Die große Welle kommt noch

Pleite in der Coronazeit - die Schuldnerberatung der Landsberger Caritas

Sybille Stengelin in ihrem Büro in der Brudergasse.
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Sybille Stengelin in ihrem Büro in der Brudergasse. Der Umzug in das neue Caritaszentrum steht Mitte des Jahres an – „wenn alles gut läuft“.

Landsberg – Die Wirtschaft leidet unter Corona. Betriebe müssen schließen, Menschen werden entlassen, sind in Kurzarbeit. Wer keine finanziellen Rücklagen hat, rutscht schnell ins Minus. Und damit schnell in eine Schuldenspirale, aus der herauszukommen ohne Hilfe für viele nur schwer möglich ist. Die Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas im Landkreis Landsberg unterstützt diese Menschen, bekommt aber auch selbst die Auswirkungen der Krise zu spüren. 

„Damals, im ersten Lockdown, da war es auf einmal total still“, sagt Stengelin, Leiterin der Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle der Caritas in Landsberg. Da habe man extra darauf aufmerksam machen müssen: „Leute, wir sind für euch da!“ Jetzt, nach einem Jahr Corona und im zweiten Lockdown, sei das anders. „Langsam merken wir, dass der Betrieb anzieht, dass die Anfragen immer mehr werden,“ meint Stengelin.

Die Hürde, sich bei einer Beratungsstelle Hilfe zu suchen, sei dennoch oft groß, das Thema schambesetzt. „Wir möchten den Menschen vermitteln, dass sie nicht alleine sein müssen mit ihren Problemen“, sagt Stengelin. Vielen würde es schon schwerfallen, die Post zu öffnen. Eine Entlastung setze oft hier bereits an. Es sei manchmal ein schmerzlicher Prozess, sich dem zu stellen. „Aber wir zeigen Lösungsmöglichkeiten auf.“ Etwa Hilfe bei der Sicherung der Existenzgrundlage, der Erstellung eines Haushaltsplanes, bei Pfändungen und Kontokündigungen, bei Fragen während eines Insolvenzverfahrens. Im Vordergrund der Unterstützung stehe immer zuerst die Existenzsicherung: die Prüfung, ob Pfändungen da sind, ob ein Pfändungsschutzkonto oder eine Pfändungsschutzbescheinigung benötigt wird.

Gründe, in eine finanzielle Notlage zu geraten, gebe es viele. „Das liegt ja nicht nur an Corona“, meint Sybille Stengelin. Erkrankungen und Sucht seien dabei insgesamt das größte Thema, aber auch prekäre Arbeitsverhältnisse sowie Scheidungen und Trennungen würden viele in eine finanzielle Schieflage bringen.

Das kleine Team der Geschäftsstelle in Landsberg und der Außenstelle in Dießen besteht aus nur zwei Beraterinnen, die in Teilzeit arbeiten, und einer Mitarbeiterin in der Verwaltung. „Erst seit Juli 2019 berate ich gemeinsam mit meiner Kollegin Petra Maier,“ sagt Stengelin. Vorher sei sie allein für Klienten aus dem gesamten Landkreis zuständig gewesen. Eine geänderte Finanzierung habe die Aufstockung möglich gemacht. „Jetzt können wir relativ zeitnah Beratungstermine anbieten.“ Waren es zuvor bis zu vier Monate Wartezeit, liege man jetzt im Schnitt bei nur zwei Wochen. Die Anzahl der Klienten wachse: Noch 2019 habe es 209, im letzten Jahr schon 254 Klienten gegeben. Hinzu kämen circa 80 Menschen, die eine telefonische Auskunft haben wollten.

Jetzt, in der Corona-Zeit, arbeite man in einer Art Schichtsystem. „Wir möchten dennoch sicherstellen, dass wir eine ständige Präsenz bieten können,“ so Stengelin. Es sei zwar derzeit je eine der Beraterinnen im Home Office, aber stets telefonisch erreichbar. Ersttermine würden meist per Telefon erledigt. Vieles könne im Vorfeld geklärt oder Aufgaben schon mal vermittelt werden, etwa eine Schufa-Auskunft einzuholen oder zusätzliche Leistungen wie Wohngeld zu beantragen. „Aber wir bieten auch Face-to-Face-Termine an,“ sagt Stengelin. Manchmal sei der persönliche Kontakt notwendig. „Dann machen wir das auch.“

Gerade im Zuge von Corona würde man merken, dass sich viele Menschen in finanzieller Not Hilfe per Internet suchen, meint Stengelin. „Da geraten sie häufig an dubiose Online-Schuldnerberatungen.“ Die seien aber immer gewerblich. Oft würden Rechtsanwälte dahinterstehen, die zwar das Erstgespräch unentgeltlich anbieten. Danach seien die Kosten jedoch umso höher. „Bei uns ist die Hilfe kostenlos“, betont deshalb die Caritas-Mitarbeiterin. Die Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas wird vom Landkreis und vom Bezirk Oberbayern finanziert.

Im Zuge der Corona-Pandemie sei ganz aktuell das Gesetz zur Kürzung der Restschuldbefreiung von Bedeutung, das im Dezember vergangenen Jahres verabschiedet wurde, jedoch rückwirkend zum 1. Oktober wirkt. Es verkürzt die Laufzeit der Insolvenz von sechs auf drei Jahre. Schuldner hätten dadurch die Möglichkeit, schneller wieder auf die Beine zu kommen, meint Stengelin.

Ein etwas schwieriges Thema: die Beratung der Selbstständigen im Zuge von Corona. „Wir dürfen ihnen allgemeine Tipps geben, etwa zum Umgang mit Gläubigern, jedoch keine tiefergehende Beratung, erklärt Stengelin. „Wir als Caritas helfen bis zur Eröffnung des Privatinsolvenzverfahrens.“ Das gelte für private Personen oder ehemals Selbstständige, die nicht mehr als 19 Gläubiger haben. Solo-Selbstständige müssten eher zu einem Anwalt gehen. Aber der koste. Es seien jedoch zu viele komplexe rechtliche und betriebswirtschaftliche Aspekte beinhaltet. „Wir sind ja Sozialpädagogen – keine Steuerberater oder Anwälte.“

Die Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas betrachte den Menschen in seiner Ganzheit und möchte auch dahin schauen, was zur Verschuldung geführt habe, erklärt Stengelin. „Wir möchten unseren Klienten dahingehend fit machen, dass er trotz laufender Regulierung der Schulden mit dem Leben klarkommt.“ Da Schulden oft mit weiteren Problemen gekoppelt seien, werde auch mit anderen Beratungsstellen zusammengearbeitet, etwa „mit den Kollegen von der Suchtberatung oder aus dem sozialpsychologischen Dienst“.

Konkrete Zahlen, die auf einen gesteigerten Beratungsaufwand durch Corona hinweisen, kann Stengelin nicht liefern. „Es kommen aber zunehmend mehr ehemals Selbstständige.“ Im Moment seien das Menschen, die mit einer GmbH Insolvenz anmelden. Aber auch Privatpersonen, die durch Corona zu wenig Aufträge haben. Besonders aus der Musik- und Gastronomiebranche, meint sie. Letztes Jahr seien 50 Pfändungsschutzbescheinigungen ausgestellt worden. Im Vergleich zum Vorjahr sei diese Maßnahme um gut ein Drittel gestiegen. Das habe vor allem damit zu tun, dass immer mehr Gläubiger Inkassounternehmen beauftragen, die mit extrem verschärften Maßnahmen vorgehen würden, etwa Telefonterror. Den Anstieg könne man daher nicht unbedingt mit Corona begründen.

Indirekte Folgen

Allerdings sei es durch Corona für Betroffene derzeit schwierig, ein Jobcenter oder die Agentur für Arbeit zu erreichen. Viele Klienten hätten zudem gar keine Möglichkeit, einen Online-Antrag zu stellen, da sie nur ein Handy hätten. Mit dem einen ALG-II-Antrag zu stellen, sei nahezu unmöglich. Die Jobcenter stünden momentan einer Antragsflut gegenüber. Das habe Auswirkungen für die Klienten. „Sie müssen länger auf ihr Geld warten.“ Gerade für die Selbstständigen sei auch die Krankenversicherung, die trotz fehlender Arbeit gezahlt werden müsse, ein „Riesenthema“. Das führe häufig zu großen Rückständen.

„Die Auswirkungen von Corona sind noch gar nicht bei uns angekommen“, meint Stengelin. Und glaubt, dass sich vieles erst im Laufe dieses Jahres zeigen werde: in Form einer großen Schuldenwelle. Es gebe Folgen, die „wir jetzt noch gar nicht sehen“: eine Servicekraft, die nicht mehr arbeiten kann. Geringverdiener, die auch noch in Kurzarbeit gehen müssen. „Eine schwierige Situation bei unseren hohen Mieten und Lebenshaltungskosten,“ meint Stengelin. „Wir sind erst an der Spitze des Eisberges.“
Andrea Schmelzle

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