Open-Air-Poetry-Slam

Die Schönheit der Worte

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Florian Wintels (Bühne) aus Hannover hat den Open-Air-Poetry-Slam im Stadttheater für sich entschieden – mit Märchen und den perfekten letzten Worten. Rechts Slam-Master Ko Bylanzky.

Landsberg – Vögel zwitschern, die Kirchturmuhr schlägt acht. Temperaturen sind lau, das Bier in der Hand kalt. So im Theatergarten zu sitzen und dem Wettstreit der Dichter zu lauschen, ist wahrhaft angemessen. Wenn dann die von Slam-Master Ko Bylanzky angesagten Poeten den richtigen Ton für ihre selbstgeschriebenen Worte treffen, wird der Abend zum Genuss. Auch wenn der Lokalmatador aus München einem Niedersachsen und einem Berliner beim Wortgefecht um den Thron demütig lauschen muss.

Fast wie beim Fernsehen: Ko Bylanzky beginnt mit dem Klatschen-Üben. Denn die Zuschauer entscheiden über Wohl und Weh der Dichter mit einem normalen, lauten oder bombastischen Applaus. Wichtig sei, auch einem weniger überzeugen­den Dichter noch „den letzten Rest Würde zu lassen, damit er sich am Morgen beim Bäcker nicht schämen muss“, bittet Bylanzky. Also ein normaler, ein wohlwollender Applaus. Wenn der Vortragende gut ist, wird es lauter. Doch wenn ein Poet das selbst noch nie in Worte Gefasste so treffend darstellt, dass man „den Speichel von ihm aufnehmen will, um einen Funken seines Genius zu erhaschen“, dann wird es ein bahnbrechender, johlender, kreischender Applaus.

Die freundliche Atmosphäre tut gut. Denn wenn die Slammer das Stadttheater erobern, betreten auch Ersttäter die Bühne. Harry Hu (who?) aus Garmisch muss den Slam eröffnen. Eine schwierige Position, doch das Los hat entschieden. Eigentlich kommt Harry nicht aus Garmisch, sondern aus Afghanistan. Sein Text über die ersten Erlebnisse im neuen Land vergleicht. Er dachte, „die Leute hier sind so gekleidet wie zuhause, denn als ich 2010 nach Oberammergau komme, sind da gerade Passionsspiele“. Auch Nele B. Lang aus Holzhausen genießt ihre ersten Schritte Richtung Dichter. Ihr Text über das Labyrinth Leben sticht durch Ernsthaftkeit heraus. Und Ernst ist beim Slam nicht einfach. Der Mensch habe die Wahl, wie er lebt. Die junge Poetin empfiehlt: „Verlauft euch!“ Auch Bianca Hautz aus Österreich setzt auf einen ernsten Text. Österreich, richtig: Landsberger Poetry-Slam goes international!

Frischling&Froschkönig

Als „Frischling“ ist schwer zu bestehen neben den erfahrenen Slammern, die Bylanzky nach Landsberg lockt. Theresa Reichel aus Regensburg war 2016 bayerische U-20-Meisterin. Ihr revidierter „Froschkönig“ strotzt nur so vor wunderbaren Fantastereien. Noria Glasauer aus Plan­egg hätte 2017 fast den bayerischen U-20-Meisterschaftstitel geholt. Felix Bonke hat schon mehrmals die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften beehrt und Mate Tabula aus Germering die bayerischen.

Finn Holitzka aus Offenbach steht zum ersten Mal in Landsberg auf der Bühne, ist aber hessischer Meister. Seine Wortspiele beweisen: zurecht. Das schlecht lesbare Graffity „Versace“ („Versage“?) animiert ihn zum Text über Bester sein versus Zufriedenheit: „Dein Cayenne ist ein Porsche, meiner ein Pfeffer.“ Und schließlich ist „bester ja doch nur ein A-N-N-Anagramm von sterbe.“ Nicht zu vergessen Jannik Sellmann, bayerischer Meister 2016, mit einer Filmkritik zu „LaLaLand“, wo Schwerkraft nur eine Idee ist und an jeder Ferse ein Tanzschuh sitzt. Alle sind gut. Aber Florian Wintels aus Hannover und Noah Klaus aus Berlin sind besser.

Wintels ist niedersächsischer und bremer Meister 2016 sowie begnadeter Gruselmärchen­erzähler. „Es war einmal ein Wald“, beginnt der 24-Jährige, „von außen aus Liebe, von innen aus Holz“. Doch es vertrocknen Buschwindröschen, die Tannenfrau wird von „glühweintrunkenen Vätern“ abgesägt, die Schornsteine qualmen am Waldesrand. Es wird wärmer, der Mensch ist der Feind. Und so „bäumte sich alles auf, Schwertlilien wurden an die kleinsten verteilt und Tulpen begannen Hüa! … Zinthen zu satteln, der Klatschmohn applaudierte“. Die Fauna wehrt sich und der Mensch ist Vergangenheit. „Jetzt schlaf, mein liebes Kind, es war nur ein Gedicht, den Klimawandel gibt es nicht.“ Wintels trägt frei vor, mit großer Gestik und ausdrucksstarker Stimme. Ein leidenschaftlicher Poet mit Schauspieltalent.

Sein Widersacher Klaus wagt ein Statement zum Feminismus: „Ein Frauenleben“ beginnt mit Schminktutorials und dreiwöchigen Knutschereien. Doch nach Abi und Sex mit „Jarrett, Jones oder John, ganz casual wäre ich dann einfach eskaliert“. Mit Körbchengröße GG nackt in die Bar und über Philosophie diskutieren. Als Rentnerin mit weggekokster Nasenscheidewand Gras anbauen. Am Ende tot, aber „bereut hätte ich nichts.“ Im Finale-Vortrag besticht der Berliner durch eine eigenwillige Rapper-Variante des Zweiten Weltkriegs: Hitler als kleiner Alpha-Kevin und „der Maler wird auch noch Kanzler, Digger!“ Witzig, perfekt vorgetragen und ziemlich gut.

Aber Wintels übertrifft ihn. Er sucht „Die perfekten letzten Worte“. „Danke für die schöne Zeit, wir sehen uns dann später“ habe sein Opa auf dem Sterbebett gesagt. Ganz o.k., „aber da ist noch Luft nach oben“. Und Wintels legt los, malt ein überbordend-witziges Szenario seines berühmten Fantasie-Ichs, dessen Sterben die Menschheit betrübt. Doch die genialen letzten Worte, sie wollen nicht kommen. Denn eigentlich habe er Angst. „Dabei ist es doch nur wie ein Kuss, wie eine Achterbahnfahrt, wie ein gutes Gespräch, wie ein ganz krasser Tag.“

Wintels verzaubert auch in seinem zweiten Auftritt durch einen perfekten, leidenschaftlichen Vortrag, der vor allem eines zeigt: die Schönheit der Worte. Zurecht gewinnt er die Flasche Sekt – „immerhin dry“, ermuntert Bylanzky – und damit den ersten Open-Air-Slam Landsbergs 2017.

Susanne Greiner

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