ah, kenn ich!“, dann aber wieder ganz neuer Klang, vollkommen anderer Rhythmus. Die Band nimmt die Stücke komplett auseinander und baut sie virtuos zu neuen Gebilden zusammen. Das Panzerballett bezeichnet seine Musik als einen „seelenlosen, verkopften Technikschaulauf ohne Gleichen, bei dem Ihnen das Herz aufgeht und die Kinnlade nach unten fällt.“ Selbst eingefleischten Jazz-Fans ging es im Stadttheater nicht anders: Auch sie fielen in den stürmischen Applaus mit ein.

Zehrfeld bedankte sich besonders bei diesen „Genrefremden“ fürs Bleiben: „Sie haben gemerkt: Man gewöhnt sich dran.“ Der Name der Band fiel angeblich einem Freund ein, der eines der ersten Demos anhörte: „Das ist so, wie wenn Panzer Ballett fahren.“

Susanne Greiner

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