Friedlich grasen und viel mehr

Mit dem "Lebenshof " zum Lebenstraum am Lech

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Wenn Rinder nicht mehr ‚effektiv‘ sind, finden sie ein Zuhause auf dem Lebenshof Hohenwart, den Petra Supica und ihr Mann Werner Vogt (hier im Bild) betreiben.

Hohenwart – Sie heißen Max und Moritz, Idefix und Lina, Gretel und Helmut. Bei Petra Supica hat jedes Rind einen Namen. Und noch eine weitere Gemeinsamkeit eint die bunt gemischte Herde aus Braunen, Schwarzbunten, Holsteinern und Belgiern: Die Tiere sind – aus Sicht der Nutztierhaltung – nutzlos. Sie haben Gendefekte oder sind krank, stammen aus schlechter Haltung oder warteten nur noch auf die Schlachtung. Für Tiere wie diese hat Petra Supica ihren Lebenshof Hohenwart gegründet.

„Ich wollte immer eine Landwirtschaft haben“, sagt die 58-Jährige. „Aber ein Lebenshof ist natürlich viel schöner.“ Sie hat sich einen Traum erfüllt mit dem über zwei Hektar großen Anwesen in der Gemeinde Fuchstal, direkt an der B17. Der Traum wäre vermutlich nicht jedermanns Sache. Er bedeutet, neben dem Hauptberuf morgens, abends und am Wochenende Boxen auszumisten und Tiere zu versorgen, meistens nach Stall zu stinken, ständig Tierarztrechnungen zu bezahlen und keine Fernsehsendung mehr zu Ende anschauen zu können, weil man nach wenigen Minuten auf dem Sofa eingeschlafen ist.

Doch die Inhaberin eines Hausmeisterservice‘ ist hier in ihrem Element und rundum glücklich. Mit vier Hunden und ein paar Kaninchen ist sie vor drei Jahren aus Germering (Landkreis Fürstenfeldbruck) hergezogen. Bald kamen die ersten Schafe dazu. „Als Rasenmäher“, sagt die große blonde Frau und lacht. „Weil so ein Haufen Wiese dabei ist.“ Auf Ebay kaufte sie ihre ersten Kälber, ein Zwillingspärchen, das quasi schon auf dem Weg zum Schlachter war. Dann ging es Schlag auf Schlag.

Sie nahm Rinder auf, die seit dem ersten Lebenstag in Anbindehaltung gestanden hatten. Junge Bullen, denen der Tiertransport nach Südeuropa oder in den Nahen Osten drohte, gefolgt von einem ebenso qualvollen wie kurzen Leben in der Mast mit anschließender Schlachtung oder Schächtung. Eine junge Kuh mit verschleppter Lungenentzündung und eine mit

Petra Supica und Werner Vogt mit ihren Schafen.

Sehbehinderung, Bullenkälber, die nicht wuchsen oder verhungert wären, weil sie zu schwach waren, sich ans Futter durchzudrängen. Zu jedem ihrer mittlerweile 32 Schützlinge kann Petra Supica die Lebensgeschichte erzählen, die immer auch eine Leidensgeschichte ist.

Helmut, ein wunderhübsches graues Kalb mit seidigem Fell, wurde zusammen mit zwei Stallfreunden von einer Münchner Tierschützerin hergebracht. Sie besucht das Trio regelmäßig und hat eine Patenschaft übernommen. Petra Supica bekommt inzwischen immer mehr Anfragen oder wird auf Tiere hingewiesen, die sie aufnehmen könnte. Oft muss sie nein sagen, weil sie keinen Platz mehr hat.

„Nicht gut“, antwortet die Veganerin auf die Frage, wie ihr bei dieser Art von Entscheidung zumute ist. Manchmal ist es unmöglich, eine Auswahl zu treffen – so wie neulich, als ihr jemand ein Foto von vier Jerseyrindern schickte. Ob sie sich davon eines aussuchen wolle? Natürlich nahm sie alle vier. „Aus denen wären sonst Autositzbezüge geworden.“ Auch 20 Schafe leben auf dem Hof – und sechs ehemalige Straßenhunde aus Südeuropa.

Petra Supica hat im Zusammenhang mit ihrem Lebenstraum auch ihr persönliches Glück gefunden. Zuerst kam Werner Vogt nur vorbei, um ihr bei Arbeiten auf dem Hof zu helfen. Dann funkte es. Im Mai letzten Jahres zog er zu ihr, im Sommer wurde geheiratet. Demnächst feiern die beiden ihren ersten Hochzeitstag. Vogt arbeitete früher als Fernfahrer und Inhaber eines eigenen Transportunternehmens, inzwischen ist er im Ruhestand. „Er hat einen Traktor mit in die Ehe gebracht“, sagt seine Frau und lacht.

Auch der 67-Jährige genießt die Arbeit auf dem Hof. „Ich vermisse keine Minute auf der Autobahn.“ Neben all der Schufterei sitzt er manchmal einfach auf dem Zaun und schaut den Rindern auf der Weide zu. Zahllose Wiener Würstchen und Leberkässemmeln hat er früher in Raststätten verdrückt, inzwischen ist auch er Veganer. Petra Supica ist überzeugt, dass mehr Menschen auf Fleisch verzichten würden, „wenn sie das Tier dahinter sehen würden“. Ihre beiden erwachsenen Söhne verstehen das neue Leben ihrer Mutter allerdings nicht so ganz. Sie akzeptieren es – mehr aber auch nicht.

Vogt ist in einer Landwirtschaft groß geworden. Petra Supica wuchs auf dem ehemaligen Klostergelände in Fürstenfeldbruck auf und hat als Kind viel Zeit in Ställen verbracht. Zur Vorbereitung auf ihren Lebenshof hat sie in einem Milchviehbetrieb mitgearbeitet und vielen Bauern „Löcher in den Bauch gefragt“.

Die beiden haben noch viele Pläne. Nächstes Jahr soll der Boxenstall in einen Laufstall umgebaut werden, um den Tieren noch bessere Bedingungen zu bieten. Manchmal setzt sich das Ehepaar einfach zu den Kälbern ins Stroh, streichelt Flanken und krault Köpfe. Die Tiere sind zutraulich, selbst Max, der am Anfang aggressiv wurde, wenn man mit der Mistgabel seine Box betrat. Inzwischen hat er sich zum Beschützer der sehbehinderten Lina entwickelt. „Sie ruft ihn, wenn sie draußen nicht mehr weiter weiß“, erzählt Petra Supica. Dann kommt er und hilft ihr zurück in den Stall.

Wer den gemeinnützigen Verein Lebenshof Hohenwart unterstützen möchte, kann das mit einer Einzelspende oder einer Patenschaft ab fünf Euro im Monat tun.
Ulrike Osman

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