Unterwegs mit der Pannenhilfe

Der Stau-Auflöser

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Seit 1994 leistet Michael Kemény Pannenhilfe und schleppt Unfallfahrzeuge ab. Die meisten Aufträge hat er jedes Jahr am Pfingstwochenende.

Landsberg – Pfingstwochenende. Während die meisten sich über Feiertage und Ferien freuen, hat Abschlepper ­Michael Kemény an diesen Tagen Arbeit. So viel, wie an keinem anderen Wochenende. Das belege die Statistik schon seit einigen Jahren, sagt er. Der ­KREISBOTE war zuletzt mit Kemény im Einsatz.

Das Telefon klingelt. Einmal. Zweimal. Dann greift ­Michael Kemény zum Hörer. Die übliche Begrüßungsformel. Gerade hat der Chef noch Aufträge an seine Mitarbeiter verteilt, Kaffee mit einem Schuss Milch getrunken und Formulare ausgefüllt. Jetzt muss er selbst ran. Ein Unfall? Oder wieder mal die Autobatterie leer? Mit gespreizten Fingern fährt Kemény durch seinen braun-grauen Haaransatz, stellt dem Unbekannten am anderen Ende der Leitung in aller Ruhe seine Fragen. Im Zimmer nebenan tippt jemand am Computer. Durch seine neon orange Brille mustert Kemény ein paar Sekunden den Aktenstapel vor sich auf dem Schreibtisch.

Typisch Mann

„Was ist passiert? Wo sind Sie genau?“ Noch während er auflegt, verlässt er seinen Bürostuhl, schnappt sich seine schwarze Jacke, um gleich jemandem aus der Patsche zu helfen. Die Aufgabe: Ein echter Klassiker. „Und typisch, dass des einem Mann passiert“, sagt er.

Auf dem Kemény-Hof gegenüber des Büroeingangs stehen nebeneinander aufgereiht fünf abgeschleppte Autos. Ganz rechts ein silberner VW Golf, Mängel sind allein beim Hinsehen keine zu erkennen. Die beiden Wagen auf der linken Seite dagegen sind schwer demoliert. Beiden fehlt die vordere Stoßstange, der Motorraum ist zusammengestaucht, der Motor selbst liegt frei. Ein Auffahrunfall.

Das teuerste Auto, das dort einmal stand, war ein Porsche. Das genaue Modell fällt Kemény auf Anhieb nicht ein. „Dieses Ufo halt“. Neupreis 400.000 Euro. Für den Autoliebhaber etwas Besonderes. Schon als kleiner Junge war er von Autos fasziniert, lag als Zehnjähriger zusammen mit seinem Vater drunter, schraubte und wollte alle technischen Details wissen.

Stau auf der A96

Der Sprinter mit dem Werkzeug reiche bei diesem Auftrag nicht. „Hier braucht‘s scho den Abschleppwagen.“ Kemény klettert über eine Zwischenstufe ins Drei-Mann-Führerhaus hoch, blickt kurz in den linken Seitenspiegel und dreht den Zündschlüssel. „Als Abschlepper bezeichne ich mich eigentlich ungern.“ Zu negativ sei der Begriff behaftet, denn egal ob er einen Falschparker oder einen liegengebliebenen Pkw aus dem Verkehr ziehe: Ein positives Bild komme bei Pannenhilfe oder Abschleppservice niemandem in den Kopf.

Zehn Minuten Fahrt sind vorbei, das Ziel noch nicht in Sicht, als ein Problem auftaucht. Ein bekanntes. Auf der A96 zwischen Landsberg-Ost und Schöffelding hat sich ein Stau gebildet, links und rechts warten Pkw und Lkw Stoßstange an Stoßstange. Dazwischen haben sie eine Rettungsgasse offen gelassen. Zumindest die meisten.

Ein Lastwagenfahrer mit österreichischem Kennzeichen macht nicht mit. „Des gibt’s doch net. Da ist vor mir doch grad scho die Polizei durchgefahren“, schimpft Kemény, schlägt mit der flachen Hand auf sein Lenkrad und lässt zweimal die Lichthupe aufleuchten. Bevor er nicht den Stau-Anfang erreiche, komme niemand weiter. „Des is den Herren Lkw aber wieder mal wurscht.“

Zur Rettungsgasse habe er seit seiner Zeit bei der Freiwilligen Feuerwehr eine besondere Einstellung. Damals habe er mehrfach mitbekommen, wie Einsatzkräfte behindert wurden. Jemand sei gestorben, nur weil die Gasse dicht war, sagt ­Kemény. Einmal sei ein Krankenwagen blockiert worden, weshalb sich einer der Ärzte kurz vor der Unfallstelle zum Aussteigen und Weiterlaufen entschieden habe. „Aber setzen Sie mal eine Nadel nach einem 500-Meter-Sprint mit Arzttasche. Das geht nicht.“

Diesmal ist kein Leben in Gefahr. Noch bevor die Ausfahrt Schöffelding zu sehen ist, erreicht der Abschlepper den Anrufer und sein Auto. Auf den ersten Blick sieht der graue VW Touran unversehrt aus. Mit Warnblinker macht er auf sich aufmerksam. Er steht am Rand der rechten Fahrspur, hat das rechte Vorderrad noch leicht über die äußere Fahrbahnmarkierung geschoben. Daneben wartet der Fahrer selbst, ein junger Mann, etwa Mitte zwanzig. Obwohl ein warmer Frühlingswind weht, trägt er einen schwarzen Kapuzenpulli, darüber eine orange Warnweste, die leichte Falten wirft. Er steht mit hängendem Kopf vor der Leitplanke, die Hände in den Hosentaschen. ­Kemény schert vor ihm ein, bremst ab, steigt aus.

"Das wird teuer"

„Peinlich“, stammelt der junge Mann leise. Seine Stimme zittert. So etwas sei ihm noch nie passiert. In Landsberg hatte er getankt, sich aber am Zapfhahn vertan. Statt Diesel drückte er 51 Liter Benzin in die kleine Tanköffnung hinten rechts. „Das wird teuer“, weiß Kemény – seit 1994 führt er seine „Kfz-Hilfe GmbH“. Falschtanker habe es seither öfters gegeben. Zu 99 Prozent Männer.

Von der Ladefläche des Abschleppers fährt ­Kemény ein Plateau nach hinten. Eine Art Rampe, die sich langsam auf die Straße herabsenkt und mit einem kurzen Kratzen auf dem Asphalt aufsetzt. Der Motor des Abschleppwagens brummt weiter, wird aber vom Lärm auf der Gegenfahrbahn immer wieder übertönt. Am VW verschraubt Kemény eine Abschleppöse an der vorderen Stoßstange. Spult dann direkt hinterhalb des Führerhauses ein Drahtseil mit orangem Metallhaken ab, das er an der Öse einklinkt. Per Knopfdruck zieht er den Touran auf das Plateau, das zum Schluss wieder zurück auf den Wagen gefahren wird. Fertig. Drei Minuten, 15 Sekunden und ­Kemény sitzt wieder am Steuer. Der junge Mann ist auf der Rückfahrt sein Beifahrer.

Die Schranke zum Hof geht auf, der gelb-schwarze Abschlepper passiert. „Im Auftrag des ADAC“ prangt in schwarzen Lettern direkt unterhalb der Ladefläche. Kemény ist für die Gelben Engel in Landsberg Vertragspartner für Abschleppwagen. Den Skandal von 2014 – der ADAC hatte damals offizielle Prüfberichte verfälscht – spürte deshalb auch der 54-Jährige. Viel Vertrauen sei verloren gegangen. Und damit auch Aufträge. Umgehauen habe ­Kemény das nicht. Schlimmer sei, wie dreist einige Leute seine Arbeit ausnutzen.

„Mach doch was du willst. Aber ich hab kein Geld.“ So oder so ähnlich wurde er schon begrüßt, als er Autos von der Straße holen sollte. Das Risiko, auf dem Geld sitzen zu bleiben, muss Kemény eingehen. Die Außenstände erreichten dadurch im vergangenen Jahr einen Höhepunkt, als seine Kunden ihm erstmals rund 18.000 Euro schuldig blieben.

Wer prellt, wird gejagt

Dabei machen es Abschleppdienst und Staat einem Pannen-Schmarotzer keinesfalls leicht. „Den jagen erst die Staatsanwälte, dann der Gerichtsvollzieher“, sagt ­Kemény. Den höchsten Schaden bei ihm hinterließ vor einigen Jahren ein Wanderzirkus, der einen Lkw gegen die Leitplanke setzte. ­Kemény half, machte dabei aber rund 8.000 Euro Miese.

Weil es schon 19.20 Uhr ist, muss der graue VW Touran auf dem Hof übernachten, wird erst am nächsten Morgen in einer Autowerkstatt auf Vordermann gebracht. So laufe das meistens. Kemény bedient die umliegenden Händler mit kaputten Autos, sie ihn mit Aufträgen. Was dem Touran am nächsten Morgen blüht, weiß Kemény bereits. Benzin absaugen, spülen, Dieselfilter austauschen, Leitungen neu verlegen, Tank erneuern. Für rund 6.500 Euro.

„Des is‘ der Wagen vom Vater, oder?“, fragt er den jungen Mann kurz vor dem Feierabend. Dann überträgt er noch Daten aus dem Fahrzeugschein auf ein Formular, bittet um ein Autogramm. Der junge Mann ist entlassen, Keménys Tag endet dort, wo er begonnen hat. Am Schreibtisch.

Marco Tobisch

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