Porträt eines Ausnahmemusikers

Edicson Ruiz ist ein Ausnahmetalent unter den Kontrabassisten: als er 2003 Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde, war er erst 17 Jahre alt. Foto: Eckstein

Türen öffnen zum weiten Feld der zeitgenössischen Musik ist das Anliegen der Reihe „Neue Musiken“. In Landsberg scheinen die Türen bereits weit geöffnet zu sein, die Menschen strömen hindurch – und danken den Musikern mit viel Applaus und Bravo-Rufen wie am Sonntag; einem Abend, der ganz im Zeichen des Oboisten, Komponisten und Dirigenten Heinz Holliger stand.

Der Schweizer Musiker Heinz Holliger (geboren 1939 in Langenthal) zählt zu den großen Namen der zeitgenössischen Musik: nicht nur als weltweit bekannter Oboist, sondern auch als Komponist von Bühnenwerken, Orchester- und Solostücken, Kammermusik und Vokalkompositionen. Die Süddeutsche Zeitung erklärte 2011 gar zum „Heinz Holliger-Jahr“. Als Dirigent gastierte er mehrmals bei den Berliner Philharmonikern und kam so in Kon­takt zu Christoph Hartmann, der mit diesem Abend in seiner Heimatstadt quasi ein musikalisches Porträt Holligers zeichnete. Beginnend mit einer Sonate für Solo-Oboe, die Holliger im Alter von 17 Jahren komponierte und die mittlerweile zum „Muss“ für jeden Oboisten geworden ist. Bereits in diesem Frühwerk spürt man Holligers Affinität zu Schumann, eine starke assoziative Kraft, die in den folgenden Stücken dann noch mehr in den Vordergrund drängt. Extra für den jungen venezolanischen Kontrabassisten Edic­- son Ruiz komponierte Heinz Holliger in dessen bevorzugter „Wiener Stimmung“ das Präludium und Fuge für Kontrabass. Mit beeindruckender Virtuosität entlockt Ruiz dem Bass nie gehörte Töne, er lebt die Musik der vierstimmig gesetzten (!) Fuge. Wenn ein Musiker ein Stück interpretiert, gibt er auch etwas von sich selbst, seiner Persönlichkeit preis. Christoph Hartmann geht noch weiter: er teilt seinen Herzschlag mit dem Publikum. In der „Cardiophonie für Oboe und drei Magnetophone“, die er mit Wolfgang Heiniger unter Ausschöpfung sämtlicher Spieltechniken der Oboe aufführte, ist die Live-Übertragung seines Herzschlags das Metronom, das sein Spieltempo bestimmt, eine ständige Steigerung ist unausweichlich. Doch auch Vertrautes gab es an diesem Abend im Stadttheater zu Hören, Edicson Ruiz demonstrierte die Vorzüge der „Wiener Stimmung“, einer Stimmtechnik, die auf die Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts abgestimmt ist, mit dem Konzert Nr. 15 für Kontrabass und Klavier von Johannes Matthias Sperger, gemeinsam mit der wunderbaren Tomoko Takahashi, die auch mit Christoph Hartmann drei Romanzen von Robert Schumann präsentierte. Fürwahr ein spannender Abend mit interessanten, ungewohnten Aspekten, sympathischen Künstlern und einer geradezu familiär-improvisierten Atmosphäre. Genau da liegt der Reiz der Landsberger Reihe „Neue Musiken“, der man viele weitere Veranstaltungen wünscht.

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