Ein Paradies für Forscher

Hans-Jürgen Gulder, Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Fürstenfeldbruckm, und Peter Graser, stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Landsberg, zeigen im Westerholz die jahrhundertealte Eiche, in der im Herbst 2010 der Eremit, eine äußerst seltene Rosenkäferart, nachgewiesen wurde. Foto: Weh

Es ist eine kleine Rarität inmitten des Westerholzes zwischen Kaufering und Scheuring: Auf rund 39 Hektar Fläche wird ein Stück Wald seit 1978 völlig sich selbst überlassen. Das Ergebnis ist ein Naturwaldreservat, das sich in einem noch weitestgehend naturnahen Zustand befindet und damit zum Lebensraum für unzählige Lebewesen und Pflanzenarten geworden ist. Doch auch für die Forschung stellt das „Labor unter freiem Himmel“ ein wahres Paradies dar.

Seit 1978 wurden in Bayern von der Bayerischen Forstverwaltung insgesamt 158 Naturwaldreservate auf einer Fläche von insgesamt über 7000 Hektar eingerichtet. In der Praxis bedeutet dies, dass hier im Gegensatz zu den intensiv bewirtschafteten Flächen die Forstwirtschaft völlig ruht. Der Wald ist sich selbst überlassen, es wird weder Holz geerntet noch werden neue Wege gebaut. Lediglich in Ausnahmefällen, wenn Spaziergänger auf den angrenzenden Waldwegen durch herab fallende Äste oder benachbarte Wälder durch Schädlingsbefall gefährdet sind, darf zur Motorsäge gegriffen werden. Das Naturwaldreservat Westerholz befindet sich im Nordosten des Waldgebietes am so genannten „Stern“, einem ehemaligen Jagdplatz der Wittelsbacher, an dem fünf Waldwege sternförmig zusammenlaufen. „Reservate dieser Ausprägung gibt es nur ganz, ganz selten“, erklärt Hans-Jürgen Gulder, Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Fürstenfeldbruck. Anlässlich des „Internationalen Jahres der Wälder 2011“ präsentierte er zusammen mit dem stellvertretenden Leiter des Forstbetriebs Landsberg, Peter Graser, diesen „Urwald von morgen“. Typische Merkmale des ehemals forstwirtschaftlich genutzten Mittelwalds sind nun alte großkronige Eichen, ergänzt durch Winterlinge, Weißerlen, Eschen, Bergahorn, Bergulmen, Lärchen, Buchen und Birken, sowie jede Menge Totholz. „Wenn durch einen Sturm Bäume umstürzen, dann bleiben sie hier liegen“, so Gulder. Denn das Totholz biete neuen Lebensraum für unzählige Pilz- oder Käferarten. So sei es im vergangenen Jahr sogar gelungen, in der Nähe des Naturholzreservates in einer jahrhundertealten umgestürzten Eiche den Eremit, eine sehr seltene Rosenkäferart auszumachen. „Das war eine Sensation in Südbayern“, freute sich Gulder. Stehendes Totholz begünstigt zudem die Ansiedlung verschiedener Spechtarten, die wiederum durch das Aufpicken der Baumrinde Wegbereiter für andere Lebewesen wie Bienen, Siebenschläfer, Haselmaus oder Fledermaus sind. „Für die stark bedrohten Fledermäuse sind diese Naturwälder oftmals letzter Zufluchtsort“, betonte Gulder. Wichtige Erkenntnisse Angesichts des außergewöhnlichen Kleinods im Westerholz ist es nicht verwunderlich, dass auch die Forschung großes Interesse an den Naturwaldreservaten zeigt. Erforscht wird der Kreislauf von Wachsen, Vergehen und Erneuern der Wälder. Die erhobenen Daten liefern wichtige Erkenntnisse für Förster und Waldbesitzer, wie sie ihre Wälder naturnah bewirtschaften können. Gerade mit Blick auf den Klimawandel sind diese Hinweise wichtig. Derzeit sind im Westerwald beispielsweise Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts unterwegs und erkunden das Verhalten der Meisen mithilfe von elektronischen Nistkästen. „Intensiv wissenschaftlich untersucht wurden im Westerholz bisher Käfer, Nachtschmetterlinge und Vögel“, erklärt Gulder. Neue Hinweisschilder Seit kurzem weisen Hinweisschilder Waldbesucher auf den besonderen Waldort hin, warnen aber auch vor den möglichen Gefahren wie herab fallende morsche Äste und modernde Bäume. Hans-Jürgen Gulder warnt daher aus Sicherheitsgründen eindringlich davor, die ausgewiesenen Wege zu verlassen. Doch auch nur, wenn der Naturwald weitestgehend ungestört bleibt, kann er sich in den nächsten 150 bis 200 Jahren hin zu einem richtigen Urwald entwickeln.

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