Mit dem Jugendamt zur Spielsucht?

Jugendamt Landsberg bietet „Pokerkurs für jugendliche Einsteiger“ an

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Mit diesem Text wird der Pokerkurs vom Jugendamt Landsberg angeboten.

Landkreis – Voltigieren, Traumfänger basteln oder auch Improvisationstheater: Für Jugendliche bietet das Jugendamt des Landkreises Landsberg eine Menge Unter­haltung in den Osterferien. Ein Angebot sorgt aber bei manchen für Unverständnis: „Pokerkurs für jugendliche Einsteiger“. Sein erklärtes Ziel: „Nach diesem Kurs bist du in der Lage, ein Turnier flüssig zu spielen.“ Aber Moment, ist Pokern nicht ein Glücksspiel? Und kann es damit nicht auch süchtig machen?

Was ein Glücksspiel genau ist, legt der Glücksspielstaatsvertrag in Paragraph 3 Abs.1 fest: „Ein Glücksspiel liegt vor, wenn im Rahmen eines Spiels für den Erwerb einer Gewinnchance ein Entgelt verlangt wird und die Entscheidung über den Gewinn ganz oder überwiegend vom Zufall abhängt.“ Als reines Glücksspiel gilt Roulette.

Poker liege „im Kontinuum zwischen Glücks- und Geschicklichkeitsspiel“, urteilte 2014 die Uni Hamburg in einer Untersuchung. Gute Spieler seien öfter in den oberen Preisrängen als ‚Glücksritter‘. Und glaubt man dem Pokerspieler Daniel Negreanu, ist Erfolg beim Poker berechenbar. Dabei wird das Risiko mit dem möglichen Gewinn verglichen. Ist der hoch genug, könne man den Einsatz wagen. Wichtig ist hier die Statistik. Denn die so gefällten Urteile rechnen sich erst in der Wiederholung.

Aber Glück ist trotzdem dabei. Schließlich werden im Poker nicht alle Karten ausgegeben. „Jeder kann ein Poker- Turnier gewinnen, es kommt nur auf die Karten an“, sagt Poker-­Profi Eduard Scharf. Letztlich gibt es zu dieser Frage sogar ein Gerichtsurteil: Der Erfolg beim Pokern hängt stärker vom Glück als vom Können ab, urteilte das Bundesverwaltungsgericht 2014.

Ein bisschen Mathe

Ist es nun sinnvoll, Kindern und Jugendlichen einen Pokerkurs anzubieten? In dem den Teilnehmern vermittelt werden soll, dass man den Glücksfaktor im Pokerspiel mit „ein bisschen Mathe, Beobachtungsgabe und Strategie“ minimieren und somit auch gewinnen kann – zum Beispiel auch online bei Spielen um reales Geld? Hört sich das nicht fast wie eine Werbung fürs Glücksspiel an?

Christine Neumann vom Jugendamt Landsberg sieht darin kein Problem. Man wolle das Spiel für Jugendliche öffnen, sie zugleich aber für die Gefahren sensibilisieren. Es gehe somit auch um Aufklärungsarbeit zum Thema Spielsucht.

Leiter des Kurses ist Olaf Dohn aus Buchloe, Vorsitzen­der des Allgäuer Pokerclubs. Das Spiel ist seiner Ansicht nach ein Wissens-Spiel, es sei „kontrollierbar“. Im Pokerclub wird nicht um Geld gespielt, auch in der Online-Sektion nicht: „Wir spielen mit Spielgeld, das man umsonst bekommt“, erklärt Dohn. Die Kurse gebe er seit Jahren. Zum Beispiel auch an der VHS in Landsberg oder an Gymnasien, um anhand des Pokers zum Beispiel die Wahrscheinlichkeitsrechnung anschaulich zu vermitteln. Bisher habe er keine negativen Rückmeldungen seitens Lehrer oder Eltern bekommen.

Wichtig für das Pokerspielen im Club sei vor allem das Miteinander, die Unterhaltung: „Wir holen auch Jugendliche aus der Isolation heraus.“ Die zum Beispiel sonst zuhause vor dem Computer alleine Ballerspiele zocken. Das Suchtpotential im Poker schätzt Dohn eher gering ein. Weitaus schwerwiegender seien Roulette und vor allem Automatenspiele. „Denn die sind ja auch so eingestellt, dass der Kunde nicht gewinnen kann.“

Aber werden die Kinder und Jugendlichen durch den Kurs nicht dazu animiert, online ‚ihr Glück zu versuchen‘? Auch weil der Kurs laut Beschreibung belegen soll, dass der Glücksfaktor im Pokern kontrollierbar ist? Für Minderjährige sei es schwierig, online Poker zu spielen, da man nachweisen müsse, über 18 Jahre zu sein, sagt Dohn. Dieser Nachweis ist jedoch nicht immer erforderlich. Auf manchen Portalen steht lediglich der Hinweis, dass die Betreiber der Seite dazu berechtigt sind, einen realen Altersnachweis einzuholen. Ab und zu reicht schon der Klick auf „ich bin volljährig“. Dann darf man zwar nur um Spielgeld zocken. Aber Sucht kann sich auch ohne Echtgeld entwickeln.

Pädagogisch begleitet

Suchtberater Sebastian Müller von der Suchtberatungsstelle der Caritas in Landsberg konstatiert seit Jahren eine Zunahme der pathologischen Glücksspieler – vor allem im Bereich der Automatenspiele. Im Landkreis habe man inzwischen eine eigene Gruppe für Glücksspielsüchtige. Einen Poker-Kurs für Jugendliche hält er generell für eine gute Idee – wenn auch Medienkompetenz vermittelt und über das Thema Glücksspiel gesprochen werde. „Wenn dort das Spiel erlernt wird, wenn Grenzen getestet werden und es eine pädagogische Begleitung gibt, kann das ein gutes Programm sein.“ Prävention ginge inzwischen weg vom Verteufeln des suchtauslösenden Mittels. Vielmehr solle der Umgang mit zum Beispiel Alkohol, mit der Spielsucht gelernt werden.

Weitaus skeptischer äußert sich Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern: Es ergebe grundsätzlich keinen Sinn, Prävention mittels eines Pokerkurses zu betreiben. Ein nicht in ein didaktisches Präventionskonzept integrierter Pokerkurs werde keinerlei positive Effekte haben. Im Gegenteil: Es sei sogar mit „deutlichen Negativ-Effekten“ zu rechnen. Schließlich werde den Jugendlichen vermittelt, dass sie nach dem Kurs besser Poker spielen können. „Damit könnte bei den Teilnehmenden der Gedanke gestärkt werden, mit Glücksspiel Geld verdienen zu können. Kognitive Verzerrungen und eine Überschätzung der eigenen Kompetenzanteile könnten die Folge sein.“

Ob Kursleiter Dohn vom Allgäuer Pokerclub diese Forderung nach einem sinnvollen pädagogischen Konzept erfüllt, bleibt fraglich. Die Wortwahl des Jugendamtes mit „Einsteiger“ und die Zielformulierung, die Poker als berechenbar darstellt, scheinen jedoch einer pädagogischen Absicht zu widersprechen.

Susanne Greiner

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